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Schwellenländer nicht abschreiben

, Nadine Oberhuber

Viele Anleger zogen sich zuletzt aus den Emerging Markets zurück. Aus gutem Grund. Das heißt aber nicht, dass man Schwellenländer in alle Ewigkeit meiden muss. Sie haben noch einiges zu bieten. Von Nadine Oberhuber

Kurstafel an der Börse in Shanghai © Getty Images
An chinesischen Aktien hatten Anleger zuletzt wenig Grund zur Freude

Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


Wenn man von jemandem sagt, er sei immer für eine Überraschung gut, dann kann das natürlich ein Kompliment sein: Mit Dir wird es nie langweilig! Man darf sich also auf rasante Entwicklungen gefasst machen. Genauso gut aber kann diese Aussage eine Beleidigung sein, die bedeutet: Bei solchen Kandidaten bist Du nie sicher! Es passiert immer, womit Du gerade nicht rechnest. Schließlich sind Überraschungen nicht immer positiver sondern auch oft negativer Natur. Wie also ist es gemeint, wenn viele Analysten zurzeit sagen, Emerging-Markets-Fonds seien für eine Überraschung gut?

Emerging-Markets-Fonds – Sie erinnern sich vielleicht – sind jene Investments in Schwellenländer, von denen sich viele Anleger vor zehn, 15 Jahren den gigantischen Schub fürs Portfolio versprachen. Die Erfolgsgeschichte der aufstrebenden Volkswirtschaften überzeugte viele Börsianer. Und ihre gigantischen Wachstumsraten, nicht zuletzt getrieben vom großen Wirtschaftswachstumswunder China bestätigten die Experten lange in der Ansicht: Die Schwellenländer beflügeln die Welt. Sie werden in Sachen Wohlstand wohl rascher an die Industrieländer anknüpfen als gedacht. Das verheißt natürlich gute Aussichten für Investoren. So flossen Milliardensummen in aktive und passive Fonds, die schwerpunktmäßig in solche Länder investierten.

Inzwischen ist es stiller geworden um sie. Vor allem die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 hat bei Emerging-Markets-Anlegern blankes Entsetzen ausgelöst: Innerhalb kürzester Zeit brachen die Kurse um mehr als die Hälfte ein. Gerade die Staaten, die wirtschaftlich noch etwas schwach auf den Beinen waren, litten enorm unter den Verwerfungen des Finanzmarktes und dem Einbruch der weltweiten Exporte. Viele dieser Volkswirtschaften legten sozusagen eine Vollbremsung hin. Aber: Sie erholten sich auch beinahe genauso schnell wieder. Bereits 2009 war das Jahr, in dem der Gesamtbörsenindex der Schwellenländer, der MSCI Emerging Markets Index, eine Wertentwicklung von 73 Prozent hinlegte und beinahe die kompletten Kursverluste wieder wettmachte. Bis 2011 hatte sich der Index fast wieder auf das alte Niveau berappelt. Es blieb nur nicht lange so. Irgendwie taumeln die Schwellenländer seitdem seitwärts und legten im vergangenen Sommer sogar wieder kräftig den Rückwärtsgang ein. Seit dem Frühjahr vergangenen Jahres sind die Kurse erneut um rund 30 Prozent abgesackt.

Die Stimmung dreht sich

Etliche Investoren haben danach die Lust an solchen Anlagen verloren. Sie zogen enorme Summen aus Emerging-Markets-Fonds und ETFs ab. Auch viele Großinvestoren warfen solche Papiere haufenweise aus ihren Portfolios. Zu groß war die Verunsicherung darüber, ob das Wachstum in China nun wohl endgültig einbrechen werde – und welche anderen aufstrebenden Volkswirtschaften das wohl mitreißen würde. Und ehrlich gesagt: Diese Frage ist auch längst noch nicht eindeutig beantwortet. Die nebulöse Ankündigungspolitik der US-Notenbank Fed tat ihr Übriges. Sie drohte monatelang mit einer Anhebung der Leitzinsen, was für Schwellenlandanleger vor allem bedeutete: Der Dollar wird erstarken, die Emerging-Markets-Währungen werden schwächer und dadurch wird es für viele aufstrebende Staaten schwerer, Kredite zurückzuzahlen – die meist in Dollar bedient werden müssen. Importe verteuerten sich für sie ebenso. Zudem drohte ein Liquiditätsabfluss, weil viele Investoren aus Industrieländern nun wohl ihr Kapital wieder heimholen würden, wenn sich in Amerika wieder mehr Zinsen damit verdienen lassen würden. Bei einem größeren Zinsschritt werde es in einigen Emerging Markets „krachen“, warnten große Fondsverwalter. Alles in allem keine guten Aussichten.

