• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Kolumne

Dividenden sind der alte Zins

, Christian Kirchner

Höhere Dividenden- als Anleihenrenditen sind historisch keine Ausnahme. Das macht eine dividendenorientierte Anlage allen Kritiken zum Trotz attraktiver denn je.

Christian Kirchner © Gene Glover
Christian Kirchner

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Beginnen wir mit einer kleinen Schätzfrage zum US-Aktienmarkt: Was glauben Sie, in wie viel Prozent der Jahre seit 1870 (dem Beginn der Datenverfügbarkeit) die Rendite zehnjähriger Staatsanleihe unter (!) der Dividendenrendite des Aktienmarkts lag? Also wir quasi in der Situation steckten, die von vielen als aktuelle Anomalie dargestellt wird, weil die Notenbanken die Zinsen nach unten manipulieren?

Die richtige Antwort lautet: In 60 Prozent der Fälle lag die Rendite von US-Anleihen unterhalb der durchschnittlichen Dividendenrendite von US-Aktien. Daran kann sich nur kaum noch jemand erinnern, weil es in der jüngeren Vergangenheit zwischen den 60er- und Nuller-Jahren fast immer andersherum war. Früher hingegen war es völlig normal, dass Aktionäre für das Halten volatiler Dividendenpapiere höher entlohnt werden wollten als für den Besitz von Staatsanleihen – wenngleich nicht in dem dramatischen Ausmaß wie derzeit, denn die Dividendenrendite des Dax ist unglaubliche 25-mal höher als die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen.

Dieses Wissen um historische Zusammenhänge ist wichtig, will man sich eine Meinung zur derzeit laufenden Debatte bilden, ob „Dividenden der neue Zins“ seien. In dieser Diskussion geht es um mehr als um Marketingsprüche von Finanzdienstleistern, denn die Beschäftigung mit dem Thema Dividende und Dividendenstrategien, also dem gezielten Kauf ausschüttungsstarker Titel, lohnt mehr denn je - sofern man einfach nur ein wenig Geduld mitbringt und keine Wunderdinge erwartet.

Dividenden haben noch Luft

Dafür spricht nicht nur die Tatsache, dass hohe Dividendenrenditen im Vergleich zu Anleihenzinsen historisch alles andere als ungewöhnlich sind (und sich dies eben auch nicht rasch wieder umkehren muss, wie Pessimisten argumentieren). Sondern auch, dass hinter uns zwei Dekaden mit sehr hohen Gewinnsteigerungen der Unternehmen liegen. Solche Phasen endeten stets mit einer Rückkehr zum Durchschnitt, also einer Verflachung der Gewinndynamik - was wiederum heißt, dass die Bedeutung der Dividenden für den Gesamtertrag noch wichtiger wird, als sie es ohnehin schon ist: Langfristig - also über mehrere Jahrzehnte - stammt eben nicht die Hälfte, sondern aufgrund des Zinseszinseffekts 90 Prozent und mehr des Zugewinns einer Aktienanlage aus wiederangelegten Dividenden.

Um sich dies zu vergegenwärtigen: Der um das Jahr 1900 um 100 Punkte pendelnde Dow Jones würde als Performanceindex wie der Dax – inklusive Dividenden – heute bei über zwei Millionen Punkten notieren. Der bekannte Kursindex steht bei lediglich 18.100 Punkten. Und: Die Dividenden haben noch Luft, die Ausschüttungsquoten sind im historischen Vergleich ebenfalls niedrig, sehr zum Ärger vieler institutioneller Anleger, die hier Druck machen auf die Unternehmen.

Ein weiteres taktisches Argument rundet die Lage ab:  Auf dividendenstarke Aktien zu setzen ist letztlich nichts anderes als eine „Value-Strategie“, also eine am Substanzwert von Aktien orientierte Aktienauswahl. Schließlich signalisiert eine hohe Dividendenrendite eine Unterbewertung. Einfache Value-Strategien sind langfristig sehr erfolgreich, da man mit ihnen einerseits Unterbewertungen aufspüren kann, in jedem Fall aber andererseits Übertreibungen vermeidet. Zudem war genau diese Strategie zuletzt wenig gefragt, weil Investoren planbares Wachstum bevorzugen.

Freilich spielt all dies - und das ist die Kehrseite - auf kurze Sicht von drei bis fünf Jahren kaum eine Rolle. Laut langfristigen Studien schneiden dividendenstarke Aktien in Börseneinbrüchen zwar ein klein wenig besser ab als der Gesamtmarkt. Die Größenordnung sind etwa ein bis zwei Prozentpunkte pro Monat. Das hilft wenig im Umfeld von Einbrüchen, wie wir sie ab 2000 und dann 2008 gesehen haben. Die dividendenstärksten Titel vor ziemlich genau zehn Jahren in Deutschland und Europa - waren Banken und Versorger wie Eon und RWE, die dann zu den größten Verlierern der letzten zehn Jahre wurden. Nestlé ist ein defensiver Konsumgüterkonzern und verlässlicher Dividendenzahler - und dennoch verlor die Nestlé-Aktie trotz operativ glänzend laufender Geschäfte während des letzten Börsenkrachs in der Spitze über ein Drittel an Wert.

