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Wo Anleihen Zinsen bringen

, Nadine Oberhuber

Von wegen: Anleihen bringen keine Zinsen. Eine Reihe von Fonds setzt auf ausgefallenere Papiere – und beweist das glatte Gegenteil

© Getty Images
Anleihen bringen noch ZInsen, man muss nur zu den richtigen Produkten greifen

Rentenfonds, das klingt ungefähr so sexy wie Filzpantoffeln und Heizdecken. Viele Anleger verbinden damit bestenfalls ein schwerfälliges Wertpapier, das keine großen Erträge abwirft – mit dem sie sich oft sogar herbe Verluste einhandeln können. Dass Anleihen keine Rendite mehr bringen, dass man doch besser Aktien und Realwerte kaufen solle, hört man aktuell aus fast jedem Mund.

Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht. Auch in Zeiten von Null- und Negativzinsen können festverzinsliche Geldanlagen Gewinne produzieren – und sind in vielen Depots weiter sinnvoll, wenigstens als Beimischung.

Zugegeben, der erste Blick auf die Renditen von Staats- und Unternehmensanleihen ist tatsächlich ernüchternd. Deutsche Bundesanleihen rentieren im Nullprozentbereich. Ein Drittel aller Papiere, mit denen sich europäische Staaten Geld von Anlegern leihen, wirft Renditen im negativen Bereich ab, man zahlt also Geld dafür, sie überhaupt besitzen zu dürfen. Und bei insgesamt zwei Dritteln liegen die Erträge unter einem Prozent.

Auch Unternehmen können sich zurzeit so billig verschulden wie noch nie und nutzen das reichlich aus. Gerade die stabilen und zahlungskräftigen Konzerne zahlen kaum noch Zinsen. BMW-Anleihen mit fünfjähriger Laufzeit etwa werfen rund 0,4 Prozent ab, beim Konsumgüterhersteller Henkel sind die Renditen sogar ins Minus gerutscht. Coupons wie diejenigen der Rabobank mit 1,4 Prozent wirken da schon beinahe gigantisch.

Trotzdem gibt es eine Reihe ganz guter Anlagechancen im Anleihebereich, übrigens selbst bei den Staatspapieren. Wer nach Einzelpapieren Ausschau hält, sollte zum Beispiel unbedingt über den Atlantik blicken: US-Staatsanleihen lohnen sich gerade jetzt für europäische Sparer. Die Zinsaufschläge, die sie im Vergleich zu hiesigen Staatsanleihen bieten, sind die höchsten seit 1989. Bei immerhin 2,3 Prozent liegen die Zinsen der zehnjährigen US-Treasuries aktuell. Und mit dem erhofften Wirtschaftsaufschwung, der anziehenden Inflation und den steigenden Notenbankzinsen in Amerika wäre künftig sogar noch ein bisschen mehr drin.

Einzelwerte versus Fonds

Dafür müsste man allerdings abwarten. Oder man kann auf Fonds setzen, die gezielt in einen Mix aus US-Anleihen investieren und somit auch von späteren Steigerungen profitieren, weil sie Papiere nachladen können. So macht es etwa der Nordea 1 US Total Return Bond Fund, der vorwiegend US-Anleihen mit mittlerer und langer Laufzeit bündelt. Er ist allerdings noch nicht so lange auf dem Markt, deshalb hat er noch keine große Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Zudem mag man die Spezialisierung auf Amerika für gewagt halten, denn schließlich weiß niemand, was unter einem unberechenbaren Präsidenten Donald Trump noch passiert. Aber man sollte ja ohnehin viel breiter investieren – und das geht mit diversen Fonds auch sehr leicht.

Beispielsweise mit einem preis-günstigen Indexfonds wie dem Barclays Euro Aggregate Bond ETF, der den kompletten Index europäischer Staatspapiere abbildet. Über die vergangenen fünf Jahre weist der Fonds eine erstaunliche Wertentwicklung von fünf Prozent pro Jahr auf – wobei sich der Trend zuletzt deutlich abgeschwächt hat: 2016 erzielte er wegen der niedrigen Zinsen und Kurse nur noch eine Rendite von 0,08 Prozent.

SPDR Barclays Capital Euro Aggregate Bond ETF Fonds

SPDR Barclays Capital Euro Aggregate Bond ETF Fonds Chart
Kursanbieter: L&S RT

Daher warnen Profis wie Frank Witt, Leiter der auf Anleihen spezialisierten Investmentgesellschaft Pimco Deutschland, die Hochphase für Europabonds könne bald vorbei sein: „Angesichts der politischen Risiken, der hohen Bewertungsniveaus und der niedrigen Zinsen sind wir vorsichtig eingestellt gegenüber europäischen Anleihen und haben zuletzt auch die Positionen in den Euro-Peripheriestaaten etwas zurückgefahren.“ Witt empfiehlt stattdessen Anlagen außerhalb des Euroraums.