Doch nun dreht sich die Stimmung deutlich. Seit über einem Jahr haben Profiinvestoren ihre Bestände reduziert, doch nun packen sie sich wieder vermehrt Schwellenländer-Aktien ins Depot. Nur noch bei elf Prozent der Großanleger sind sie untergewichtet. Insgesamt legen sie wieder stärker in Aktien an und reduzieren dafür vor allem Cash-Bestände. Außerdem ziehen sie sich eher aus Anleihen zurück. Von den Emerging Markets und übrigens auch von Rohstoffen erhoffen sie sich dagegen ein baldiges Comeback, also eine positive Überraschung. Namhafte Investoren sprechen sogar von der Chance des Jahrzehnts. Soweit die Theorie.

In der Praxis lief die Wirtschaft der aufstrebenden Staaten zuletzt noch nicht wirklich besser als zuvor. Auf den schwachen Sommer 2015 folgte ein ebenso schwaches erstes Quartal 2016. Zwar sind einige Analysten zuversichtlich, was die Konjunktur in Asien, Südamerika und Co. angeht, aber in realem Wachstum drückt sich das bisher noch nicht aus. Immerhin wirkt sich die Stabilisierung der Rohstoffpreise leicht positiv aus, denn vom Rohstoffexport leben ja viele der aufstrebenden Länder. Und der Zinsschritt der Fed hat bisher kaum Schaden angerichtet. Mit weiteren drastischen Zinsschritten ist zudem erst einmal nicht zu rechnen, verkündete Fed-Chefin Janet Yellen jüngst.

Den richtigen Zeitpunkt erwischen

So gesehen darf man gespannt sein. Wieso also nicht den Schwellenländern einiges zutrauen? Vor allem für kurzfristig orientierte Anleger ist ein Investment keine schlechte Idee, denn die können sich die starken Schwankungen bei den Emerging Markets zunutze machen. In den turbulenten vergangenen Jahren sah die Bilanz jedenfalls so aus: Wer im Frühsommer 2013 sein Geld in einen MSCI Emerging Markets ETF steckte und es beim Aufkeimen der Zweifel im Frühling 2015 wieder abzog, kassierte gut 50 Prozent Rendite ein, 25 Prozent pro Jahr. Das ist eine ordentliche Entschädigung für unsichere Zeiten und eine eher positive Überraschung. Man muss sich dann allerdings auch zutrauen, die Papiere rechtzeitig wieder zu verkaufen, sobald neue böse Vorzeichen auftauchen.

Und was ist, wenn man diesen Punkt verpasst? Wer 2015 zu lange zögerte, voll in den Absturz geriet und die Papiere bis jetzt hielt, büßte einen Großteil des Wertgewinns wieder ein und kommt nur noch auf knapp 15 Prozent Rendite, also fünf Prozent im Jahr. Wohlgemerkt im ungünstigsten Fall, dass er sie nahe am Tiefststand im Januar wieder verkauft hätte. Da muss man doch sagen: Verglichen mit Zinsinvestments ist dieser Ernstfall mit „nur“ fünf Prozent Rendite immer noch ein gutes Geschäft.

Etwas mehr und langfristigeres Vertrauen in die Schwellenländer zahlte sich also zumindest bisher aus. Über die vergangenen zehn Jahre sieht die Bilanz der Emerging Markets ETFs tatsächlich mau aus, da driftete der Kurs mit hohen Ausschlägen seitwärts. Doch sieht man die Entwicklung seit 15 Jahren, also seit 2001 – inklusive der Dividenden – so legte der Index um 170 Prozent zu. Er kommt auf eine Rendite von 8,6 Prozent seit 1998, pro Jahr. Eine negative Überraschung kann man das nicht gerade nennen.

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Sollten die aufstrebenden Staaten nun also am Wendepunkt stehen und ihrem Namen künftig wieder alle Ehre machen, so kann der Ratschlag nur heißen: einsteigen! Am besten mit einem möglichst breiten Indexfonds, der viele Länder abdeckt und nicht nur die vier Bric-Staaten. Im MSCI Emerging Markets sind 23 Schwellenländer vertreten und 840 Unternehmen. Damit vereint er 85 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung dieser Länder auf sich. Darin stecken 50 Prozent Asien: nämlich China, Südkorea und Taiwan. Vorsicht aber, es sind zu 28 Prozent Finanzdienstleister darunter und zu 20 Prozent Firmen der IT-Branche, also stark konjunkturabhängige Werte. Das sollte man wissen. Denn genau das macht den Index ja so schwankungsanfällig.

Wer es etwas weniger flatterhaft mag, der kann auch einen schwankungsreduzierten Index wählen wie den MSCI EM Minimum Volatility. Der schützt Langfristanleger stärker vor bösen Überraschungen. Dafür macht er aber auch nicht jeden spannenden Ausschlag nach oben bedingungslos mit.


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