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In der Pflegefalle

, von Britta Langenberg

Von der jüngsten Reform profitierten die bisherigen Patienten. Doch viele Versicherte, die erst in der Zukunft auf Pflege angewiesen sind, müssen sich auf geringere Leistungen einstellen. Was zu tun ist

Mann mit Gehstock © dpa
Mann mit Gehstock: Das Pflegerisiko steigt erst ab 75 bis 80 Jahren deutlich an

Was für ein Wahlkampfauftakt! Zu Beginn des Jahres 2017 konnte Gesundheitsminister Hermann Gröhe noch mit populären Wohltaten aufwarten: mehr Geld für die Pflege. Das Zweite Pflegestärkungsgesetz sei ein „großer Fortschritt“ und „Meilenstein für eine bessere Versorgung“, trompetete der Minister. Niemand, der 2016 pflegebedürftig war, stehe nach der Reform schlechter da – viele sogar besser.

Stimmt auch: Keiner dieser Patienten verliert Geld. Und die Mehrheit der Versicherten erhält mehr Unterstützung, zum Beispiel weil der neue Pflegebegriff auch Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz wie bei Demenz besser erfasst. Allein diese Umstellung entlastet viele heutige Patienten um bis zu 609 Euro im Monat. Wegen leichterer Zugangskriterien können 2017 zudem geschätzt 200.000 Versicherte erstmals Leistungen erhalten.

Die Reform ist der größte Umbau der gesetzlichen Pflegeversicherung seit mehr als zwei Jahrzehnten. Zehn lange Jahre wurde darum gerungen. Auch finanziell sind die Auswirkungen beträchtlich. 5 Mrd. Euro werden Jahr für Jahr zusätzlich ausgeschüttet – ein wahrer Segen für die 2,8 Millionen Pflegebedürftigen hierzulande und ihre Angehörigen.

Was Gröhe nicht sagt: Der Systemwechsel hat auch einen Preis, und den werden die Versicherten wohl erst langsam spüren. Die Erhöhung des Beitragssatzes um 0,2 Punkte auf 2,55 Prozent (Kinderlose: 2,8 Prozent) zum Jahreswechsel fiel vergleichsweise bescheiden aus, die milliardenschweren Mehrkosten werden so langfristig kaum zu bezahlen sein. „Erstaunlich großzügig“ sei die Reform, sagt etwa Heinz Rothgang, Professor an der Uni Bremen, allerdings auch „sehr teuer“. Allein in diesem Jahr betrage das Defizit unterm Strich mehr als 3 Mrd. Euro.

Auch solche Kosten tragen irgendwann die Versicherten. Und die besseren Leistungen gepaart mit höheren Beiträgen bedeuten keineswegs, dass nun alle Risiken abgedeckt sind. Ein Rundum-sorglos-Paket liefert die Pflegeversicherung auch künftig nicht, sie bleibt ein Teilkaskoschutz. Familien müssen nach wie vor hohe Eigenanteile aufbringen, für einen Heimplatz im Bundesschnitt monatlich rund 1500 Euro.

Die Verlierer der Pflegereform

Hinzu kommt, dass die Reform für künftige Pflegefälle die Leistungen kräftig umverteilt. Gegenüber dem bisherigen Versorgungskatalog muss sich daher ein Teil der Versicherten, die seit Jahresbeginn erstmals auf Pflege angewiesen sind, auf Einschnitte einstellen. Im ambulanten Bereich werden rund 15 Prozent der neuen Patienten laut Ökonom Rothgang weniger Geld erhalten als vergleichbare Fälle 2016. Das betrifft vor allem Menschen mit rein körperlichen Gebrechen, etwa weil sie selten die hohen Pflegegrade 4 und 5 erreichen.

