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Korrekturen bieten Einstiegschancen

, Hans-Jürgen Möhring

JP-Morgan-Produktmanager Tanzmeister sieht nach dem Kurssturz attraktive Einstiegschancen bei Aktien aus Industrieländern.

Kurstafel an der Börse in Shanghai
In China kannten die Aktienkurse zu Wochenbeginn nur eine Richtung: nach unten - Foto: Getty Images

Jakob Tanzmeister ist Produktexperte für Multi Asset Portfolios bei J.P. Morgan Asset ManagementJakob Tanzmeister ist Produktexperte für Multi Asset Portfolios bei J.P. Morgan Asset Management

 


Capital: Herr Tanzmeister, die Ereignisse vom vergangenen Montag, der vermutlich als „verrückter Börsentag“ in die Geschichte eingehen wird, hat Befürchtungen geweckt, dass die Industrieländer in eine Rezession abdriften könnten. Teilen Sie diese Auffassung?

Tanzmeister: Nein, die dramatischen Marktbewegungen zum Wochenbeginn resultieren aus Sorgen um die Schwellenländer und insbesondere das chinesische Wachstum, was durch die geringe Liquidität der Märkte während des Sommers und die Unsicherheit über den nächsten Schritt der Federal Reserve (Fed) zusätzlich verstärkt wurde. Ich teile nicht die Vermutung, dass die Entwicklungen in den Schwellenländern die US-Wirtschaft in eine Rezession abdriften lassen wird.

Die Marktbewegungen waren sicherlich bedeutend – allerdings hat sich der Kursrutsch in einer Woche ereignet, in der das US-Wachstum für das zweite Quartal überraschend stark auf 3,7 Prozent nach oben revidiert wurde. Die Schlussfolgerung, dass wir den Beginn einer Rezession in den Industrieländern erleben, dürfte also zu weit hergeholt sein.

Ist nicht aber der zur Zeit extrem niedrige Ölpreis ein Indiz dafür, dass sich das Wachstum auch in den Industrieländern deutlich abkühlen könnte?

Die jüngste Schwäche bei Rohstoffen, insbesondere bei Öl, ist die Folge eines Überangebots, das bereits seit Längerem besteht. Im Zusammenwirken mit dem Rückgang der Nachfrage in den Schwellenländern ergibt sich dadurch ein deutlich trüberes Bild für den Welthandel, als dies den Tatsachen entspricht. Das führt zu einer Abwärtskorrektur der globalen Wachstumserwartungen und der übertriebenen Sorge, dass die Abkühlung in den Schwellenländern auf die Industrieländer übergreifen könnte. Ich erwarte dies nicht, halte aber in einigen zyklischen Unternehmenssektoren Gewinneinbußen für möglich. Die wirtschaftliche Erholung in den USA und Europa sollte sich aber fortsetzen. Außerdem dürften die niedrigen Ölpreise und eine leichte Abwertung des US-Dollars die Wirtschaft in den kommenden Monaten beflügeln.

"Die Fed steckt in der Zwickmühle"

Werden wir uns auf ein weiteres Auseinanderdriften der Industrie- und Schwellenländer einstellen müssen, und welche Folge hätte das?

Es ist richtig: Das globale Wachstum entwickelt sich derzeit gegenläufig – so zeigen die aktuellen Einkaufsmanagerindizes deutliche Unterschiede zwischen den Schwellen- und Industrieländern. Während der chinesische Einkaufsmanagerindex auf 47,1 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit der Finanzkrise gesunken ist, bewegen sich die Indizes für das verarbeitende Gewerbe in den USA mit 52,9 immer noch im Expansionsbereich, das heißt oberhalb der Grenze von 50. Auch die europäischen Einkaufsmanagerindizes liegen nach wie vor auf einem robusten Niveau von 54,1. Diese Frühindikatoren belegen, dass die Angst vor einem drastischen Einbruch der Wirtschaftserholung in Europa übertrieben ist.

Die Schwellenländer leisten zwar inzwischen einen größeren Beitrag zum globalen Wachstum als in der Vergangenheit, allerdings sind die Folgen einer Abkühlung der Schwellenländer für Europa und die USA aktuell begrenzt: Gemessen am BIP machen Exporte rund 13 Prozent des US-BIP und 42 Prozent des BIP in der Eurozone aus. Rechnet man allerdings die Einfuhren hinzu, liegen diese Werte im unteren einstelligen Bereich. Eine Baisse in den Schwellenländern wird das Wachstum zwar schwächer ausfallen lassen, jedoch nicht notwendigerweise eine Rezession hervorrufen, wobei die negativen Effekte in Europa stärker zu spüren sein werden.

Sie sagen, dass der Kursrutsch an den Aktienmärkten durch die Unsicherheit über die nächsten Schritte der US- Notenbank verstärkt wurde. Ist eine US-Zinserhöhung im September überhaupt noch realistisch?

