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Ein Chinaböller ist kein Grund zur Panik

, Nadine Oberhuber

Der Kurssturz in China macht auch den hiesigen Börsen zu schaffen. Geht es nun langfristig abwärts? Worauf müssen sich Anleger einstellen? Von Nadine Oberhuber

Aktienkurse auf einem Laufband an einer Brücke in Shanghai
Die Kurse an den chinesischen Börsen kannten zuetzt nur eine Richtung – abwärts - Foto: Getty Images

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über GeldanlagethemenNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen


In diesem Jahr wird alles anders. So könnte es zumindest kommen, fürchten viele Börsianer nachdem sie zum Jahresauftakt bereits an den Märkten mächtig durchgerüttelt worden sind und nun fürchten, dass 2016 das Jahr des großen Kurssturzes wird. Zurzeit ist die Laune der Anleger jedenfalls so trübe wie lange nicht mehr, belegt das Stimmungsbarometer Sentix, so schlecht wie seit November 2014 nicht mehr. Vom Jahresanfangsoptimismus keine Spur. Daran ist vor allem China schuld, aber auch das schon länger schwelende Gefühl, dass es mit dem bisherigen Aktienaufschwung ohnehin nicht mehr lange weitergehen kann. Zu Jahresbeginn nun stürzten die Kurse in China kräftig und rissen Indizes rund um den Globus mit.

An der Börse Shanghai verloren die Inlandsaktien seit Weihnachten rund 17 Prozent – und das scheint noch lange nicht das Ende zu sein. Der große Kurssturz trifft vor allem die chinesischen Aktien, die vorwiegend in den Depots chinesischer Privatsparer steckten. Aber natürlich sendet er Schockwellen aus: Der deutsche Aktienindex Dax verlor seit dem 28. Dezember rund 1000 Punkte, also zehn Prozent. Der europäische Eurostoxx und der amerikanische S&P500 sackten um acht Prozent ab. Nicht viel besser erging es dem Weltaktienindex MSCI World, der gut sieben Prozent einbüßte.

Ist das nun der Anfang vom Ende des Aufschwungs? Über die vergangenen drei, fünf, ja und auch zehn Jahre stiegen die Kurse schließlich rasant an, egal bei welchem Index. Die Börsen haben die große Delle in den Kurscharts, die die Finanzkrise 2008 hinterließ, inzwischen längst wieder wettgemacht. Der Dax steht heute weit über jenen 8000 Punkten, die damals als der absolute Höhepunkt galten. Inzwischen notiert er fünfstellig und er hält sich tapfer in dieser Höhe. Aber wird es damit nun bald vorbei sein? Manche Auguren befürchten das und sie mahnen: Die Verwerfungen in China könnten eine globale Rezession auslösen.

Staatsführung für Blase verantwortlich

Nun muss man allerdings sagen, dass es alles andere als die Mehrheit der Finanzmarktbeobachter ist, die derart pessimistisch gestimmt ist. Der weit überwiegende Teil der Analysten beschwichtigt die Anleger, zumindest ein wenig: Schließlich kam der Absturz in China nicht überraschend. Er hat bereits Mitte letzten Jahres begonnen und sich seitdem in drei großen Schüben fortgesetzt. Inzwischen haben die chinesischen Festlandsaktien insgesamt gut 42 Prozent an Wert verloren. Aber ist das so hochdramatisch, wie es klingt? Nein, sagen die Realisten, damit haben sich die Kurse nur wieder auf das Niveau zurückbewegt, auf dem sie noch vor einem guten Jahr notierten.

Denn erst nach Januar 2015 begann der große Höhenflug an Chinas Börsen, der die Kurse bis zum Juni um 70 Prozent in die Höhe trieb. Vor allem der Staat trug Schuld daran, dass sich diese gigantische Blase aufblähte. Denn er trieb massenhaft staatliche Betriebe aufs Börsenparkett, er bläute zusätzlich dem Volk ein, dass der Kauf von Aktien nichts anderes sei als das Unterstützen heimischer Unternehmen, also quasi so etwas wie die oberste Bürgerpflicht. Und er heizte den Aktienkauf mit Krediten zusätzlich an. Millionen Privatsparer preschten an die Börsen und trieben damit die Preise, auch Auslandsinvestoren drängten in den Markt. Das hat die Kurse in kürzester Zeit nahezu verdoppelt. Mit der realen Entwicklung der Unternehmen, also den Fundamentaldaten, hatte all das indes wenig zu tun.

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Chinas Wirtschaft wird eine harte Landung erleben

Genau deswegen warnen besonnene Analysten auch: Das Schlimmste, was Anleger derzeit machen könnten ist, aufgrund des Marktsturzes anzunehmen, dass sich hier erneut eine große Schwäche der chinesischen Wirtschaft offenbare. Und sich von der schlechten Stimmung anstecken zu lassen. Ja, die Volksrepublik wächst langsamer als sie es lange Jahre getan hat. Sie legt nicht mehr zehn Prozent jährlich zu wie zuvor, sondern nur noch sieben Prozent oder sogar nur sechs Prozent. Das zeichnet sich bereits seit längerer Zeit ab, dieses Niveau aber wird sie auch halten. Denn ihre Wirtschaft befindet sich in einem Umbruchstadium und wandelt sich von einer reinen Produktionsgesellschaft, die vom Kopieren ausländischer Waren lebt, in eine Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft.

