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Ölpreis - total abgeschmiert

, Nadine Oberhuber

Der Ölpreis fällt, und zieht einige Papiere und Indizes mit nach unten. Es gibt auch Gewinner – wenn das Barrel billig bleibt. Von Nadine Oberhuber

Ölpumpe
Ölpumpe: Der Preis für das schwarze Gold ist stark gefallen

Als zähflüssig ist Öl eigentlich bekannt, aber wenn es unter Druck steht, dann schießt es geradezu in ungewohnte Richtungen. Meist sprudelt es dann aus Bohrlöchern nach oben, doch in den vergangenen Tagen schoss es in die entgegengesetzte Richtung, es presste den Ölpreis geradezu zu Boden. Von 56 Dollar pro Barrel ist er auf rund 50 Dollar abgeschmiert in nur zwei Tagen. Gut, das ist keine Bewegung, die man nicht bereits in der Vergangenheit so ähnlich erlebt hätte, wenn auch in kleinerem Ausmaß oder in einem etwas längeren Zeitraum. Bereits ab 2015 konnte man dem Verfall des Rohölpreises zusehen bis er Anfang des Jahres 2016 auf den Tiefststand von rund 30 Dollar sank. Doch seitdem kriecht er wieder bergauf, fast bis zur 60-Dollar-Marke. Bis zum jetzigen Einbruch. Der kam nicht nur sehr schnell, sondern für viele auch wirklich überraschend.

Brent Crude Rohöl ICE Rolling Rohstoff

Brent Crude Rohöl ICE Rolling Rohstoff Chart

Schließlich hatten noch zu Beginn der vergangenen Woche die Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) die Hoffnungen der Branche geschürt: Die IEA ging in ihrer Fünfjahresprognose davon aus, dass die Nachfrage nach dem schwarzen Gold groß bleiben und weiter zunehmen werde. Bereits ab 2019 werde die Welt wieder enorm hohe Ölpreise erleben, spätestens aber ab 2020. Vor allem die Schwellenländer würden den Verbrauch weiter antreiben. Die Motoren ihrer Volkswirtschaften laufen zur Zeit gut und auch die Automobilquote in Ländern wie China und Indien wächst – wenn auch in China etwas langsamer als gedacht. Daher werde die magische Schwelle von 100 Millionen verbrauchten Barrel pro Tag vielleicht schon 2020 erreicht, prognostiziert die IEA. Zudem dürfte sich bis dahin auswirken, dass viele Förderunternehmen zuletzt wegen der niedrigen Preise zu wenig investierten. Das dürfte das Angebot verknappen, von gefährlichen Engpässen ist die Rede.

Die Aussichten fürs Öl sind also eigentlich gut. Wenn nur Amerika nicht wäre. Amerika ist für manche Überraschung gut dieser Tage, diese hier hat aber ausnahmsweise nichts mit Donald Trump zu tun. Seit einer Weile bereits fördern die amerikanischen Ölgesellschaften das schwarze Gold sozusagen auf Autarkie komm raus. Das Land will so viele Barrel wie nur möglich aus eigener Kraft produzieren und sich damit unabhängig von den Weltfördermengen machen, die von der OPEC stark kontrolliert werden. Die Organisation Erdöl exportierender Länder tritt seit geraumer Zeit mächtig auf die Bremse bei den Fördermengen, um den Preis durch übermäßige Produktion nicht noch stärker absacken zu lassen. Gegen die Konkurrenz in den USA kommt sie aber zurzeit nicht an.

Öl-Lagerbestände sind stetig gewachsen

Dort schießen nämlich die Zahlen in die Höhe, vor allem die Zahl der Bohrlöcher: Aus über 600 Quellen pumpen amerikanische Gesellschaften derzeit den Schmierstoff für die Wirtschaft. Das sind 100 Bohrlöcher mehr als noch im Dezember und rund 200 mehr als vor einem Jahr. Entsprechend viel mehr füllten die Produzenten auch ab, nun liegen stapelweise Fässer in ihren Lagern. Seit nunmehr neun Wochen in Folge sind die Lagerbestände stetig gewachsen. Insgesamt hat die gehortete Menge damit einen neuen Allzeitrekord erreicht, meldete die zuständige US-Behörde Energy Information Administration. Genau das hat den Ölpreis an den Märkten so in den Keller gedrückt.

Nun kann man sagen: Zumindest die kontinuierlich steigende Lagermenge hätte man ja erkennen müssen und gewarnt sein können. Wieso hat also der Preis so rasant reagiert und so viele Börsianer überrascht? Man kann das mit dem Gewöhnungseffekt erklären: Wenn die gehorteten Mengen eben Woche für Woche steigen und das seit mittlerweile Jahrzehnten, nämlich seit den 50er-Jahren, wo ist dann das Gefahrenpotenzial? Im Prinzip deutet es sich bereits seit 2015 an, denn von da an strebte die Lagermenge sehr steil nach oben. Und in den vergangenen Wochen stieg sie noch einmal sprunghaft an. Jetzt erst schwante offenbar vielen spekulativen Investoren, die mit ihren optimistischen Wetten auf weiter steigende Kurse den Preis fürs Öl hoch gehalten hatten, dass der Auftrieb wohl bald zu Ende sein könnte. Viele von ihnen trennten sich in den vergangenen Tagen von Papieren, mit denen sie auf steigende Preise setzten und setzten die Ölnotierungen damit gehörig unter Druck. Und nicht nur das.

