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Die Deflations-Chimäre

, Christoph Bruns

Zinserhöhung?  Nicht mit Mario Draghi. Trotz steigender Inflation bleibt der EZB-Chef im Deflationsmodus - zum Leidwesen der Sparer. Von Christoph Bruns

Christoph Bruns
Christoph Bruns

Es bedurfte keineswegs des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, um ein uraltes politisches Argumentationsmuster zu beleben. Zuerst baut man einen Feind rhetorisch auf, um ihn dann heftig zu bekämpfen. Da dieser Kampf als Streit für das Gute und gegen das Böse ausgegeben wird, ficht man einen gerechten Krieg aus.

Als Meister des Sujets hat sich Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, entpuppt. Durch seine wiederkehrenden krassen Warnungen vor Deflation konnte er die Zinsen ins Negative bugsieren und ein Staatsfinanzierungsprogramm aufbauen, das historisch seinesgleichen sucht. Derweil reiben sich die Bürger seit Jahren verwundert ihre Augen. Von der angeblichen Deflation bekommen sie gar nichts mit. Im Gegenteil: Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihr individueller Warenkorb in den letzten Jahren deutlich teurer geworden ist. Ob Miete, Strom, iPhone oder Cappuccino, fallende Preise fühlen sich anders an.

Diesem Einwand entgegnen die Zentralbanker aus Frankfurt mit dem Hinweis auf den Unterschied zwischen gefühlten Preisentwicklungen individueller Warenkörbe und statistisch exakt gemessener Preisentwicklung. Hinzu tritt die hedonische Berechnungsmethode, die vor allem bei Industriegütern Preissteigerungen um Qualitätsverbesserungen bereinigt und damit im Ergebnis oft fallende Preise diagnostiziert, obwohl der Artikel an der Ladenkasse mehr kostet als noch vor Jahresfrist.

Deutsche bleiben Zinssparer

Für die Bundesbürger ist diese Entwicklung zugleich vor- als auch nachteilig. Die negativen Realzinsen haben dazu geführt, dass der bundesdeutsche Staatshaushalt in den letzten Jahren enorm entlastet wurde. Darüber können sich die Bürger freuen, wenngleich die Regierenden weder Steuern gesenkt noch Staatsschulden per Saldo zurückgezahlt haben. Stattdessen fand es die Regierung richtig, den Sozialstaat deutlich auszuweiten und mit der selbstverschuldeten Nettoeinwanderung ein neues finanzielles Fass ohne Boden aufzumachen. Ferner mögen die Bürger Wohlgefallen daran finden, dass die expansive Notenbankpolitik besonders den Südländern spürbare Entlastung vom Sanierungsdruck bringt.

Weniger günstig stellt sich freilich die Lage für die notorisch zinsbesessenen deutschen Sparer dar. Sie haben weitgehend untätig, verblüfft und zum Teil erbost zugeschaut, als ihre Lieblingssparprodukte wie etwa Sparbuch, Termingeld, Bausparvertrag und klassische Kapitallebensversicherung eines nach dem anderen obsolet wurden. An der einschlägigen Bundesbank-Statistik ist jedoch abzulesen, dass sie ihr Anlageverhalten nicht geändert haben. Insofern sitzen die deutschen Sparer wie das Kaninchen vor der Schlange. Der Name der Schlage lautet „negative Realzinsen“. Genau besehen hat die Schlange bereits zugebissen und wohlmöglich das Kaninchen gelähmt.

selbstverschuldete Unmündigkeit in Geldanlagefragen

Immerhin bestand bis zur letzten Woche die Hoffnung des Kaninchens darin, Draghi möge Einsicht und Mitleid mit ihm haben und die Zinsen endlich erhöhen, so dass unser Sparkaninchen sich wieder des Lebens als Zinssparer erfreuen kann. Aber siehe da, der Zampano aus dem EZB-Turm am Main denkt gar nicht daran die Zinsen anzuheben. Dafür, so beschied er die Journalisten, bestehe derzeit keine Veranlassung, selbst wenn die Deflation einstweilen in Schach gehalten werden konnte. Immerhin sieht Draghi keine akute Notwendigkeit weiterer Zinssenkungen.

Also werden die deutschen Zinssparer für ihre selbstverschuldete Unmündigkeit in Geldanlagefragen durch reale Enteignung weiter zur Kasse gebeten. Denn die Geldentwertungsrate betrug im Februar beachtliche 2,2 Prozent nach 1,7 Prozent im Januar. Es hat allem Deflationsgeschwätz zum Trotz in den letzten Jahrzehnten kein Jahr gegeben, in dem die Preise nicht gestiegen sind. Das Deflationsgespenst ist eine Chimäre.

Aus Chicago
Ihr

Dr. Christoph Bruns


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Teilhaber der Fondsgesellschaft Loys AG. Weitere Kolumnen: US-Aktien starten durch, Obamas glanzloser Abgang und Aktien - die Macht des Postfaktischen


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