• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Aktien

Der Fluch des billigen Öls

, Nadine Oberhuber

Der Absturz des Ölpreises hat Unruhe in die Aktienmärkte gebracht. Denn mit dem Öl sinken oft die Kurse. Doch steckt wirklich eine Gesetzmäßigkeit dahinter? Von Nadine Oberhuber

© Capital
Ölpumpe: Die Förderbegrenzung der Opec greift nicht

Der Mensch liebt das Regelmäßige. Er mag es, wenn die Dinge berechenbar ablaufen, alles andere verunsichert ihn. Es verursacht schlimmstenfalls Stress, wenn etwas unerwartet läuft. Genau das lässt sich dieser Tage wieder einmal prächtig an den Börsen ablesen. Die nämlich verlaufen oft alles andere als gleichförmig und regelmäßig. Deshalb gerät der Mensch mit seinem Wunsch nach Gleichmäßigkeit hier ziemlich oft an seine Grenzen – vor allem an die Grenzen der Erklärbarkeit. Zum Beispiel jetzt, wo der Ölpreis eingebrochen ist. Obwohl er das laut offizieller Strategie der erdölexportierenden Ländern doch gar nicht hätte tun dürfen. Der Absturz kam unerwartet und heftig, darum sackten die Aktienkurse gleich mit ab. Was folgte war Unruhe, und eine gewisse Ratlosigkeit.

Was gar nicht verwunderlich ist, schließlich gelten sinkende Ölpreise als Vorboten für eine Abschwächung der Weltwirtschaft. Sie sind kein gutes Zeichen, sondern zeigen eine Verlangsamung des Wachstums. Das wiederum bedeutet: Die Unternehmen werden künftig weniger Gewinne einfahren. Und weil Aktienkurse nichts anderes als vorweggenommene Gewinne sind, reagieren sie auf so eine Ankündigung prompt. Soweit klingt das alles völlig logisch und erklärbar.

Genau das aber ist das Problem. Denn in Wirklichkeit beruht diese Wirkungskette auf einem Mechanismus, der automatisch in unserem Gehirn abläuft, wenn etwas Unerwartetes passiert – der uns aber auch häufig einen Streich spielt. Der Mechanismus lautet: Wenn etwas Unerklärliches oder etwas Unregelmäßiges passiert, dann suche im Chaos nach Regeln, um das Ganze dennoch erklärbar zu machen. Eine dieser Regeln lautet bei Finanzmarktbeobachtern: Wenn der Ölpreis sinkt, sinken auch die Aktienkurse. Steigende Ölpreise dagegen sind ein Zeichen für eine florierende Weltwirtschaft und mehr Ölnachfrage. Sie sind somit gut für die Kurse. Aber stimmt diese Gleichung wirklich?

Opec-Begrenzung funktioniert nicht

Dafür muss man sich ansehen, was überhaupt der Auslöser für den Ölpreiseinbruch war. Der liegt nämlich nicht darin begründet, dass die Welt weniger produzieren und weniger nach Öl gieren würde, sondern in der Förderpolitik der Herstellerländer. Zuletzt hatte das schwarze Gold ja rasant an Wert verloren. Von Mitte 2014 bis Anfang 2016 drittelte sich sein Preis ungefähr, von 107 Dollar je Barrel auf rund 35 Dollar. Das war ein beispielloser Absturz, wie ihn die Welt zuletzt nur nach der Revolution im Iran in den 80er-Jahren erlebte. Selbst der tiefe Einbruch infolge der Weltfinanzkrise 2008 fiel geringer aus. Das Öl verlor also bis 2016 enorm an Wert, woraufhin sich die Gemeinschaft erdölexportierender Staaten (Opec) auf eine Begrenzung der Fördermengen einigte, um den Preis wieder in die Höhe zu treiben. Ein gutes Stück hatte sich der Kurs seitdem wieder erholt auf 53 Dollar und neuer Optimismus flammte auf. Doch zu Beginn dieses Jahres begann der Ölpreis wieder zu sinken. Zuletzt hat er die 42-Dollar-Marke durchschlagen und damit ein Zehnmonatstief markiert. Was also ist passiert?

WTI Rohöl NYMEX Rolling Rohstoff

WTI Rohöl NYMEX Rolling Rohstoff Chart

Es sind nicht die Abnehmerländer, die weniger Öl verbrauchen, sondern es gibt schlicht einige Staaten, die sich nicht an die Strategie der Opec halten und stattdessen Öl fördern, was das Zeug hält. Nigeria und Libyen zum Beispiel witterten zuletzt bei den steigenden Preisen eine Chance, ihre schwächelnden Staatshaushalte ein wenig aufzubessern. Vor allem aber pumpen die USA mehr schwarzes Gold an die Erdoberfläche. Sie holen zurzeit mit der Fracking-Technologie weitaus mehr Schieferöl aus dem Gestein, als den klassischen Ölexporteuren lieb ist. Die USA wollen sich unabhängig von Energieimporten machen, das bekommt der Ölmarkt nun zu spüren. In seinem Gefolge geraten üblicherweise auch die übrigen Finanzmärkte aus dem Tritt.

