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Wirecard - die 67-Mio.-Euro-Wette

, Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

Während Hedgefonds sein Unternehmen belagern, pumpt Wirecard-Chef Markus Braun irrwitzige Summen in sein Unternehmen. Will er die Angriffe eigenhändig abwehren? Und woher nimmt er das Geld? Von Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

Wirecard © Wirecard
Wirecard: Im Endkundengeschäft ist die Firma kaum präsent

Wirecard-Chef Markus Braun, dem „deutschen Paypal“, ist zweifelsohne ein reicher Mann. Die Frage allerdings lautet: wie reich? Sein Gehalt jedenfalls ist für die Verhältnisse eines Topmanagers vergleichsweise bescheiden. Zuletzt kam er auf ein jährliches Fixum von 950.000 Euro. Dazu gesellten sich Nebenleistungen in Höhe von 277.000 Euro sowie Boni im Umfang von 550.000 Euro. Unter dem Strich waren das 1,77 Mio. Euro brutto.

Natürlich ist das einerseits viel Geld. Anderseits ist es aber viel zu wenig Geld, um damit das sündteure Hobby zu finanzieren, dem der Wirecard-Chef seit einiger Zeit frönt. Markus Braun kauft nämlich für sein Leben gern Aktien seines eigenen Arbeitgebers. In den vergangenen zwei Jahren summierten sich diese sogenannten „Insiderdeals“ nach Capital-Berechnungen auf mehr als 67 Mio. Euro. Braun hat also in 24 Monaten grob kalkuliert 38 (!) Jahresbruttogehälter in seine Firma investiert.

Nun ist es per se nicht ungewöhnlich, dass Manager Anteile am eigenen Unternehmen kaufen. Viele Vorstände tun das, allerdings meist in bescheidenem Umfang und in erster Linie aus symbolischen Gründen: Seht her, liebe Investoren, ich vertraue meiner Strategie so sehr, dass ich mein persönliches finanzielles Schicksal ein Stück weit mit dem meines Unternehmens verknüpfe. Was Markus Braun macht, hat mit dieser Art von Schaufensterpolitik allerdings eher wenig zu tun. Er ordert regelmäßig Zehntausende Aktien an einem Tag – und treibt damit den Kurs eigenhändig nach oben.

Es stellt sich also nicht nur die Frage, woher Braun das viele Geld nimmt. Sondern auch, was das Ganze eigentlich soll. Sieht Braun die Aktien seiner Firma wirklich nur als sinnvolle Kapitalanlage, wie es aus dem Umfeld des Unternehmens heißt?

Wirecard Aktie

Wirecard Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

anonyme Attacke aus dem Internet

Der Reihe nach: Bis zu dieser Woche sagte der Name Wirecard eher wenigen Menschen etwas, was daran liegt, dass die Firma kaum Endkundengeschäft betreibt. Dabei hätte der Konzern ein bisschen mehr Aufmerksamkeit durchaus verdient. Denn gemessen am Börsenkurs handelt es sich bei Wirecard um die – neben dem Onlinemodehändler Zalando – erfolgreichste deutsche Unternehmensgründung der vergangenen 20 Jahre. Seit 2002 hat sich der Aktienkurs in etwa verhundertfacht. Auf dem Höhepunkt vor einigen Monaten war die in Aschheim bei München beheimatete Firma rund 6 Mrd. Euro wert. Das ist ungefähr so viel wie RWE oder die Lufthansa.

In den Fokus der Öffentlichkeit geriet Wirecard trotzdem erst am Mittwoch – und es war nicht die Art von Öffentlichkeit, die sich Unternehmen wünschen. Im Gegenteil: Wirecard wurde zum Opfer einer anonymen Attacke aus dem Internet. Eine bis dato inexistente, selbsternannte Analysefirma namens Zatarra stellte einen Bericht online, der den Münchnern mannigfache Betrügereien unterstellt. Nachdem die seriöse „Financial Times“ den Report verbreitet hatte, krachte die Aktie um 25 Prozent ein. Zwar dementierte Wirecard die Vorwürfe umgehend. Zudem wurde ziemlich schnell klar, dass es sich bei der vermeintlichen Studie (deren Inhalt windig ist) um einen offenkundig kriminellen Akt handelt. Trotzdem erholen sich die Anteilsscheine von dem Schock nur langsam. Am Freitagabend notierten die Aktien immer noch rund 15 Prozent niedriger als Mittwochfrüh. Das entspricht einer Kapitalvernichtung im Wert von mehr als 700 Mio. Euro.

