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Lebensversicherung - gehen oder bleiben?

, von Britta Langenberg

Viele Lebensversicherte entscheiden sich bei finanziellen Engpässen, ihre Police beitragsfrei zu stellen, statt zu kündigen. Oft lohnt sich das nicht.

Beitragsfrei stellen oder kündigen: Lebensversicherte sollten bei finanziellen Engpässen nicht voreilig entscheiden

Über Illusionen rund um Geld könnte Peter Schramm ein Buch schreiben. Als Sachverständiger für Versicherungen kennt er die Irrtümer der Kunden aus Beratungsgesprächen nur zu gut. Und der Mathematiker weiß: Sie sind schwer aufzuklären.

Einer dieser Klassiker betrifft Lebens- und Rentenversicherungen, die nicht mehr mit Beiträgen bedient werden. „Viele Leute sind überzeugt, dass sie durch eine Freistellung die Kündigungskosten vermeiden – und wenn sie nur lange genug warten, sogar ein gutes Geschäft machen“, sagt Schramm. Aussitzen als Renditeprogramm sozusagen.

Stimmt bloß nicht. Und dass sie sich verkalkuliert haben, bemerken viele erst nach Jahren, wenn sich der Vertrag enttäuschend entwickelt.

Es geht um ein Massenphänomen: Allein 2,1 Millionen Riester-Policen wurden nach offiziellen Angaben zuletzt nicht mehr mit Beiträgen bedient. Hinzu kommen Millionen private Kapitalleben- und Rentenverträge. Exakte Werte weisen die Versicherer nicht aus.

Beide Optionen prüfen

Oft können Kunden ihre Beiträge nicht mehr aufbringen, weil sie in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind. Nach Scheidung oder Hausbau fehlt plötzlich das nötige Geld. Sie stehen dann vor der Frage: aussteigen – oder das Guthaben einfrieren?

„Beides sollte man prüfen“, rät Rüdiger Falken, der als Versicherungsberater häufig solche Alternativrechnungen anstellt. Nach seiner Erfahrung ist ein klarer Schnitt mitunter die bessere Lösung. „Der richtige Weg hängt aber von vielen Variablen wie der Finanzsituation und Vertragskonditionen ab.“ Als Faustregel gilt: Nur bei Altverträgen mit steuerfreier Auszahlung ist das Stilllegen des Vertrags ziemlich sicher das Mittel der Wahl.

Vor der Kündigung schrecken Policeninhaber oft zurück, weil sie um die hohen Anfangskosten wissen, die das Guthaben in den ersten Jahren empfindlich schmälern. Diese treffen Kündiger allerdings ebenso wie Freisteller. Das Kundenguthaben, der sogenannte Rückkaufswert, ist für beide mithin gleich – nur wird es im einen Fall ausgezahlt, im anderen vom Versicherer bis zum Ablauf des Vertrags einbehalten.

Mögliche Abzüge werden bei einer Beitragsfreistellung ebenfalls in gleicher Höhe fällig wie bei einer Kündigung. Bei neuen Verträgen betragen sie schon mal 1000 Euro.

Die Hoffnung, zumindest das eingezahlte Geld wieder herauszubekommen, bewegt dennoch viele Kunden dazu, ihr Guthaben stehen zu lassen. Häufig geht die Rechnung nicht auf, sagt Mathematiker Schramm: „Beträgt der Rückkaufswert nur die Hälfte der Einzahlung, benötigt man dafür leicht 30 oder 40 Jahre.“ Zumal viele Versicherer beitragsfreien Policen weniger Überschüsse zurechnen als regulär bedienten Verträgen.

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die meisten Vorschläge der Versicherer taugen nicht

Immerhin haben Verbraucherschützer Verbesserungen erkämpft. Nach mehr als zehn höchstrichterlichen Urteilen sind die Anfangsverluste aller Versicherten nunmehr gedeckelt – und Stornogebühren bei Altverträgen aus den Jahren 1994 bis 2007 meist gar nicht zulässig.

Gern gibt die Versicherungswirtschaft vor, ihre Policen seien bei Zahlungsschwierigkeiten „flexibler als gedacht“. Auf ihrer Website listet sie gleich zehn Optionen für klamme Kunden auf. So können diese ihre Beiträge stunden oder die Versicherungssumme herabsetzen.

Doch die meisten Vorschläge taugen nicht, wenn der Versicherte länger als ein Jahr pausieren muss. Dann schrumpfen zehn Optionen oft doch wieder auf zwei zusammen: den Vertrag stilllegen oder kündigen.

Selbst solvente Kunden stellen sich immer öfter die Frage, ob ihr Geld in einer Lebens- oder Rentenpolice noch gut aufgehoben ist. Die meisten Anbieter haben ihre Zinsgutschrift jüngst erneut gesenkt, im Branchenschnitt kommen Kunden noch auf einen Wertzuwachs von zwei bis drei Prozent.