Denn wenn der Ölpreis schwankt, lenkt das weltweit gigantische Kapitalströme um. Fällt der Preis, dann erleiden die Produzentenländer, deren Förderindustrie-Zulieferer und internationale Kreditgeber hohe Verluste. Viele derjenigen Länder, die reich an Öl sind, bestreiten einen Großteil ihres Finanzhaushalts aus den Öleinnahmen. Unterschreitet der Kurs jedoch eine gewisse Grenze nach unten, häufen sie gigantische Staatsdefizite an: Zum Preis von 100 Dollar je Barrel erlösten alle Produzentenländer zusammen 3,4 Billionen Dollar mit der Ölförderung. Heute sind es nur noch rund 1,5 Billionen Dollar. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben einen ausgeglichenen Haushalt, solange der Ölpreis um 60 Dollar liegt, bei Iran und Katar sind es knapp 64 Dollar. Für die Saudis müsste der Preis bei 77 Dollar liegen, damit ihr Staatshaushalt kein Minus macht und Libyen hat von allen Ländern das größte Einnahmenproblem, weil es am teuersten fördert. Momentan also brechen den Opec-Staaten die Einnahmen weg.

[Seitenwechsel]

Sinkende Ölpreise setzen sehr viel Geld frei

Das bedeutet, dass sie sich entweder anderweitig finanzieren müssen, oder aber auf größere Ausgaben wie Infrastrukturinvestments verzichten müssten oder bestehende Investments und Aktienpakete verkaufen müssen, um flüssig zu bleiben. All das bekommen auch andere Länder und Branchen zu spüren: Die deutsche Baubranche etwa, die stark vom Bau- und Infrastrukturboom in Megacities wie Dubai profitiert. Oder Ausrüster wie Siemens, die mit dem Kraftwerks- und U-Bahn-Bau in solchen Ländern Milliarden verdienen. Auch die Luxusgüterindustrie spürt es, wenn reiche Scheichs und russische Ölmilliardäre plötzlich weniger Geld ausgeben.

Doch die gute Nachricht ist: Anderswo setzt ein sinkender Ölpreis auch sehr viel Geld frei – und zwar mehr als ein steigender Ölpreis in die Weltwirtschaft pumpt, so errechnete der Internationale Wahrungsfonds. Die Verbraucher in Industrieländern haben dadurch mehr Geld übrig, weil sie weniger für Benzin und Heizöl ausgeben (letzteres kaufen sie vorwiegend im Sommer). Allein das macht laut Statistik rund fünf Prozent der Lebenshaltungskosten aus. Zudem verbilligen sich einige Produkte, die aus Rohöl hergestellt werden, etwa Kunststoffe, Medikamente, Düngemittel, Kosmetika und Bekleidung sowie die Transportkosten vieler Güter. Dadurch sparen die Konsumenten unter dem Strich noch viel mehr Geld. Geld, das sie für andere Dinge ausgeben. So gesehen wirken sinkende Ölpreise wie ein kleines Konjunkturprogramm, das die Weltwirtschaft rund 0,2 Prozent stärker wachsen lässt, haben die IWF-Experten errechnet.

Einen Haken hat die Sache allerdings: Der sinkende Ölpreis dämpft die Inflation. Er könnte die Notenbank Fed zum Umdenken bringen und sie dazu bewegen, die Zinsen langsamer anzuheben als bisher. Ebenfalls könnte er dafür sorgen, dass die Europäische Zentralbank sich noch länger Zeit lässt mit den angekündigten Zinserhöhungen, die für die hiesige Wirtschaft eher Segen als Fluch wären.

Gewiss ist nur die Ungewissheit

Müssen Anleger also vor sinkenden Ölpreisen Angst haben? Der Blick in die Vergangenheit sagt: mal so, mal so. In den 90er-Jahren fiel der Ölpreis – und die Aktienkurse stiegen. Von 2002 bis kurz vor der Finanzkrise 2008 fiel der Ölpreis – und die Kurse stiegen. Und 2010 stieg der Ölpreis zwar, aber danach fiel er rasant. Und was machten die Börsen? Von 2009 bis 2016 stiegen sie. Ein zuverlässiger Indikator für sinkende Börsenkurse sieht anders aus. Das sagen auch immer mehr Analysten, die nach Korrelationen in Ölpreis und Aktienkursen suchen und feststellten: Einen eindeutigen Zusammenhang gibt es nicht. Zumeist bewegten sich Öl und Aktien in den vergangenen 30 Jahren recht uneinheitlich und damit unabhängig voneinander. Auf kurze Sicht gab es tatsächlich einige Phasen, in denen steigende Ölpreise gut waren für die Aktienkurse. Auf lange Sicht aber bewahrheitet sich dieser Zusammenhang nicht.

Man kann das beängstigend nennen, weil es so wenig Regelmäßigkeit erkennen lässt. Vielleicht wirkt sie aber auch beruhigend, die Einsicht, dass nicht alles mit allem zusammenhängen muss. Ist ja auch eine Form von Gewissheit.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen. Mehr von Nadine Oberhuber: Bei Schwellenländern ist Ausdauer gefragt, ETF - Fluch oder Segen? und Das Geld liegt auf der Straße


Capital-Depotcheck

Machen Sie den Depotcheck für 2017!
Ermitteln Sie die Renditeerwartungen und das eingegangene Risiko Ihres Depots:

www.capital.de/depotcheck.html


Artikel zum Thema