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Kaufen Sie dieses Produkt lieber nicht!

, Nadine Oberhuber

Der größte Lebensversicherer rät von seinem eigenen Produkt ab. Ist das clever? Und was sollen Kunden mit bestehenden Policen tun? Von Nadine Oberhuber

Euromünzen © Capital
Der Garantiezins für Lebensversicherungen schrumpft seit Jahren

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über GeldanlagethemenNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen


Endlich tut die Lebensversicherungsbranche einmal das, was sich Verbraucherschützer schon lange wünschen, und was die auch schon seit Jahren sagen: Sie geben zu, dass ihre Policen nichts mehr bringen. Jedenfalls nicht die Verträge, die alle seit Jahrzehnten kennen und die für Millionen von Bundesbürgern bis vor einigen Jahren noch der Kern ihrer Altersvorsorge waren. Also jene klassischen Lebens- und Rentenversicherungen, bei denen die Kunden 20 oder 30 Jahre lang Geld einzahlen, dass sich mit einem gewissen Prozentsatz pro Jahr verzinst, mit dem Garantiezins. Früher lockten am Ende eines solchen Vertrages ansehnliche Auszahlbeträge. Jedenfalls bisher. Vergangene Woche nun stellte der Vorstand der Lebensversicherungssparte der Allianz Markus Faulhaber fest: „Der Kauf eines reinen Klassik-Produktes ist nicht mehr sinnvoll – das sagen wir auch in der Beratung.“ Das Produkt sei nicht mehr erste Wahl.

Das sagen Kundenschützer wie die Verbraucherzentralen (VZ) oder der Bund der Versicherten (BdV) zwar schon seit Jahren. Doch aus dem Mund des Marktführers der Versicherungskonzerne, die bisher alle mantraartig betonten, wie sicher und renditestark ihre Produkte doch seien, hatte man eine solche Aussage in dieser Deutlichkeit nicht erwartet. „Kaufen Sie dieses Produkt aus unserem Hause lieber nicht!“ Wer sagt das schon? Und meint das dann auch noch ernst? Entsprechend groß war das Raunen, das diese Aussage in der Branche auslöste.

Wie wenig sich die Policen in der Vergangenheit noch rechneten, schlüsseln unzählige Auswertungen Jahr für Jahr auf. Immer im Dezember, wenn die Konzerne bekanntgaben, in welcher Höhe sie die laufenden Verträge verzinsen, wurde deutlich: Üppiger wird es nicht. Die Überschussdeklaration schrumpfte Jahr für Jahr dahin, von 7,15 Prozent laufender Verzinsung im Jahr 2000 auf zuletzt 3,16 Prozent im Marktschnitt. Damit wirft ein solcher Vertrag heute nicht einmal mehr die Hälfte dessen ab, was er noch vor 15 Jahren brachte.

Renditeversprechen werden nicht eingehalten

Nun betont die Branche an dieser Stelle ebenso gebetsmühlenartig, dass man ja nicht allein die laufende Verzinsung betrachten dürfe, sondern dass auch noch andere Überschüsse zum Ergebnis beitrügen. Doch Tatsache ist, dass trotz dieser sonstigen Überschüsse die Auszahlungen der Lebensversicherer seit Jahren nur eine Richtung kannten: nach unten. Wer im Jahr 2002 einen Vertrag nach 30 Jahren Laufzeit ausgezahlt bekam, erhielt bei 100 Euro monatlicher Einzahlung noch eine Gesamtsumme von 106.400 Euro von einem durchschnittlichen Versicherer, ermittelte der Branchendienst Map-Report. Verträge, die 2014 ausliefen brachten bloß noch 79.000 Euro, also satte 27.000 Euro weniger. Und hochgerechnet mit den heutigen Zinsen, so schätzen die Map-Analysten, gibt es nach Ablauf von 30 Jahren für solche Verträge nur noch 58.000 Euro. Das ist ziemlich genau die Hälfte dessen, was man noch vor 15 Jahren für das Sparen bis zur Rente bekam.

Wegen solcher Berechnungen schlagen Finanzberater und Verbraucherschützer schon lange Alarm: Klassische Lebens- und Rentenversicherungen lohnen sich nicht mehr. Vor allem nicht mehr, seit die Garantiezinsen so weit gesunken sind wie in diesem Jahr. Frühere Versicherte konnten sich wenigstens noch darauf verlassen, dass ihre Verträge mit mindestens 3,5 bis vier Prozent verzinst wurden. Jedenfalls alle, die zwischen Ende der 80er- Jahre bis zum Jahr 2000 solche Policen abgeschlossen haben. Wer dagegen 2015 einen Vertrag unterzeichnet, der bekommt nur noch 1,25 Prozent zugesichert. Auf den Sparanteil wohlgemerkt, also den Teil seiner Beiträge, die nicht für Kosten und zur Abfederung von Risiken draufgehen. Unterm Strich, so ermittelte das Analysehaus Assekurata, kommen von den 1,25 Prozent Garantiezins lediglich 0,42 Prozent beim Kunden an.

