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Mehr Sachlichkeit bei Börsengängen

, Christian Kirchner

Sind Zalando und Rocket Internet Börsenflops? Viele Beobachter haben eine merkwürdige Vorstellung vom Erfolg eines Börsengangs. Von Christian Kirchner

Zalando-IPO © Getty Images
Die Chefs läuten den Börsengang des Online-Händlers Zalando ein

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von CapitalChristian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen

 


Halten wir fest: Die Börsengänge von Zalando und Rocket Internet waren ein Erfolg, in dem es viele Gewinner und kaum Verlierer gibt. Denn der Zweck eines Börsengangs ist nicht, Anlegern oder frühen Käufern Zeichnungsgewinne zu bescheren. Er besteht darin, Unternehmen und Anleger zusammenzuführen. Das Unternehmen beteiligt neue Investoren und will mit dem frisch eingenommenen Kapital weiter wachsen. Naturgemäß divergieren die Interessen: Das Unternehmen möchte möglichst viel Geld einnehmen, sich teuer verkaufen, und die bisherigen Eigner die Verwässerung ihrer Anteile möglichst gering halten. Und die Zeichner andererseits natürlich einen möglichst geringen Preis zahlen.

Diese beiden Interessen abzuwägen, ist die Aufgabe der Konsortialbanken. Im Falle von Rocket Internet und Zalando ist dieses Manöver gelungen, denn der Marktpreis der Aktien bewegt sich grob in Höhe des Ausgabepreises. Läge er weit darüber, hätten die Banken einen schlechten Job gemacht, weil das Unternehmen mehr hätte erlösen können. Und bezahlt werden die Banken von Unternehmen für hohe Erlöse, nicht von den Anlegern für Zeichnungsgewinne. Rutscht der Kurs deutlich darunter, verlieren Zeichner der Aktie. Im Falle von Rocket Internet und Zalando kommt hinzu, dass die Emissionserlöse tatsächlich der Firmenkasse zufließen und nicht etwa nur Altinvestoren Kasse machen, wie es meist im Zuge der New-Economy-Euphorie der Fall war.

Euphorie? Eher Aktiendepression

Es ist ein merkwürdiges Verständnis von der Funktion des Kapitalmarkts, wenn man entweder die im extrem illiquiden vorbörslichen Handel zustande gekommenen „Graumarktpreise“ oder gar die erratischen Schwingungen der ersten Handelsminuten als Maßstab nimmt, um kritisch über Börsengänge zu richten.

Überhaupt: Wo ist denn jene angebliche „Euphorie“, von der so oft die Rede ist, wenn es um die jüngsten Börsengänge geht? Google findet 30.000 Treffer für die Suchanfrage „Rocket Internet zeichnen“, aber zehnmal so viele für die Suchanfrage „Rocket Internet Euphorie“ und „Rocket Internet Flop“.

Tatsächlich herrscht in diesem Land eher eine Aktiendepression. Die Zahl der Börsengänge ist seit 2010 in Deutschland Jahr um Jahr gesunken, die Zahl der Aktionäre sinkt, die Anleger ziehen seit Jahren netto mehr aus Aktien ab, als sie investieren, die Aktionärsquoten sind im internationalen Vergleich unterirdisch. Die Platzierungen von Rocket Internet und Zalando fanden weitgehend unter Ausschluss der Privatanleger statt, die meisten Banken boten nicht einmal die Zeichnung an, da Privatanleger ohnehin keine realistische Chance hatten, Stücke zu ergattern. Wenn es überhaupt eine Euphorie gab, dann höchstens in der Berichterstattung über die Börsengänge, die stark an das Prinzip des Feuerwehrmannes erinnert, der einen Brand legt, um später der erste am Löschschlauch zu sein.

Futter für die skeptische Leserschaft

Man könnte das alles ignorieren, würde nicht mit aufgeregten Livetickern zu den Börsengängen, binnen Minuten geschriebenen Blitzanalysen und binnen Stunden changierenden Einschätzungen zwischen angeblicher Euphorie und fürchterlichem Katzenjammer letztlich ein Bild gezeichnet, das die hässliche Fratze des Kapitalmarkts zeigen soll: Von Gedaddel, von über den Tisch gezogenen Anlegern, von Kursverlusten, von Emissionsbanken, die gewiss den Börsenkurs stützen, von Kursblasen und natürlich teuren Luftschlössern.

Aus der viel zitierten Tatsache, dass Rocket Internet nunmehr ähnlich wertvoll ist an der Börse wie die Lufthansa ziehen Anleger nicht den Schluss, dass die Lufthansa-Aktie dann vielleicht kaufenswert wäre. Nein, sie ziehen den Schluss, dass ihre kritische Haltung gegenüber dem Aktienmarkt insgesamt berechtigt ist. Weil die Berichterstattung über Börsengänge häufig nicht objektiv ist, sondern wie eine Dienstleistung wirkt für die in der großen Mehrzahl skeptischen Leser.

Es passt nicht zusammen, sich einerseits Nachhaltigkeit und die Orientierung an langfristigen Zielen von Unternehmen zu wünschen und dann andererseits Blitzurteile zu fällen über die üblichen erratischen Kursschwankungen der ersten Handelstage. Stehen Rocket Internet und Zalando an der Börse in einigen Monaten „unter Wasser“, ist das Urteil „Enttäuschung“ und „Flop“ berechtigt. Aber nicht nach ein paar Stunden. 


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