Bei einer Heimunterbringung zahlen rund 30 Prozent der neuen Fälle einen höheren Eigenanteil – all jene, die zuvor in Pflegestufe I gelandet wären. „Die Reform wäre noch viel teurer geworden, wenn nicht ein Teil der künftigen Pflegefälle schlechtergestellt worden wäre“, sagt Peter Schramm, Finanzmathematiker und Gutachter. Er warnt: „Die finanzielle Lücke ist für viele Versicherte in den niedrigen Pflegegraden gewachsen.“

Weil die Pflege zu den Pflichtversicherungen zählt, gelten die neuen Regeln für gesetzlich und privat Krankenversicherte. Und selbst bei privaten Zusatzpolicen lohnt es sich jetzt, die Absicherung neu zu prüfen.

Am unmittelbarsten bekamen Privatversicherte die Folgen der Reform im Januar zu spüren: Branchenweit stiegen ihre monatlichen Prämien zur obligatorischen Pflegeversicherung laut dem Verband der Privaten Krankenversicherung von durchschnittlich 30 auf gut 37 Euro – ein Plus von immerhin 23 Prozent.

Ähnlich lief es bei vielen Zusatzversicherten, die privat für den Pflegefall vorsorgen – am häufigsten mit einem Pflegetagegeld und dem staatlich geförderten Pflege-Bahr. Bei beiden Policen zahlen die Versicherer ihren Kunden im Fall der Fälle monatlich eine vereinbarte Summe. Auch für diese Kunden stiegen die Beiträge spürbar. Und das, obwohl die Branche sogar ihre Reserven anzapfte, um einen größeren Prämienschock zu vermeiden. Der Marktführer Debeka deckelte Beitragssteigerungen bei seinen Zusatzpolicen auf zehn Prozent, bei der Allianz betrug das maximale Plus für Kunden nach Unternehmens-angaben weniger als acht Prozent. Immerhin warten aber auch die Privaten mit einer Leistungsgarantie für Kunden auf, die bereits 2016 ein Pflegefall waren.

Anders sieht es hingegen für Versicherte aus, die schon länger einen Zusatzvertrag haben, aber erst künftig pflegebedürftig werden, befürchtet Peter Grieble von der Verbraucherzentrale in Stuttgart. Weil fast alle Versicherer bestehende Policen ebenfalls für die neue Welt umrüsten, werde es Kunden geben, die im Pflegefall weniger Geld bekommen als ursprünglich – nach dem alten System – vereinbart.

Denkbar ist das. Denn die Unternehmen müssen ihre Leistungen von bisher drei Stufen auf fünf neue Pflegegrade verteilen. Sprich: Wer früher in Pflegestufe III ein Tagegeld von 100 Prozent kassiert hätte, muss sich nunmehr in Pflegegrad 4 womöglich mit 70 Prozent begnügen. Über alle Pflegegrade hinweg bleibe der Schutzumfang aber gleich, argumentiert die Branche.

„Das Zurückdrehen von Leistungen halten wir bei privaten Verträgen für extrem problematisch“, sagt Verbraucherschützer Grieble. Er rät Betroffenen zum Widerspruch. Aus seiner Sicht müssten die Unternehmen solchen Kunden wenigstens die Wahl lassen – ob sie künftig mehr Beitrag bezahlen oder auf Leistungen verzichten.

Die 40 privaten Versicherer geraten durch die Reform in ein Dilemma: Sie müssen die neuen Mehrleistungen in der Pflege für alle ihre Kunden finanzieren. Anders als die gesetzliche Pflegekasse müssen sie ihre Zusatzangebote aber auch verkaufen – und den Beitrag möglichst niedrig halten. Hohe Prämien sind Gift für das Geschäft.

Schon jetzt sind die privaten Zusatztarife für Sicherheitsbewusste nicht ganz billig: 45-Jährige zahlen für ein nach Pflegegraden gestaffeltes Tagegeld von maximal 1000 Euro laut Analysehaus Morgen & Morgen derzeit 35 bis 55 Euro im Monat. Günstiger gibt es nur den Pflege-Bahr, der jedoch keine nennenswerte Absicherung bietet.