Angesichts solcher Renditen kann man zumindest nicht mehr davon reden, dass Versicherungen zum Vermögensaufbau taugen. Der Name „kapitalbildende Lebensversicherung“ mutet da schon fast wie Hohn an. Oder würde jemand die Zinsen auf dem Tagesgeldkonto derzeit als kapitalbildend betiteln? Eben, und die sind bei vielen Banken immerhin noch fast doppelt so hoch.

[Seitenwechsel]

neuartige Produkte ohne Garantiezinsen

Nun ist nicht so, als hätte die Versicherungsbranche das nicht inzwischen selbst gemerkt. Sie hat schon nach der Finanzkrise vernehmlich und häufig geklagt, wie schwer sie an der Last der alten Garantiezinsen trage. Wegen der Niedrigzinsphase erwirtschafte sie kaum noch das, was sie ihren Versicherten in früheren Jahren versprochen habe, war ein gern wiederholter Satz. Wirklich brenzlig war es allerdings nur 2008, als die Verzinsung der Kapitalanlagen der Versicherer bei 3,5 Prozent lag und der Garantiezins über alle Verträge noch bei 3,4 Prozent. Inzwischen streichen die Konzerne längst wieder fast fünf Prozent Nettorendite bei der Geldanlage ein, während die Garantielast auf 3,0 Prozent gesunken ist.

Und das verdanken die Versicherer nicht nur den Vorgaben der Politik, die für stetig sinkende Garantiezinsen sorgte. Sondern die Branche hat zuletzt mit Hochdruck immer neue Produkte auf den Markt gepresst, die ihre alten Klassikpolicen nach und nach ablösen sollen. Zum Beispiel die fondsgebundenen Lebens- und Rentenversicherungen, die keine Renditen mehr garantieren, sondern am Ende nur noch auszahlen, was die Kapitalmärkte just in dem Moment eben hergeben. Oder die neuartigen Produkte ohne Garantiezinsen, die dem Kunden nur noch eines versprechen: dass er nach 30 Jahren Sparzeit ausgezahlt bekommt, was er bis dahin eingezahlt hat. Keinen Cent mehr zunächst. Ob sich dazu dann noch Überschüsse gesellen und wenn ja in welcher Höhe, das wird die Versicherungsgesellschaft erst am Ende entscheiden.

Manche legen auch erst in 30 Jahren fest, zu welchen Sterbetafeln sie das angesparte Kapital verrenten – was ein ziemlich perfider Trick ist. Da in den nächsten 30 Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung weiter steigen dürfte, werden Versicherte dann wohl auf jeden Fall viel weniger Geld herausbekommen als diejenigen, deren Verträge auf den Sterbetafeln von heute fußen. Deshalb bedeuten die neuen Verträge für die Kunden: noch weniger Sicherheit und noch ungewissere Erträge.

Altverträge halten

Man kann deshalb sagen: Es ist gut, dass die Branche jetzt wenigstens einmal sagt, dass Klassikpolicen kaum noch Rendite abwerfen. Ehrlich wäre es aber, wenn sie zugeben würde, dass es mit den neuen Produkten ohne Garantien nicht unbedingt besser wird.

Den Kunden kann man als Faustregel Folgendes raten: Wer noch einen der ganz alten Verträge aus den 80er oder 90er-Jahren hat, sollte den behalten, weil der vermutlich noch mit einer Gesamtrendite von über vier Prozent das Laufzeitende erleben wird – was heutzutage viel ist. Wer in den vergangenen Jahren einen Vertrag abgeschlossen hat, sollte von Verbraucherzentralen oder dem BdV prüfen lassen, ob sich das Weitersparen lohnt. Und wer aktuell mit dem Gedanken spielt, langfristig zu sparen, der sollte lieber die Finger von Lebensversicherungen lassen und das Geld gleich am Kapitalmarkt anlegen.

Zum Beispiel mit einem Fondssparplan der breit in einen großen Index investiert, den kann man auch problemlos über 30 Jahre laufen lassen. Bisher warfen breite Aktieninvestments zuverlässig Renditen ab, die selbst die sieben Prozent toppten, die Versicherer noch in ihren guten Zeiten erzielten. Wer das bis dahin gebildete und tatsächlich vermehrte Kapital dann später unbedingt in Monatsraten bis an sein Lebensende ausgezahlt bekommen will, egal wie lang er lebt (und letztere Zusage ist ja das einzige Pfund, mit dem Versicherer wirklich wuchern können), der kann ja in 30 Jahren immer noch überlegen, ob er es als Einmalbetrag an eine Versicherung gibt – und was die ihm dann dafür verspricht.


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