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100 Jahre Dauerzinsen

, Nadine Oberhuber

Die Schwellenländer überraschen mit guten Renditen – vor allem bei Staatsanleihen. Ist es nun Zeit zum Verkaufen oder eher zum Nachkaufen? Von Nadine Oberhuber

© Getty Images
Wer wagt gewinnt: Schwellenländer-Anleihen bringen Rendite

Normalerweise heißt es, das Gute liege nah, in diesem Fall ist es allerdings fern. Sehr fern sogar. Um genau zu sein: Es ist ganze 100 Jahre entfernt. Denn exakt im Jahr 2117 wird eine Anleihe fällig, von der sich einige Anleger derzeit Großes versprechen, zum Beispiel über sieben Prozent Rendite jedes Jahr. Was das für eine Wunderanleihe ist? Es sind argentinische Staatsanleihen, die kürzlich mit diesen Eckdaten auf den Markt geworfen wurden – und wundern darf man sich über sie tatsächlich. Vor allem, weil sie ein überwältigendes Echo fanden. Nun könnte man zwar denken, dass doch wohl niemand ernsthaft einem Staat sein Geld leihen würde, der in den vergangenen 200 Jahren bereits achtmal pleite war. Erst recht nicht, wenn dieser Dauerpleitestaat noch verspricht, dass der Anleger sein verliehenes Geld erst in 100 Jahren wiederbekommt. Dennoch war die Anleihe rund dreifach überzeichnet, knapp 3 Mrd. Euro liehen Investoren dem argentinischen Staat.

Die entscheidenden Fragen bleiben vorerst offen: Kann der chronisch klamme Staat die versprochenen 7,25 Prozent Verzinsung wirklich jährlich zahlen und zudem noch den Nennwert zu 100-Prozent erstatten, wenn es 2117 so weit ist? Womit die Rendite dann tatsächlich bei 7,9 Prozent jährlich liegen dürfte, weil die Anleihe lediglich zum Kurs von 90 Prozent platziert wurde. Dann nämlich wäre das Papier wirklich ein gutes gewesen. Doch um das zu erfahren, müssen wir wohl viele Jahre abwarten. Und wäre es nun für Anleger tatsächlich eine Überlegung wert, in solche Bonds zu investieren? Darauf antworten derzeit viele Analysten und Fondsmanager mit einer Gegenfrage: Warum nicht? Die meisten von ihnen halten es derzeit für eine gute Idee, in die Ferne zu schweifen.

Run auf Schwellenländer

Viele Investoren haben es ja auch zuletzt getan: Die Anleihen von Schwellenländern haben einen unglaublichen Zuspruch erlebt. Für rund 119 Mrd. US-Dollar kamen jüngst neue Papiere in die Welt, vorwiegend Staatsanleihen. Zudem hat der Sektor über Fonds, die ihre Mittel aufstockten, weitere Zuflüsse in Höhe von 23 Mrd. Dollar verzeichnet. Der größte Teil davon, nämlich 15 Mrd. Dollar, floss in Dollar-Anleihen. Das restliche Drittel investierten die Käufer in Lokalwährungsanleihen. Der Gesamtbereich der Emerging-Markets-Anleihen ist damit auf ein Volumen von rund 2,6 Billionen Dollar angeschwollen. Das ist mehr, als alle amerikanischen und europäischen Anleihen zusammen auf den Markt bringen, die schaffen nämlich nur 1,7 Billionen Dollar.

Der Grund für den Run auf die Schwellenländer ist leicht erklärt: Sie überraschten 2016 erstmals wieder mit guten Renditen. Um 13 Prozent stieg der Emerging Markets Bond Index (EMBI) im vergangenen Jahr an. Damit kam er auf Fünfjahressicht auf eine durchaus ansehnliche Rendite von 5,8 Prozent pro Jahr. Im laufenden Jahr schaffte er immerhin auch schon 6,75 Prozent. Die Schwellenländer scheinen endgültig wieder da.

