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  • 5 Minuten Geldanlage

"2016 könnte zum Jahr der Trendwenden werden"

, Hans-Jürgen Möhring

Vermögensberater Rolf Ehlhardt über den verpatzten Börsenauftakt, die Liste der Risiken und was Anleger jetzt tun sollten.

Blick von oben auf den Handelssaal der Deutschen Börse © Deutsche Börse
Am ersten Tag des neuen Jahres ging es an der Börse turbulent zu

Rolf Ehlhardt ist Portfoliomanager der Vermögensberatung bei I.C.M. Independent Capital Management in MannheimRolf Ehlhardt ist Portfoliomanager der Vermögensberatung I.C.M. Independent Capital Management aus Mannheim

 


Capital: Eine alte Börsenweisheit besagt: Der erste Handelstag gibt die Tendenz für das ganze Jahr vor. Müssen wir uns auf ein turbulentes Jahr 2016 einstellen?

Davon bin ich überzeugt. 2016 wird ein noch volatileres Jahr als das vergangene – unabhängig davon, welche Börsenweisheit sich bewahrheiten sollte. Der erste Handelstag war hier nur ein Vorgeschmack. 2016 könnte zum Jahr der Trendwenden werden.

Bereits im vergangenen Sommer gingen von China aus gleichsam Schockwellen durch die Börsen der Welt. Was läuft falsch im Reich der Mitte?

China ist einfach zu schnell gewachsen, und zwar dank massiver Kreditexpansion. In Diktaturen, auch wenn sie sich „Volksrepublik“ nennen, bildet sich ein Schattenbanken-System, das schwer lenkbar ist. Die kreditgetriebenen Märkte entwickeln in Krisensituationen eine Eigendynamik, die oft nicht kontrollierbar ist. Als nächstes könnte eine deutliche Abwertung der Währung bevorstehen.

Von welcher Seite droht den Finanzmärkten noch Ungemach?

Die Liste ist erschreckend lang: Flüchtlingskrise, bröckelnder Zusammenhalt in Europa, Syrien, IS-Terror, Konflikte in der Ukraine oder zwischen Iran und Saudi-Arabien, Ungewissheit über den Ausgang der Wahlen in den USA. Einige der Probleme sind seit längerem bekannt. Aber bis jetzt ist nicht wirklich Dramatisches passiert. Daran hat sich der Anleger gewöhnt. In langen Trends – so steigt der Dax seit 2009 auf Jahresbasis stetig – bildet sich der Optimismus gravierend hoch aus. Noch ist „man“ überrascht, noch tut´s nicht weh, und noch glaubt der Anleger, dass sich der Markt auch wieder beruhigt. Wie immer seit 2009.

"Vermögenserhalt geht vor Rendite"

Das hört sich nicht gut an. Dabei gingen doch die meisten Prognosen für 2016 von positiven Szenarien aus, was beispielsweise das Weltwirtschaftswachstum oder die Geldpolitik betrifft. Müssen wir nach diesem herben Dämpfer die Erwartungen zurückschrauben?

Die Erwartungen sollten den Marktrisiken angepasst werden. An den Rentenmärkten ist zweifelsfrei eine „Blase“ entstanden. Durch die Zinsmanipulationen der Notenbanken haben wir es mit negativen Realzinsen zu tun. Dadurch sind viele Anleger in den High-Yield-Markt abgewandert. Der entsprechende Marktindex hat hier aber das Tief aus dem Jahre 2011 bereits unterschritten. Allein in den USA stehen über 35.000 Mrd. Dollar Anleiheschulden aus.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei US-Aktien erscheint durch massive Aktienrückkäufe von schätzungsweise 1200 Mrd. Dollar billig. Der Nettogewinn ist 2015 aber um rund fünf Prozent gefallen. Die Aktienkäufe auf Kredit sind mit 472 Mrd. Dollar (Stand: November 2015) deutlich höher als in den Crash-Jahren 2000 (278 Mrd. Dollar) und 2007 (381 Mrd. Dollar.).

Für den US-Dollar sind fast 90 Prozent der Marktteilnehmer positiv gestimmt. Aber, wenn der Renten- und infolgedessen der Aktienmarkt kollabiert, wird die US-Zentralbank Fed die Minizinserhöhung rückgängig machen und mit neuen Anleihekäufen reagieren. Der Fed wird das Vertrauen entzogen und damit dem Dollar. Dann könnten plötzlich wieder Edelmetalle als „sicherer Hafen“ gefragt sein.

Der gefallene Ölpreis, zunächst positiv für das Wachstum, könnte zum Bumerang werden. Wenn 2016 am Terminmarkt getätigte Verkäufe der Fracking-Industrie auslaufen, sind viele dieser Firmen nicht mehr überlebensfähig. Anleihen- und Kreditausfälle könnten eine neue Bankendiskussion auslösen und zu Insolvenzen von Renten- und Hedgefonds führen.

Zugegeben, das alles klingt nicht sehr hoffnungsvoll. Es ist aber besser, den Risiken ins Auge zu blicken, als irgendwelchen Wunschträumen nachzuhängen.

Für Anleger macht das die Situation nicht einfacher. Was raten Sie ihnen?

Anleger sollten sich auf eine Trendumkehr vorbereiten. Dabei gilt: Vermögenserhalt geht vor Rendite. Eine Risikoüberprüfung des Vermögens zu Jahresbeginn wäre eine gute Idee. Spielen Sie Szenarien durch und entwickeln in Ruhe Alternativen. Dann wissen Sie, was im Ernstfall zu tun ist und können besonnen schnell mal einen Gewinn realisieren und Verluste begrenzen. Der Anteil der Edelmetalle am Depotvermögen sollte auf mindestens zehn Prozent angepasst werden, auch wenn wir hier noch nicht die absoluten Tiefpunkte bei den Kursen gesehen haben.


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