Wer seinen Beitrag nicht weiterzahlen kann, muss handeln. Am leichtesten fällt die Antwort bei Versicherten, die laufende Kredite tilgen. „Schuldner fahren am besten, wenn sie kündigen und das Minus ausgleichen“, sagt Berater Falken. Keine Gesellschaft bietet derzeit so viel Zinsen, wie Darlehen kosten.

älteren Verträge unbedingt halten

In den übrigen Fällen gibt vielfach die Steuer den Ausschlag: Bei Verträgen, die nach 2004 abgeschlossen wurden, sind Kapitalzahlungen steuerpflichtig. Kunden im ersten Vertragsdrittel, die schwache Renditen einfahren, können einen Ausstieg erwägen – vorausgesetzt sie sind bereit, für lukrativere Alternativen ein erhöhtes Risiko einzugehen. „Wer das will, kann flexibler in Investmentfonds sparen“, sagt Falken.

Kunden mit älteren Verträgen sollten ihre Police in jedem Fall behalten, bei Geldmangel empfiehlt sich ein Beitragsstopp. Sie kassieren dank hoher Garantien sichere zwei bis drei Prozent – und das steuerfrei. „Da kann im Augenblick keine sichere Anlage mithalten“, so Falken.

Wer seinen Vertrag einmal beitragsfrei gestellt hat, sollte sich im Klaren darüber sein, dass er diese Entscheidung meist nur binnen eines Jahres ohne Auflagen revidieren kann. Will er die Police später wieder aufleben lassen, muss er meist eine erneute Gesundheitsprüfung ablegen – und womöglich schlechtere Steuerkonditionen in Kauf nehmen. Lediglich Riester-Policen sind in diesem Punkt flexibel und sollten nur im Notfall gekündigt werden.

Ebenfalls wichtig zu wissen: Bei Policen, die einen Risikoschutz beinhalten, sinkt neben der Auszahlung auch die Absicherung – oder sie entfällt völlig. Oft ist der Schutz ersetzbar, nicht aber bei Berufsunfähigkeitsrenten (BU). „Da wird es heikel“, warnt Falken. Einige Versicherer lassen bei einer Beitragsfreistellung aber mit sich reden, zum Beispiel die Debeka. Sie lagert die BU in einen separaten Vertrag aus, der Schutz bleibt erhalten.

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Wie Kunden ihre Exit-Optionen abwägen

Sparer, die Beiträge für private Lebens- oder Rentenversicherungen nicht länger aufbringen, machen mit einer Vertragsumstellung stets Verluste. Doch was ist die weniger kostspielige Alternative: Kündigung oder Beitragsfreistellung? Eine Orientierungshilfe:

Kunden mit Privatkrediten
Wer laufend einen Kredit bedient, etwa fürs Eigenheim, zahlt oft noch Darlehenszinsen von vier bis zehn Prozent. So viel schreiben die Lebensversicherer nicht mehr gut. In der Regel rentiert es sich daher, die Police zu kündigen und das Kapital für die Entschuldung zu verwenden. Jeder Fall muss aber individuell gerechnet werden.
Tendenz: kündigen.

Abschluss vor 2005
Die Policen bieten oft jährliche Wertzuwächse von gut zwei bis knapp drei Prozent – steuerfrei, falls der Vertrag zwölf Jahre gelaufen ist. Mit anderen sicheren Anlagen ist das derzeit nicht zu erwirtschaften. Sparer, die wenige Jahre vor Vertragsende stehen, sollten unbedingt ausharren.
Tendenz: Beitrag stoppen, Kapital beim Versicherer lassen.

Abschluss ab 2005
Kapitalzahlungen aus diesen Policen sind steuerpflichtig. Es hat sich erst wenig Guthaben auf dem Konto angesammelt, und die künftigen Renditeaussichten sind bescheiden. „Bei schwachen Anbietern kann in den ersten Jahren ein klarer Schnitt sinnvoller sein als eine Beitragsfreistellung“, sagt Berater Rüdiger Falken – vorausgesetzt, der Kunde findet eine rentablere Alternativanlage. Anders kann die Rechnung aussehen, wenn der Vertrag kurz vor seinem Ablauf steht.
Tendenz: Informationen sammeln – und dann entscheiden.

Expertenrat einholen
Wer vorhat, eine kapitalbildende Police zu stornieren, sollte nicht nur den Anlageaspekt berücksichtigen, sondern auch den Risikoschutz checken. Je nach Versicherer und Vertrag gelten überdies unterschiedliche Konditionen, das macht es für Laien schwer, die Alternativen zu überblicken – und richtig zu bewerten. Experten helfen bei der Entscheidung. Fachleute vermitteln unter anderem die Verbraucherzentralen und der Bundesverband der Versicherungsberater (bvvb.de).


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