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"Ausverkaufspreise sind das nicht"

, Christian Kirchner

Deka-Anlagenstratege Hagenstein über das richtige Einstiegsniveau, den Vorteil von Sparplänen und neuen EZB-Maßnahmen.

Frank Hagenstein
Frank Hagenstein

Frank Hagenstein ist Chefanlagenstratege der Deka 


Capital: Herr Hagenstein, die Kapitalmärkte sind extrem schwach in das Jahr 2016 gestartet, obwohl die Wirtschaftsdaten immer noch gut ausfallen. Was wissen die Akteure am Aktienmarkt, was Ökonomen vielleicht noch nicht wissen?

Frank Hagenstein: Was wir derzeit sehen, ist eine Neubewertung der globalen Wachstumsaussichten nach unten, während zugleich das Vertrauen in Notenbankmaßnahmen abnimmt. Das zeigt sich sowohl im Ölpreis als Angstbarometer als auch am Aktienmarkt. Das muss nicht gleich auf einen Wirtschaftseinbruch deuten. Eine globale Rezession ist unseres Erachtens eher unwahrscheinlich. Allerdings sind in einigen Ländern bereits wieder Deflationssorgen im Kommen – dies gilt nicht nur für Japan.

Wie beurteilen Sie die Bewertung der Aktienmärkte derzeit?

Sie preisen ein rezessionsnahes Umfeld ein, aber längst keine Rezession. In dem Fall wären sicher noch mindestens 10 bis 20 Prozent Luft nach unten drin. Echte Ausverkaufspreise sind das nicht, und auch die Stimmung deutet nicht auf eine echte Kapitulation unter Anlegern hin. Wir bleiben daher taktisch eher neutral positioniert und halten Budget für günstigere Einstiegsniveaus zurück.

Warum ist die USA plötzlich vom Wachstumstreiber zu einem Sorgenkind geworden?

Der jüngste Einbruch der Frühindikatoren im produzierenden Gewerbe in den USA sorgt für Kopfzerbrechen. Es heißt zwar immer, dieser stünde nur für einen kleinen Teil der US-Wirtschaft, während 75 bis 80 Prozent aus den Bereichen Konsum und Dienstleistung kämen. Derzeit sehen wir aber einen Belastungsmix aus einem niedrigem Ölpreis, schwachen Schwellenländern und der Abwertung asiatischer Währungen für die globale Konjunktur. Die Finanzierungsbedingungen in den USA werden etwas straffer. Nimmt man noch die schwachen Aktienmärkte dazu, wäre alles andere als eine Eintrübung auch der Konsumneigung in den USA eine Überraschung.

"Zentralbanken verfehlen ihre Ziele"

Viele Anleger haben Schwierigkeiten zu verstehen, was an einem niedrigen schwachen Ölpreis plötzlich schlecht sein soll, nachdem ein zu hoher jahrelang als gefährlich galt.

Starke Kursrückgänge im Ölpreis waren historisch ein Zeichen für eine sich abschwächende Weltwirtschaft. Zusätzlich sehen wir beim Ölpreis den Zerfall eines Kartells, das lange den Preis bestimmen konnte und somit ein länger anhaltendes Überangebot. Die strukturelle Ausweitung des Angebots war auch Folge der neuen Anbieter von Schieferöl aus den USA. Der sinkende Ölpreis senkt die Inflationsrate deutlich ab. Zentralbanken verfehlen ihre Ziele. Die Angst vor einer deflationären Spirale bringt risikobehaftete Märkte unter Druck und induziert Kursrückgänge bei Aktien und steigende Kreditspannen.

Der Druck auf die Europäische Zentralbank steigt, in der nächsten Sitzung weitere geldpolitische Lockerungen zu beschließen. Kann das dem Markt helfen?

Der stärkere Euro und die gesunkenen Inflationserwartungen machen weitere Maßnahmen tatsächlich sehr wahrscheinlich. Zudem hat Draghi ein Auge auf die Marktbedingungen. Die Risikoprämien sind in sensiblen Bereichen wie in der Bankenrefinanzierung gestiegen. Allerdings betrachten wir das Handeln der EZB aus antizyklischer Sicht: Mario Draghi beherrscht das Spiel sehr gut, die Erwartungen an Maßnahmen deutlich zu übertreffen, wenn keiner so recht damit rechnet. Umgekehrt ließ sich die EZB auch nicht treiben, hohe Erwartungen zu erfüllen – wie es etwa im Dezember der Fall war. Das eröffnet kurzfristige taktische Chancen: Erwartet der Markt eine Übererfüllung, sollte man eher vorsichtig agieren. Glaubt hingegen keiner mehr an die Macht der EZB, zieht sie vermutlich bald wieder etwas Neues aus dem Hut. Insofern wäre es hilfreich, wenn nun nicht zu große Erwartungen an die März-Sitzung geknüpft würden. Die hohen Volatilitäten dürften uns allerdings langfristig leider erhalten bleiben.

Warum?

Vereinfacht gesprochen hieß ein „Marktabriss“ an den Aktienmärkten früher vielleicht acht Prozent, heute sind es dann gleich 16 Prozent. Das ist leider eine sehr einfache Folge der negativen Zinsen und des streng regulierten Markts. Wenn es keine sicheren Erträge mehr gibt, funktioniert die Risikosteuerung eben über ein Rein und Raus aus risikobehafteten Anlageformen. Und es gibt leider immer weniger Akteure, die in fallende Kurse auch antizyklisch kaufen können: Die Banken halten kaum noch Handelsbestände, den Versicherern sind regulatorisch beim Kauf die Hände gebunden. Entsprechend nimmt auch die Visibilität ab: Es wäre einfach unseriös, Prognosen über die Zinsen und den Ölpreis auf Sicht eines Jahres zu tätigen.

Sie klingen eher pessimistisch. Das spricht nicht unbedingt für eine Anlage in Aktien- oder Mischfonds.

Oh nein. Das wäre der falsche Schluss. Ich bin kein überzeugter Börsenbär. Die einst eher luftigen Bewertungen am Aktienmarkt bereinigen sich schließlich derzeit. Und die Schwankungen eröffnen taktischen Investoren Chancen und machen zum Beispiel Sparpläne attraktiv, die das Timingproblem besser lösen. Es gibt zwar ein Restrisiko, dass Europa noch einmal wirtschaftlich „aus dem Bett fällt“, es also noch einmal richtig kracht. Grundsätzlich verbessert sich aber die Wirtschaftslage bei zugleich moderaten Bewertungen in Europa. Gerade die Daten der Euro-Peripherie deuten darauf hin, dass die Notenbank eben doch etwas bewirken kann.


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