Die Unsicherheit der Investoren hat mit der unübersichtlichen Gemengelage zu tun. Einerseits präsentiert Wirecard alle drei Monate beeindruckende Zahlen. Die Analysten lieben die Firma dafür, fast alle Investmentbanken empfehlen die Aktie zum Kauf. Andererseits versteht aber kaum jemand das komplexe Geschäftsmodell, das im Kern in der Abwicklung von Zahlungsprozessen im Internet besteht. Wohl auch deshalb ist die Firma ein beliebtes Ziel für spekulative Angriffe.

2010 war der Kurs nach einer Attacke, die ähnlich perfide war wie jetzt auch, schon einmal um ein Drittel eingebrochen. Und bereits zwei Jahre zuvor hatte ein Streit mit der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger für Aufsehen gesorgt. Die SDK unterstellte Wirecard Bilanztricks, was sich nie nachweisen ließ. Einer der Aktionärsschützer trat schließlich von seinem Posten zurück. Später saß er wegen Marktmanipulation in U-Haft, genau wie ein weiterer in die Affäre verstrickter Börsianer. Von den Vorwürfen (es ging damals nicht nur um Wirecard) blieb vor Gericht allerdings nicht viel übrig.

Kaum noch Aktien zum Leihen

Von anderer Qualität sind unterdessen die Angriffe, denen sich Wirecard seit vergangenem Frühjahr gegenübersieht. Sie sind zwar ebenfalls undurchsichtig – aber nicht so dubios wie 2008 oder 2010 und darum viel schwerer zu parieren. Sind diese Angriffe, ausgeführt mit dem Florett statt mit dem Säbel, der Grund für die wilden Aktienkäufe von Vorstandschef Braun?

Worum geht es? Seit Mai vergangenen Jahres erscheinen bei „FT Alphaville“, einem Blog der „Financial Times“, in unregelmäßigen Abstände hochkritische Analysen über Wirecard. Der vielsagende Titel der Artikelserie: „House of Wirecard“. Der entsprechende Tenor: Die Bilanzen seien in extrem fragil.

Ebenfalls seit Mai spekulieren Hedgefonds in immer größerem Umfang gegen die Aktie von Wirecard. Das funktioniert mithilfe sogenannter Leerverkäufe: Investoren leihen sich Wertpapiere, um sie sofort zu verkaufen in der Hoffnung, sie später zu einem billigeren Kurs zurückkaufen zu können. Dieses Spiel wurde so weit getrieben, dass es nach Angaben aus Finanzkreisen in den vergangenen Tagen aufgrund der großen Nachfrage überhaupt keine Aktien mehr gab, die man noch leihen konnte.

Und ebenfalls seit Mai letzten Jahres kauft Markus Braun mehr und mehr Aktien seiner eigenen Firma. Allein in den letzten Tagen orderte er Papiere im Wert fast 10 Mio. Euro – irrwitzig.

Woher hat Markus Braun die 67 Mio. Euro?

Legt man die Artikel der „Financial Times“, den Positionsaufbau der Hedgefonds und die „Insiderdeals“ von Markus Braun auf einem Zeitstrahl übereinander, ergibt sich ein verblüffendes Muster. Wer betreibt hier welches Spiel? In Aktienforen kursierten schon vor Monaten wilde Gerüchte. Nachdem die Credit Suisse als praktisch einzige Investmentbank überhaupt mal einen halbwegs kritischen Report über Wirecard verfasste, entdeckte ein Debattenteilnehmer, dass der Analyst des Berichts in den späten 90ern an derselben US-Uni studiert hatte wie der Autor von „FT Alphaville“. Wenn das mal kein Beweis für eine groß angelegte Verschwörung war!

Diese Woche kam es dann noch doller: Wer steckt hinter der ominösen Firma Zatarra? Hedgefonds? Sonstige Spekulanten? Die Finanzaufsicht Bafin hat sich dieses Fall jetzt angenommen. Zatara übrigens war der Spitzname Dantes in der Verfilmung des Grafen von Monte Christo. Zufall?

Jedenfalls: Woher hat Markus Braun die 67 Mio. Euro? Beantworten will er diese Frage nicht. Eine plausible Erklärung wäre: Er nimmt Kredite auf, die er mit bestehenden Aktien besichert, die er zum Teil noch aus der Frühphase von Wirecard besitzt. Verboten wäre das nicht. Aber einigermaßen tollkühn. Denn um die versammelte Hedgefonds-Riege quasi aus eigener Tasche in die Flucht zu schlagen – dafür müsste Markus Braun schon sehr, sehr reich sein.


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