Lesen Sie hier mehr zum Thema: Das Anleihe-Lexikon


Mit etlichen Anleihefonds kann man die auch nutzen: Mit solchen Fondsmixen etwa, die nicht nur auf unterschiedliche Länder setzen, sondern auch auf unterschiedliche Arten von Anleihen, darunter auch auf gewagtere Konstruktionen. Mischt man das Ganze dann mit einem Aktienanteil von rund 40 Prozent, sind sogar noch viel höhere Renditen drin. Selbst mit defensiven Fonds lassen sich dann 3,5 bis vier Prozent erzielen, mit aggressiveren Anleihen-Aktien-Mischfonds sogar sechs bis sieben Prozent pro Jahr, selbst auf Zeitspannen von 20 Jahren. Ausnahmetalente schaffen sogar zehn Prozent. Solche Fonds werfen regelrecht „aktienähnliche Renditen“ ab, sagen die Analysten der Ratingagentur Morningstar, die den Markt jüngst ausgewertet haben.

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 Aktiv versus passiv

Zwar sagt die Finanzwissenschaft, dass es den allerwenigsten aktiven Fonds gelingt, den Markt dauerhaft zu schlagen. Deswegen raten viele Ökonomen lieber zu passiven Indexfonds, weil man damit weniger abhängig von der Qualität eines Fondsmanagements ist. Gerade im Anleihebereich aber zahlten sich für Anleger die aktive Titelauswahl und das Wissen der Fondsmanager aus, argumentiert Witt: „Der Rentenmarkt ist in vielen Bereichen weniger standardisiert als etwa der Aktienmarkt.“

Abgesehen davon ist der Anleihemarkt ungefähr dreimal so groß wie der Aktienmarkt – und erheblich unübersichtlicher: Während Großunternehmen nur mit einer Aktie an der Börse gelistet sind oder höchstens zweien, bringen sie alljährlich zig neue Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten und Konditionen auf den Markt. Welcher Anleger behält da schon den Überblick?

Das „Postulat vollständiger Rationalität“ gelte an diesem Markt nicht, sagt Witt, erst recht nicht, solange Großinvestoren wie Zentralbanken diesen aushebelten. Denen geht es schließlich nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, die Zinsen für bestimmte Papiere möglichst niedrig zu halten. Die gleiche Ansicht vertritt Anleiheexperte Detlev Kleis von der UBS, der findet: Passive Strategien machten bei Anleihen keinen Sinn, solange die Zentralbanken die Preise verzerrten.

Notenbanken versus Markt

Und wenn sie es nicht mehr tun und sich aus dem Markt zurückziehen? Die Analysten der Société Générale gehen wie viele andere davon aus, dass die Talsohle bei den Zinsen erreicht ist. Die Zinsen würden demnächst auch in Europa wieder ansteigen. Das heiße aber erstens nicht, dass es nun bald wieder deutlich bergauf gehe, sagt Frank Witt, und zweitens: „Gerade bei steigenden Zinsen ist die aktive Laufzeitsteuerung entscheidend, dies hat sich auch in der jüngsten Phase steigender Zinsen deutlich gezeigt.“

Im Hinblick auf einzelne Branchen zahlt es sich ebenfalls aus, wenn ein Manager gezielt Papiere kauft oder eben weglässt, sagt Annabelle Düchting vom Investmenthaus JP Morgan. Die krisengeschüttelte Energiebranche sei so ein Fall – bei einem Indexfonds für Unternehmensanleihen hätte ein Anleger sie trotzdem im Depot. Nur ein aktiver Fondsmanager könne ein Portfolio gegen solche Risiken abfedern.

Zudem haben Fonds noch einen anderen Vorteil für Privatanleger: Denn bei vielen Anleihen – gerade bei attraktiven Firmenpapieren – sind die Stückelungen groß und die Einstandspreise hoch. Außerdem braucht es einige Dutzend Titel, um das Risiko ordentlich zu streuen, das kann sich kaum ein Sparer ohne die Hilfe eines Fonds leisten. Im Gegenzug zahlen Privatanleger dafür auch einen gehörigen Preis: Die Gesamtkostenquoten solcher Finanzprodukte liegen oft bei 1,5 bis zwei Prozent, um die sie den Ertrag schmälern. Gute schaffen es jedoch auch mit Kosten um ein Prozent.

