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3 Lehren aus Draghis Bazooka-Schuss

, Christian Kirchner

Intuition ist ein eher schlechter Ratgeber, wenn es um die Interpretation der jüngsten EZB-Beschlüsse geht. Von Christian Kirchner

Christian Kirchner © Gene Glover
Christian Kirchner

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Noch tiefere Strafzinsen für Einlagen von Banken, Nullzinsen für Kredite an Banken, noch mehr Anleihenaufkäufe, ein noch größeres Aufkaufuniversum an Anleihen: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag keinen Zweifel daran gelassen, dass ihr Anspruch „Whatever it takes“ zur Rettung des Euros keine hohle Phrase ist. Sondern, dass es ihr ernst ist. Vielleicht ist es daher auch kein Zufall, dass EZB-Chef Mario Draghi zur Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung die gleiche blaue Krawatte trug wie bei seiner Londoner „Whatever it takes“-Rede vor knapp vier Jahren, mit der er damals die Euro-Krise eindämmen konnte.

Der Schritt war richtig – und er war wichtig, um glaubwürdig zu bleiben, auch wenn die unmittelbare Marktreaktion einer Ohrfeige für die Notenbank glich: Die Renditen von Staatsanleihen schossen nach oben, die Aktienkurse schmierten ab. Und viel wichtiger noch: Der Euro, den die Notenbank zum Anheizen der Inflation eigentlich verbilligen will (weil sich dann Importe in die Eurozone verteuern und die Exporte subventioniert werden) – er legte zum US-Dollar kräftig zu, genauer: um rund 4 Cent vom Tagestief. Damit steht der Euro wieder annähernd da, wo er im Januar 2015 schon stand, als die EZB ihre Anleihenaufkäufe im großen Stil erstmals angekündigt hatte.

Die Marktreaktion von Donnerstag führt zur ersten Lehre, die wir aus der Maßnahme ziehen können: Es geht derzeit nicht um ein paar Basispunkte mehr oder weniger Zins oder Inflation, es geht vor allem um die Glaubwürdigkeit der Notenbanken, die sie sich erhalten müssen. Das heißt auch: So zu handeln, wie man es zuvor angekündigt hat. Denn die Kurseinbrüche seit Jahresbeginn fielen trotz ordentlicher Wirtschaftsdaten vor allem deshalb so stark aus, weil die Akteure an den Kapitalmärkten ein übles Szenario befürchten: Die Weltkonjunktur kippt, und die Notenbanken haben mit Nullzinsen und Anleihenaufkäufen bereits alle geldpolitischen Register gezogen. Das an sich wäre schon problematisch, doch setzt sich dann auch noch der Eindruck durch, dass die großen Notenbanken wie die Fed oder die EZB erstens den Überblick und zweitens an Entschlusskraft verloren haben, brächen gewiss alle Dämme.

Die zweite Lehre ist, dass Intuition ein schlechter Ratgeber ist, wenn es um eine Folgeabschätzung des Maßnahmenpakets geht. Merkwürdigerweise sind sich alle einig, dass sich die EZB auf völlig unbekanntem Terrain befindet, wenn sie Banken unlimitiert Geld zu Nullzinsen leiht und für Einlagen Gebühren von 0,4 Prozent verlangt. Die Schlüsse ziehen viele Kritiker – die leider nur selten Alternativen bieten – auf Basis intuitiv logisch klingender, aber empirisch mindestens fragwürdiger Modelle. Etwa jener Vorstellung, dass sich Sparer vor allem von der Höhe der Zinsen zum Sparen und Vorsorgen oder eben zum Konsum verleiten lassen. Oder dass die nun noch niedrigeren Zinsen für Baugeld und Kredite zu einer Spekulationsblase beitrügen.

