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Rohstoffe, wie tief wollt Ihr sinken?

, Nadine Oberhuber

Lange sind die Preise für Rohstoffe gesunken, zuletzt zogen sie an. Einige Experten sagen, von nun an geht es wieder bergauf. Doch Skeptiker warnen: Für den großen Aufschwung ist es noch zu früh. Von Nadine Oberhuber

Die Yekepa-Eisenerzmine in Liberia © ArcelorMittal
Die Yekepa-Eisenerzmine in Liberia

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über GeldanlagethemenNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen


Wenn Metall auf Metall trifft, sprühen die Funken. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass zuletzt auch der Rohstoffmarkt ein kleines Funkenfeuerwerk erlebte: Dort trafen die Industriemetalle auf die Entscheidung der amerikanischen Notenbank Fed – und die fährt immer noch eine eisenharte Linie. Zwar denkt sie seit Ewigkeiten über eine Zinserhöhung nach, aber bisher kann sie sich nicht dazu durchringen. Hart wie Stahl bleibt sie also in dieser Frage und erteilte der Zinswende erneut eine Absage. Das entfachte bei den Preisen für Aluminium, Kupfer, Blei und Zink ein Kursfeuerwerk. Denn die Enttäuschung über die erneut verschobene Zinswende drückte den Dollar und das macht viele Rohstoffe endlich wieder interessanter.

Denn der sinkende Dollar führt dazu, dass die Währungen vieler Schwellenländer deutlich an Wert gewinnen. Das macht den Kauf von Rohstoffen für sie nun erschwinglicher und wird die Nachfrage anziehen lassen, so das Kalkül der Börsianer. Die Reaktion der Börse folgte prompt: Seit Langem stiegen erstmals wieder die Preisen bei Rohwaren und Industriegütern, bei manchen abrupt um mehrere Prozent. Einige Metalle notierten sogar auf Mehrmonatshöchstständen. Die Freude darüber war groß, zumindest verstiegen sich etliche Marktbeobachter daraufhin zu der These, der große Abschwung bei den Rohstoffpreisen sei nun vorbei. Er habe ja auch lang genug gedauert.

Ist die Wende erfolgt?

Erst im Spätsommer dieses Jahres lotete der Bloomberg Commodity Index seinen vorläufigen Tiefstpunkt aus. Er ist einer der am breitesten angelegten Indizes, der die Preise von 20 Rohstoffen bündelt. Mitte August fiel er auf den tiefsten Stand seit 16 Jahren. Damit legte er insgesamt die längste Abwärtsphase seit 1999 hin, denn bereits von 2011 an ging es mit dem Rohstoffindex bergab, vier lange Jahre lang. In der Zeit sank er von 174 Punkten auf 85, um knapp 50 Prozent. Selbst der in Euro notierende Bloomberg Commodities Total Return Index verlor in dieser Zeit 30 Prozent. Doch seit Ende August nun klettert der Index zumindest ein wenig wieder bergauf und notiert aktuell bei 87 Punkten. Ist die Wende zum erneuten Kursaufschwung bei den Rohstoffen also erfolgt?

Es sieht so aus, sagen Analysten: Das Schlimmste sei überstanden, sagt etwa der Vermögensverwalter Pimco, der selbst einen zweistelligen Milliardenbetrag am Rohstoffmarkt investiert hat. Die Nachfrage stabilisiere sich, bekräftigt die Investmentbank Morgan Stanley. Und die Landesbank LBBW sieht die Trendwende zwar noch nicht vollzogen, sagt sie aber für 2016 voraus. Im kommenden Jahr würden die Kurse um 10 bis 15 Prozent zulegen.

Das klingt gut. Das Problem ist nur: Eintreffen muss es deswegen noch lange nicht. Denn Skeptiker sind der Meinung, der Markt sei derzeit viel unberechenbarer und schwieriger einzuschätzen als zuvor. Darum sei auch die Richtung unklar, in die es künftig gehen werde. Statt zum großen Rohstoffrun könnte es ebenso gut dazu kommen, dass die Nachfrage trotz Währungsschwankungen verhalten bleibe. Schließlich schwächele die Weltkonjunktur derzeit, deshalb bräuchten viele Länder gar nicht mehr Rohstoffe als sie ohnehin schon am Weltmarkt kauften. Noch sei das Angebot auf vielen Rohstoffteilmärkten jedenfalls erheblich größer als die Abnahmemengen.