Eines sollte aber jedem klar sein, der bei Anleihen nach Rendite sucht, betont Annabelle Düchting: „Mehr Rendite geht auch immer mit mehr Risiko einher.“ Dort, wo also die höchsten Zinsen locken, stecken auch gewagte Papiere dahinter. High-Yield-Bonds etwa, hochverzinste Firmenpapiere, die nur deshalb so hohe Ausschüttungen pro Jahr zusagen, weil die Unternehmen als nicht ganz so finanzstark gelten und von Banken als weniger kreditwürdig eingestuft werden. Die Renditeaufschläge liegen bei US-High-Yields bei rund fünf bis sechs Prozentpunkten.

Bündelt man aber sehr viele solcher Papiere, ist das Risiko überschaubar. „Das Ausfallniveau liegt in den USA bei unter zwei Prozent, da kann man sich schon mal heranwagen“, sagt Düchting. Zu den Fonds, die gezielt nach Hochverzinserbonds suchen, gehört etwa der M&G Optimal Income, der zu einem Drittel auf High Yields setzt. Aufs Jahr gesehen holte er damit zehn Prozent Rendite, auf Fünfjahressicht 5,5 Prozent jährlich. Er ist allerdings mit einer Kostenquote von 1,4 Prozent recht teuer.

M&G Optimal Income Fund EUR A-H thes. Fonds

M&G Optimal Income Fund EUR A-H thes. Fonds Chart
Kursanbieter: L&S RT

Im Grunde sind auch Schwellenländeranleihen nichts anderes als Hochzinsbonds: Sie werden entweder von aufstrebenden Staaten selbst als Staatsanleihen ausgegeben oder von dortigen Unternehmen. Auch hier sind die Risikoprämien hoch. Viele solcher Anleihen sind sogenannte Hartwährungsanleihen, die in Dollar notieren (sehr selten auch in Euro), und gerade von denen sind Analysten derzeit schwer angetan. Bei den Schwellenländerbonds in Lokalwährung handeln sich Anleger zwar immer auch ein Währungsrisiko ein – Optimisten hoffen dagegen auf einen Extra-Renditehebel: „Schwellenlandanleihen haben nach dem schwierigen Umfeld der vergangenen Jahre unserer Meinung nach gutes Potenzial“, sagt Pimco-Chef Frank Witt.

Fonds, die in Schwellenländern und unter hochverzinsten Unternehmensanleihen nach aussichtsreichen Papieren suchen, sind zum Beispiel der UBS Bond Global Dynamic und der Pimco GIS Income Fund. Letzterer hat seit Auflegung 6,78 Prozent Rendite jährlich geschafft. Statt aber nur auf die hohe Rendite zu schielen, sollten Anleger vor allem auf ein gutes Risikomanagement achten. Mit einem entsprechend höheren Anteil sicherer Papiere lässt sich auch der Erhalt des investierten Kapitals garantieren.

Immer interessanter finden Fondsmanager auch Hybrid- und Wandelanleihen. Für Hybridanleihen zahlen sogar Firmen mit Investment-Grade-Rating höhere Zinsen. Die Papiere sind eigenkapitalähnliche Unternehmensanleihen und bergen damit für Sparer ein höheres Risiko: Ihre Laufzeiten sind sehr lang, und im Insolvenzfall erhalten andere Schuldner zuerst ihr Geld. Daher können solche Anleihen auch im Totalverlust enden.

Aber auch hier gilt: Je mehr Papiere ein Fonds bündelt, desto kleiner ist das Verlust- und Zins-ausfallrisiko. Immerhin 2500 unterschiedliche Titel stecken im Global Income Fund von JP Morgan, der mit einem circa 60-prozentigen Anteil in Anleihen, Hybridpapiere und das Hochzinssegment investiert. Der Rest sind Aktien, womit der Fonds auf rund sieben Prozent Wertentwicklung jährlich kommt. Solche Größenordnungen sind tatsächlich vergleichbar mit Aktienrenditen.

Das gilt auch für die Durchschnittsrenditen von Wandelanleihen. Diese sind zunächst Anleihen, die regelmäßig Zinsen abwerfen, wenn auch etwas niedrigere als andere Bonds. Am Ende der Laufzeit können sich die Anleger dann entscheiden, ob sie lieber den Nennwert der Anleihe zurückbekommen möchten – oder das Papier zu einem vorgegebenen Verhältnis in Aktien des Unternehmens tauschen möchten. Sind die Kurse gestiegen, lohnt sich das. Dann profitiert der Sparer wie bei der Aktie vom Börsenboom und hat bis dahin bereits regelmäßig Erträge kassiert. Später bekommt er diese weiterhin in Form der Dividende. Rund 100 Fonds versuchen hierzulande, aus solchen Wandlern mehr Gewinn für Sparer herauszuholen. Einige schlagen sich dabei nicht schlecht und fahren damit zehn Prozent Rendite jährlich ein.

So, und ab jetzt sollte man sich unter Rentenfonds vielleicht eher die Schuhe von Usain Bolt vorstellen. Und keine Filzpantoffeln mehr.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 04/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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