[Seitenwechsel]

Dvidendenstrategie zeigt kurzfristig kaum Wirkung

Der einfache Dividendenindex Stoxx Europe Select Dividend, der die Kursentwicklung der  dividendenstärksten Aktien Europas abbildet, notiert noch immer rund 50 Prozent unter seinem Vorkrisenhoch. Denn: Dividendenrenditen sind häufig nicht ohne Grund überdurchschnittlich hoch, sondern reflektieren kurzfristige Sorgen vor einer Eintrübung der Geschäfte oder der Konjunktur. Umgekehrt kann ein Unternehmen auch trotz einer eher moderaten Dividendenrendite viel ausschütten an Aktionäre - etwa über die besonders in den USA populären Aktienrückkaufprogramme.

Ein Blick auf den Dax-Dividendenindex DivDax bestätigt, dass die Dividendenstrategie kurzfristig ebenfalls kaum Wirkung zeigt. 195 Prozent etwa hat der 30 Titel umfassende Deutsche Aktienindex Dax in den letzten fünf Jahren inklusive Dividenden zugelegt. Der DivDax, der die Kursentwicklung der 15 dividendenstärksten Dax-Titel abbildet, kommt inklusive Dividenden auf 200 Prozent. Ein solch marginaler Unterschied trotz unterschiedlicher Zusammensetzung und Gewichtung zeigt, dass über kürzere Zeiträume ganz andere Kräfte an den Aktienkursen zurren und zerren als die Höhe der Dividende. Auch über zehn Jahre laufen Dax und DivDax annähernd im Parallelflug.

Was heißt das konkret für Anleger? Auf lange Sicht und mit wenigstens zehn Jahren Geduld ist eine Investition in dividendenstarke Aktien – entweder direkt oder besser über einen günstigen, möglich breit gestreuten Dividenden-Indexfonds oder günstigen, aktiv verwalteten Dividendenfonds – derzeit eine strategisch kluge Idee. Entscheidend ist allerdings, die Variante „pur“ zu wählen.

Gebühren verschlingen das Dividendenpotenzial

Genau das machen Anleger aber kaum. Geldanlage ist noch immer ein Vertriebsmarkt in Deutschland. Die Kampagnen von Finanzdienstleistern zum Thema Dividende oder die griffige These „Dividende ist der neue Zins“ mündet nur selten darin, Anlegern auch Aktien oder Aktienfonds zu verkaufen.

Tatsächlich ebnet die opulente Kommunikation der Finanzdienstleister zur Rolle von Aktien im Allgemeinen und Dividenden im Besonderen – wovon Absatzstatistiken ebenso wie viele Hinweise in meinem Freundeskreis zeugen – den Weg für den Vertrieb von Mischfonds mit Gesamtgebühren in der Größenordnung von zuletzt drei Prozent pro Jahr und mehr. Um es auf den Punkt zu bringen: Den Anlagenotstand wird man mit den meisten dieser Produkte nicht beheben können, sondern eher verschlimmern, wenn die Gebühren des ersten Jahres bereits das Dividendenpotenzial der meist überschaubaren Aktienbeimischungen einer Dekade verschlingen und von der Zinsseite kaum Renditebeiträge zu erwarten sind.

Steinig wird der Weg freilich auch für Dividendenjäger, die derzeit natürlich Oberwasser haben. Denn auch das Verschwinden des Zinses wird nicht verhindern können, dass der Kurs von Dividendenpapieren kurz- und mittelfristig schwanken werden. Vielleicht fallen diese Schwankungen künftig sogar stärker aus als in der Vergangenheit, weil Dividendenpapiere nun von zittrigen Händen gekauft werden, deren Risikoneigung eigentlich gar nicht zu Aktien passt. An der langfristigen Überlegenheit einer diszipliniert durchgehalten Dividendenstrategie ändert das freilich nichts.


Artikel zum Thema
Autor
  • Exklusiv
Immobilien sind trotz Preisanstieg erschwinglich

Dank niedrigerer Zinsen ist die Finanzierung von Wohneigentum heute leichter als früher.MEHR

  • Immobilien
Was tun mit Omas Häuschen?

Immobilien auf dem Land lassen sich mitunter schwer losschlagen. So gehen Sie am besten mit dem Erbe in der Provinz um.MEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.