[Seitenwechsel]

Trotz seines jüngsten Aufwärtsdralls ist der Ölpreis auf Dreijahressicht nun um 50 Prozent abgesackt, auf Fünfjahressicht sogar um 56 Prozent. Wohl dem also, der sich im Frühling 2016 nicht von optimistischen Prognosen hat verleiten lassen, selbst aufs Ölgeschäft zu wetten. Nun könnte man denken: Was interessiert den Rest der Anlegerwelt der Ölpreis, wo doch nur wenige direkt auf ihn spekulieren? Er geht aber sehr wohl auch viele Kleinanleger an, denn die Schockwellen des Ölmarktes verbreiten sich rasch über andere Teile des Finanzmarktes und zwar rund um die Welt. Die asiatischen Börsen waren die ersten, die nach dem Absturz zuckten. Aber auch beim Eurostoxx und beim Dax waren auf Wochensicht Bremsspuren zu erkennen.

Immer wenn der Ölpreis rutscht, reagieren Aktienanleger verunsichert, sie trennen sich dann von den Papieren der Ölkonzerne – die in vielen Indizes zu den Schwergewichten gehören – und drücken damit den gesamten Markt. In Amerika traf es besonders Chevron und Exxon, die Kursverluste von mehreren Prozent verbuchten und damit den Dow Jones um fast zwei Prozent in die Knie zwangen. Exxon gab auf Wochensicht rund vier Prozent ab, Chevron in der Spitze sogar knapp sechs Prozent. Der S&P Energiewerte-Index sackte um gut 2,5 Prozent ab. Auch für die britische BP und die französische Total ging es um rund vier Prozent nach unten. Hält der sinkende Ölpreis längerfristig an, könnten die großen Förderländer wie Russland, Venezuela und Nigeria mit ihren Staatsfinanzen stark unter Druck geraten.

BP Aktie

BP Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Ölpreis dämpft Inflation

Soweit die Verlierer, aber es gab auch Gewinner. Die legten zwar aus Ursachen zu, die nicht direkt mit dem Ölpreis verbunden sind, sie haben aber dennoch eine große Wirkung aufs Öl und könnten daher dessen Preisverfall noch weiter vorantreiben. Der Dollarkurs nämlich ist auch seit Mitte vergangener Woche überraschend stark gestiegen. Die Aussichten für die US-Wirtschaft sind nämlich gut und die Arbeitsplatzzahlen sind geradezu in die Höhe geschnellt. Zudem beflügeln die Aussichten auf weitere Zinsanhebungen nicht nur die Renditen der US-Anleihen (die 30-jährigen Papiere werfen jetzt über drei Prozent Rendite ab), sondern auch die US-Währung. Sie strebt nun auf eine Euro-Dollar-Parität zu. Das wiederum macht das Öl in anderen Ländern für die Importeure teurer. Daher werden sie sich mit der Abnahme wohl etwas stärker zurückhalten. Das wird den Ölpreis weiter dämpfen.

Deutschland spielt sozusagen beides in die Hände: Es dürfte einerseits unterm Strich gesehen stärker vom sinkenden Ölpreis profitieren, da es – wie auch Japan und andere europäische Länder – stark auf Energieimporte angewiesen ist. Zudem hilft andererseits der steigende Dollarkurs (und der im Vergleich dazu schwächere Euro) auch der hiesigen Exportwirtschaft. Denn das Währungsverhältnis macht die eigenen Produkte im Ausland günstiger, das reizt mehr Abnehmer zum Kauf.

Einen Haken hat der sinkende Ölpreis aber hierzulande noch: Die zuletzt gestiegenen Energiepreise waren die maßgeblichen Treiber der Inflationsrate. Nur, weil sich das Öl verteuerte, registrierten Ökonomen wieder einen nennenswerten Preisanstieg von zuletzt rund einem Prozent und nur das gab auch hierzulande Anlass zur Hoffnung, die Europäische Zentralbank EZB könne nun auch in Europa irgendwann die Zinsen anheben. Zumindest die Aussicht darauf schwindet nun wieder dahin, wenn Amerika weiter bei der Ölförderung aufs Gas tritt und den Markt mit Treibstoff überschwemmt. Von daher hilft der niedrige Ölpreis der Wirtschaft und dem Wachstum schon, den Sparern aber nicht. Für Anleger heißt das: Vielleicht doch lieber auf einen heimischen Indexfonds setzen oder auf einen Rohstoff ETF „ex energy“, also ohne die Energiewerte, oder drei Prozent bei US-Staatsanleihen kassieren als auf den baldigen Aufstieg des Ölpreises und der Zinsen zu wetten.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


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