Chancen überwiegen Risiken

Nach der Finanzkrise von 2008 hatten sie ja sehr herbe Verluste erlitten und eine mehrjährige Rezession durchlaufen. Dabei büßten sie rund die Hälfte ihres Wirtschaftswachstums ein. Statt der vorherigen acht Prozent wuchsen ihre Volkswirtschaften nur noch um magere vier Prozent, während die industrialisierte Welt zuletzt immerhin wieder auf zwei Prozent Zuwachs kam. Auch die Gesamtrendite vieler Emerging-Markets-Staatsanleihen war jahrelang auf Talfahrt. Doch bereits zum Jahreswechsel waren viele Analysten positiv gestimmt: Die Belebung der Wirtschaft habe in Asien, Südamerika und weiten Teilen Afrikas wieder eingesetzt, die steigenden Rohstoffpreise spielten den Staaten dort wieder in die Hände und ihre Verschuldung hätten immer mehr Länder nun wieder im Griff. Die Aussichten standen gut. Oder waren die guten Quoten etwa nur ein kurzes Zwischenhoch uns es ist wieder Zeit, die Gewinne daraus zu realisieren?

Nein, die aufstrebenden Staaten streben wohl noch weiter bergauf. Das zumindest sagt die Mehrzahl der Profiinvestoren und Analysten derzeit: Die Chancen in diesen Staaten überwiegen deutlich die Risiken. Natürlich stehe immer noch die Frage im Raum, wohin US-Präsident Donald Trump in Sachen Freihandel wohl rudern werde. Wird er diverse Handelsabkommen neu verhandeln und den aufstrebenden Staaten damit eher schaden als nützen? Die Gefahr ist da, doch die wenigsten Marktbeobachter glauben derzeit an schwerwiegende Folgen – schließlich habe Trump ja schon in ganz anderen Punkten seine hochtrabenden Ziele deutlich verfehlt. So lassen auch die großen Sorgen nach, der Dollar könne sprunghaft erstarken und damit jene Länder in Bedrängnis bringen, die sich stark in Dollar verschuldet haben. Zudem erhöht die amerikanische Notenbank Fed derzeit die Zinsen nur sehr moderat, was ebenfalls gut für die weniger entwickelten Länder ist. Eine plötzliche Pleitewelle bei den Schwellenstaaten sieht somit derzeit niemand heraufziehen. Das größte Gefahrenpotenzial scheint somit erst einmal gebannt.

Beimischung zum Depot für Langfristanleger

Stattdessen wird immer absehbarer, welche Länder bereits wieder robust wachsen. Neben Brasilien und Argentinien steht Mexiko auf der Positivliste vieler Analysten. In Asien gehören Indien und Indonesien dazu. Manche sind auch sehr optimistisch gestimmt für Russland, Uruguay und einige Osteuropastaaten. Bessere Leistungsbilanzen, weniger Schulden und Strukturreformen entfalteten in diesen Ländern bereits ihre Wirkung. Das mache gerade ihre Staatsanleihen derzeit zu gefragten Anlageobjekten, zumal ihre Renditen mit deutlichen Aufschlägen gegenüber heimischen Anleihen punkten könnten. Selbst die US-Treasuries bringen es derzeit bloß auf rund 2,8 Prozent bei einer Laufzeit von 30 Jahren. Demgegenüber liegen viele Schwellenländer locker bei sechs Prozent oder mehr, bei erheblich kürzeren Laufzeiten. Auch breit investierende Fonds etwa von Aberdeen, M&G oder Nordea, die auf Bonds aus den Emerging Markets setzen, kamen zuletzt auf eine Wertentwicklung von rund sieben Prozent jährlich über fünf Jahre. Der iShares-Indexfonds auf asiatische Staatsanleihen in Lokalwährung warf ebenfalls sechs Prozent jährlich ab. Solche Erträge können sich sehen lassen.

Es gibt jedoch auch warnende Stimmen. So mahnten jüngst die Fondsmanager der Investmentgesellschaft Fidelity: Jetzt noch auf den Zug der Schwellenländeranleihen aufzuspringen scheine gewagt. Vor allem Kurzfristanleger, die aus taktischen Gründen investieren wollten, sollten lieber vorsichtig bleiben, meinen sie. Solche Strategen sollten ihr Kapital lieber noch in Cash halten für den Fall, dass es demnächst zu Verwerfungen am Markt komme sollte. Danach sei ein Einstieg dann deutlich lohnender als zurzeit. Für Langfristanleger dagegen sehen sie die Lage deutlich besser. Wer darüber nachdenkt, dauerhaft in den Markt einzusteigen, für den könnten Schwellenländeranleihen – in Form eines Fonds oder Indexfonds – als Beimischung zum Depot wirklich ein gutes Mittel sein, um das Gesamtrisiko zu streuen und auf Dauer ansehnliche Renditen zu erzielen. Dafür muss man aber einen möglichen Dämpfer in den aufstrebenden Volkswirtschaften dann notfalls auch aussitzen können und Geduld haben. Es müssen ja nicht unbedingt 100 Jahre sein.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


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