Nicht das billigste Angebot

Dabei gäbe es für die privaten Versicherer durchaus einen Grund, die Werbetrommel zu rühren: Mit dem neuen Pflegebegriff hat Gröhes Reform nämlich en passant das größte Manko ihrer Tagegelder beseitigt. Bisher schlossen viele Tarife ordentliche Leistungen bei Demenz aus. Wenn sie diese jetzt an die neuen Regeln anpassen, die körperliche und kognitive Einschränkungen gleichwertig berücksichtigen, müssen die Privaten nun auch Schutz zusagen. Das ist eine enorme Verbesserung, immerhin leiden bereits 1,6 Millionen Deutsche unter Demenz. 2040 werden es wohl 2,6 Millionen sein.

Bei der Wahl einer neuen Police sollten Interessenten aber auf Fallstricke achten: Versicherer und Vertriebsleute ködern mögliche Klienten gern mit niedrigen Prämien, verkaufen dann aber viel zu geringe Absicherungen. Zudem gleichen ihre Standardangebote neu entstandene Lücken nicht aus, weil sie das gesetzliche System nachbilden, anstatt es zu ergänzen. „Auch für Zusatzversicherte hat sich die Lücke in den niedrigen Pflegegraden vergrößert“, urteilt Experte Schramm.


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Das zeigt ein Beispiel aus der ambulanten Versorgung: Wer jetzt wegen rein körperlicher Einschränkungen in Grad 2 eingestuft wird, kann monatlich mit gesetzlichen Sachleistungen von 689 Euro kalkulieren. Ein typischer Tagegeldtarif (Leistung: maximal 1000 Euro) würde weitere 250 bis 300 Euro beisteuern. Das reicht immer noch kaum für eine Haushaltshilfe. Eine Pflege zu Hause ist aber das, was sich die meisten Deutschen wünschen – jedenfalls solange es geht.

„Der Absicherungsbedarf ist in den unteren Pflegegraden viel höher, als viele denken“, sagt der zugelassene Versicherungsberater Stefan Albers. Er plädiert dafür, das Pflegerisiko im Blick zu behalten. Jeder zweite Mann und fast drei Viertel der Frauen sind irgendwann einmal auf Hilfe angewiesen – laut Statistik für zweieinhalb bis vier Jahre.

Wenn Albers für Mandanten solche Pflegebiografien simuliert, um den Kapitalbedarf für eine ordentliche Pflegeversorgung zu ermitteln, kommt er auf Summen von 80.000 bis 100.000 Euro. „Wer so viel liquide Mittel hat, muss sich keine Sorgen machen“, sagt Albers. Alle anderen brauchten – auf Basis ihrer Vermögensverhältnisse – einen Mittelweg zwischen passabler Absicherung und bezahlbaren Prämien.

Als mögliche Lösung offerieren zehn Anbieter, darunter Allianz und Alte Oldenburger, ein Tagegeld mit einer Art Flatrate. Bei diesen Spezialtarifen erhält der Kunde in allen Pflegegraden – auch den unteren – die volle versicherte Summe. Einzig in Grad 1 machen viele noch Abstriche. Wer als 50-Jähriger über eine Flatrate runde 1050 Euro absichern will, zahlt dafür allerdings monatlich mindestens 70 Euro.

Auf steigende Kosten für ihre Absicherung müssen sich die Deutschen wegen der wachsenden Zahl von Pflegebedürftigen ohnehin einstellen – privat und gesetzlich. Zwar garantierte Minister Gröhe noch im Herbst, der gesetzliche Beitrag bleibe bis 2022 stabil. Inzwischen formuliert der Jurist aber vorsichtiger: Er gehe „auf heutiger Basis“ von stabilen Beiträgen bis 2022 aus.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 03/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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