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Das Wachstum fehlt

Das liegt vor allem an der Geldpolitik der Notenbanken, die bereits seit Jahren den Markt verzerrt. Weil die Zentralbanken nach der Finanzkrise die Märkte mit billigem Geld fluteten, verleiteten sie viele Produzenten zu großen Investitionen. Minengesellschaften und Ölgesellschaften pumpten viel Geld in neue Anlagen und fördern seitdem, was das Zeug hielt. So bauten sie gewaltige Überkapazitäten auf und spülen nun jährlich ein Überangebot an vielen Rohwaren auf den Weltmarkt. Die Abnahmemengen indes zogen nicht im gleichen Maße nach, weil die Konjunktur vor allem in China und anderen Schwellenländern seit einer Weile lahmt. Das alles setzte die Preise gewaltig unter Druck, sie sinken und sinken.

Damit die Rohstoffpreise wirklich langfristig nach oben drehen, müsste in vielen Volkswirtschaften demnächst die Wirtschaft wieder kräftig wachsen. Besonders was das Wachstum in China angeht, sind sich aber viele Beobachter unsicher, ob sich die Entwicklung der vergangenen Jahre so fortführen lässt. Zum Beispiel der kanadische Wirtschaftsprofessor David Jacks von der Simon Fraser Universität, der die Zyklen am Rohstoffmarkt über 160 Jahre analysiert hat. In China habe sich schließlich in nur 20 Jahren ein beispielloser Aufschwung ereignet, in dessen Folge etwa 300 Millionen Menschen vom Land in die Städte gezogen seien. Das habe einen gewaltigen Bedarf an Konsumprodukten und Infrastruktur ausgelöst.

Frühere Wellen der Industrialisierung und Verstädterung gingen erheblich langsamer vonstatten und hielten über Jahrzehnte wenn nicht sogar länger als ein Jahrhundert an, sagt Jacks. Die entscheidende Frage ist also: Kann es in China wirklich in dieser Geschwindigkeit weitergehen? Geriete das Wachstum dort dagegen an seine Grenzen, würden sich auch viele Ökonomien in Chinas Schlepptau künftig viel langsamer entwickeln – mit Folgen für den Rohstoffmarkt.

2016 oder 2030 – das ist nun die Frage

 Eins kann Jacks klar sagen: Vier Wellen von Rohstoffsuperzyklen hat es urbanisierungs- und industrialisierungsbedingt seit 1865 gegeben. Dabei hätten seit dem Jahr 1900 die Abschwünge jeweils länger gedauert als die Aufschwünge. Nach dem großen Superzyklus von 1973 waren es 26 Jahre des Rohstoffpreisverfalls. Danach begann der vorläufig letzte Aufschwung, der im Jahr 2000 einsetzte und elf Jahre anhielt. Seit vier Jahren nun geht es bergab. Geht man davon aus, dass auch dieser Zyklus dem üblichen Muster folgt, so Jacks, dann müsste es rund 26 bis 30 Jahre dauern, bis der Rohstoffmarkt zum nächsten Höhenflug ansetzt. Das wäre demnach erst im Jahr 2030. Bis dahin, so der Ökonomieprofessor, würden die Kurse eher seitwärts pendeln.

2016 oder 2030 – das ist nun die Frage. Eindeutig aber lässt sich sagen: Der nächste Aufschwung kommt bestimmt, auch wenn noch nicht klar ist wann. Wer der optimistischen Einschätzung der Marktakteure glaubt, setzt darauf, dass es bereits ab 2016 bergauf geht und die bisherigen 50 Prozent Preisverfall bereits das Schlimmste gewesen sind. Dann könnte man jetzt in einen breit aufgestellten Rohstoff-Indexfonds investieren. In einen ETF auf den Bloomberg Commodities Index etwa, oder in den S&P GSCI. Wer den schwankenden Ölpreis nicht mit im Depot haben will, sondern nur Metalle, dann bietet sich auch der GSCI All Metal Index an.

Und dann heißt es, darauf warten, ob die Kurse im kommenden Jahr tatsächlich zweistellig bergauf preschen. Tun sie es nicht, wäre die schlaueste Idee: Entwickeln Sie Nerven wie Stahlseile! Vergessen Sie das Papier, aber lassen Sie es unbedingt im Depot. Denn spätestens 2030 werden ganz heftig die Funken sprühen.


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