Vor dem Hintergrund der weltweit turbulenten Aktienmärkte befindet sich die Fed in einer Zwickmühle: Eine Zinserhöhung im September würde nun wahrscheinlich als verfrüht gewertet, während ein Aufschub als Bestätigung dafür betrachtet würde, dass das globale Wachstum zu langsam ist. Für eine Zinserhöhung im September wird derzeit eine Wahrscheinlichkeit von weniger als 20 Prozent vom Markt eingepreist, und die aktuelle Bewegung des US-Dollar spricht ebenfalls für einen Aufschub des ersten Zinsanstiegs. Ein weiterer Grund für die Fed eine Zinserhöhung aufzuschieben, ist neben schwachen Finanzmärkten und dem Ölpreisverfall die niedrige Inflation.

Wie sehen Sie die Situation an den Aktienmärkten nach der jüngsten Korrektur?

Die rasante Korrektur am Aktienmarkt hat die Märkte überrascht. Ungeachtet technischer Faktoren, ist sie in ihrem Ausmaß – zumindest in den Industrieländern – fundamental auch nur eingeschränkt begründbar. Es stimmt, dass US-Aktien etwas überteuert erschienen. Die jüngsten Bewegungen haben die Kurs-Gewinn-Verhältnisse jedoch wieder in die Nähe des Durchschnittswerts von 15,5 geführt. Der Gewinneinbruch im Energiesektor dürfte sich 2016 wohl nicht im gleichen Ausmaß wiederholen, und ich halte Gewinnsteigerungen von sieben bis acht Prozent nicht für unrealistisch. Die Widerstandskraft der US-Binnenwirtschaft und der Boom durch den Ölpreisrückgang dürften das Wachstumsbild für das nächste Jahr günstig beeinflussen.

In Europa, wo die Exportabhängigkeit größer ist, dürften gegebenenfalls die Gewinne zyklischer Unternehmen belastet sein, aber die Binnenerholung in der Eurozone wird nicht zum Erliegen kommen. Alles in allem scheinen Aktien aus den Industrieländern eher unter einer plötzlichen Risikoaversion als unter einer Neueinschätzung der fundamentalen Situation zu leiden.

"Anleihenmärkte erscheinen anfällig"

Was heißt das für Anleger?

Anleger sollten sich von Turbulenzen, wie wir sie gerade erlebt haben, nicht verunsichern lassen und kühlen Kopf bewahren. Ich bin überzeugt, dass sich nun bessere Chancen für Anleger ergeben, Unternehmen mit positiven Gewinnaussichten zu niedrigeren Bewertungen zu kaufen als noch vor ein paar Wochen. Aktien aus den Industrieländern sollten dabei den Vorzug erhalten.

Noch ein Wort zu den Anleihemärkten. Da ging es ja relativ ruhig zu.

In der Tat haben die Anleihenmärkte in den letzten Tagen überraschend zurückhaltend reagiert. Vermutlich hatten sie die Ereignisse bereits vorweggenommen, denn die Renditen zehnjährige US-Treasuries hatten schon deutlich nachgegeben, noch bevor die Aktienmärkte überhaupt bemerkt hatten, dass der Wind sich dreht. Mit 195 Basispunkten bei zehnjährigen US-Papieren erscheinen die Laufzeiten-Risikoprämien nun übertrieben niedrig, und die realen Renditen preisen einen regelrechten Wachstumseinbruch ein. Da wir ein solches Szenario für unwahrscheinlich halten, verändert sich die Chance-Risiko-Konstellation an den Anleihenmärkten, was bedeuten könnte, dass das Abwärtspotenzial bei den Renditen von nun an möglicherweise begrenzt ist. Die Aussicht auf weitere Stimuli seitens anderer Zentralbanken könnte dafür sorgen, dass die Risikoprämien niedrig bleiben. Sobald jedoch die Wogen geglättet sind, werden Aktien aus den Industrieländern wieder zu ihren durchschnittlichen Bewertungen zurückkehren, Staatsanleihen hingegen teuer bleiben.

Wie fällt das Fazit des Portfolio-Experten aus?

Unsere Präferenz von Industrie- gegenüber Schwellenländern behält nach wie vor ihre Gültigkeit. Wir schauen für unsere Multi-Asset-Portfolios nach Chancen bei Aktien aus den Industrieländern und bei Unternehmensanleihen. Dagegen erscheinen die Anleihenmärkte nicht zuletzt aufgrund der sich abzeichnenden Zinswende in den USA anfällig. Unsere überzeugendsten Anlageideen sind derzeit europäische Dividendentitel, die mit attraktiven Renditen und fairen Bewertungen aufwarten und von der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank profitieren.


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