Tatsächlich ist keineswegs sicher, dass noch niedrigere Einlage- und Kreditzinsen seitens der EZB die Kreditzinsen für Verbraucher wie Firmen nochmals verbilligen. Die eigenen Zinskosten spielen in der Kostenkalkulation der Banken schon jetzt so gut wie keine Rolle mehr verglichen mit Verwaltung, Filiale, Vertrieb und Risikokalkulation von Krediten. Gut möglich, dass das Maßnahmenbündel also Kredite nicht weiter verbilligt, sondern verteuert, weil die Banken durch den auf minus 0,4 Prozent abgesenkten Einlagenzins und der Angst vor einer konjunkturellen Eintrübung so unter Druck geraten, dass sie zur Sicherung ihrer Margen Kredite verteuern.

Auch die Argumentation, die EZB-Zinspolitik demotiviere oder enteigne Sparer hinkt. Es steht außer Frage, dass die Null- und Negativzinsen den sicheren Vermögensaufbau erschwert haben. Die Höhe der Nominalzinsen ist aber nur einer und gar nicht mal entscheidender Faktor, wenn es um die Frage geht, ob und wie viel Menschen sparen. Ihre wirtschaftliche Zuversicht (und hier schließt sich der Kreis zur Glaubwürdigkeit der Notenbank) ist etwa – neben den soziodemografischen Faktoren wie Alter, Einkommen, Vermögen – eine viel wichtigere Determinante.

Nicht nur auf die EZB starren

Vereinfacht gesprochen verschuldet sich nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung bis über beide Ohren für eine Immobilie, nur weil Baugeld gerade ein und nicht vier Prozent kostet. Es wirft aber auch nur eine Minderheit den Plan über den Haufen, überhaupt etwas fürs Alter zu sparen, nur weil es auf das Sparbuch oder Bundesanleihen kaum noch Zinsen gibt. Ein Gedankenmodell: Unterstellen wir, dass ab sofort der Guthabenszins auf Sparbücher und Girokonten bei minus fünf Prozent läge – es wäre nicht ausgemacht, dass die Menschen fortan ihr Geld verjubelten, statt es verschimmeln zu lassen. Vielleicht würden sie stattdessen ihr Angstsparen sogar dramatisch ausweiten, selbst wenn sie dafür draufzahlen, weil sie intuitiv das Gefühl haben, dass die Dinge geldpolitisch und wirtschaftlich aus dem Ruder laufen.

Und überhaupt: Warum starren eigentlich so viele nach Frankfurt zur EZB, wenn es um die Motivation zum Sparen und zur Altersvorsorge geht – und nur wenige nach Berlin, wo mit Finanzminister Wolfgang Schäuble einer der größten Profiteure der Nullzinspolitik sitzt und wo sich kaum etwas rührt in der Frage, wie man Menschen zu mehr Vorsorge bewegen kann?

Die dritte Lehre aus den EZB-Beschlüssen mag eine Facette sein, die im großen Bild der Geldpolitik und den Risiken für die Eurozone vernachlässigbar scheint. Aber sie hat unmittelbar mit den Verbrauchern zu tun: Die Banken werden alles in ihrer Macht stehende tun, um Strafzinsen für Guthaben bei Privatkunden zu verhindern. Ein gut gefülltes Spar- oder Girokonto ist allerdings derzeit für die Banken nichts anderes als ein immer teureres Zuschussgeschäft. 

Strafzinsen zu verhindern heißt aber auch, dass die Erlöse woanders herkommen müssen. In den vergangenen drei Monaten hat meine Hausbank eine Jahresgebühr für die EC-Karte eingeführt, mein Kreditkartenanbieter meine Versicherungsleistungen gekürzt, ein anderer die Gutschrift von Bonuspunkten für Umsätze halbiert, ferner erhalte ich laufend Angebote, Guthaben doch in rentable Anlageformen zu überführen oder eine Immobilie zu finanzieren. Letztlich dürfte eine noch viel stärkere Segmentierung der Bankkunden in für die Institute attraktive und weniger attraktive Kunden neben höheren Gebühren die sicherste Folge der Zinspolitik sein.


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