Zudem leidet auch das Reich der Mitte trotz Bevölkerungszuwachs zunehmend unter Überalterung und längst nicht alle der 1,35 Milliarden Chinesen haben genug Geld, um den Konsum kräftig anzuheizen. Das Wohlstandsgefälle ist groß und es wird eine Zeit dauern, bis gerade die Ärmeren zu kaufkräftigen Konsumenten geworden sind. Das alles kostet Wachstumspunkte. Es führt dazu, dass die rasanten Steigerungen der letzten Jahre wohl der Vergangenheit angehören und der Übergang ins neue Wirtschaftszeitalter nicht sanft und geräuschlos verläuft. Chinas Wirtschaft wird eine harte Landung erleben.

Angst vor dem großen Absturz ist übertrieben

Doch wie hart trifft das nun auch deutsche Firmen und den Rest der Welt? Es wird sie auf jeden Fall treffen – deutsche Firmen vermutlich auch stärker als andere. Aber man wird es nicht unbedingt an den Exportzahlen und Exportstatistiken ablesen können. Denn viele hiesige Unternehmen haben ihre Produktion ganz nach China verlagert, dort Investitionen getätigt und Joint Ventures gegründet, um den stetig größer werdenden Absatzmarkt in Asien zu beackern. Das heißt, dass die in China gefertigten Produkte gar nicht mehr als Exporte in den Statistiken auftauchen. Ungeschickterweise konzentrieren sich deutsche Hersteller dabei stark auf Investitionsgüter wie Maschinen und teure Autos, die sie in der Riesenrepublik unters Volk bringen wollen. Ungeschickterweise deshalb, weil das vermutlich die ersten Branchen sein werden, die es spüren werden, wenn das Land in eine Krise rutscht und die Chinesen weniger Geld ausgeben. Weniger stark wird es dagegen zum Beispiel amerikanische Unternehmen treffen, weil sie stärker in der Telekommunikations- und Pharmabranche vertreten sind.

Doch es gibt auch Effekte, die eine schwächere Nachfrage in China ausgleichen könnten. Der Export nach Südeuropa nimmt derzeit zu. Auch der private Konsum in Deutschland stützt die hiesigen Firmen. Den ganz großen Absturz hierzulande sehen deshalb die wenigsten kommen, weil der Kursrutsch in ihren Augen kein Zeichen für eine neu zutagegetretene Wirtschaftsschwäche Chinas ist, sondern eher für die schwachen Nerven seiner Anleger. Und für den mangelnden Einfluss des Staates auf die Bewegung an den Märkten. Die neue Strategie der Volksrepublik, bei überraschenden Kursstürzen die Börsen zu schließen und den Handel auszusetzen, hat sich in der jüngsten Vergangenheit jedenfalls nicht bewährt. Sie hat genau das Gegenteil erreicht und den Abschwung erst verschärft. Weil alle Anleger nun wissen, dass die Börsen schließen, wenn die Kurse eine Weile sinken, sind die Verkäufe noch panischer geworden – und führen dadurch noch schneller zum Aussetzen des Handels. Diese Praxis wurde daher rasch wieder abgeschafft.

Ob mit oder ohne staatlichen Durchgriff: Die Kurse werden sich wieder auf ein Niveau zurechtruckeln, das die Wirtschaftskraft der asiatischen Unternehmen realistisch wiedergibt. Mutige Investoren sagen sich sogar: Die Panikreaktionen derzeit ist im Grunde sogar ein Kaufsignal. Denn wann wäre ein besserer Zeitpunkt, in Aktien einzusteigen, wenn nicht in Situationen, in denen die Psychologie die Märkte weit nach unten getrieben hat? Schaut man sich die langfristige Entwicklung der chinesischen Indizes wie des CSI 300 oder Shanghai A-Index an, dann sieht man zwar, dass noch eine Menge Luft in den Aktienkursen stecken könnte. Eine Weile könnte es noch hinabgehen, von bisher über 3000 Punkten auf Werte zwischen 2000 und 3000 Punkten. Aber es gibt keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass Chinas Börsen danach nicht wieder genesen angesichts der Fundamentaldaten, die von sechs bis sieben Prozent Wachstum landesweit ausgehen. Zumal es ja nicht nur lahme Staatsbetriebe gibt, sondern auch viele aufstrebende Firmen unter den 300 größten Unternehmen der Volksrepublik. Das große Krachen im fernen Osten ist daher vielleicht nicht das übliche Geräusch, dass sich Anleger zum Jahresstart wünschen. Aber auch ein großer Chinaböller ist noch kein Grund zur Panik.


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