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Der tiefe Fall der Banken‑Aktien

, Nadine Oberhuber

Die Kurse der Banken stürzen ins Bodenlose und reißen alle übrigen Aktien mit. Es steht nicht gut um die Finanzbranche. Aber die ganz große Panik muss man deswegen auch nicht gleich schieben. Von Nadine Oberhuber

Blick auf das Frankfurter Bankenviertel © Getty Images
Blick auf das Frankfurter Bankenviertel

Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


Wenn jemand tief gesunken ist, spricht das in der Regel nicht für ihn. Und tief gesunken sind die Bankaktien in den vergangenen Tagen tatsächlich. So tief, dass sich bei vielen schon ernste Zweifel regten: Ist die Talfahrt der Finanzwerte ein Zeichen dafür, dass die gesamte Branche nun zu wanken beginnt? Zeigt sich jetzt, dass die Probleme der Finanzkrise noch längst nicht überwunden sind, geschweige denn gelöst? Und ist die Bankenbranche gar in der Lage, eine großflächige Finanzkrise 2.0 auszulösen? Schließlich rissen die Kursstürze bereits in den vergangenen Tagen die Indizes vieler Länder mit nach unten. Wie schlimm also ist es derzeit um die Finanzinstitute bestellt?

Wer sich die einzelnen Notierungen anschaut, dem schwant nichts Gutes: Die italienische Unicredit verlor seit Jahresbeginn rund 45 Prozent ihres Aktienwertes, die Deutsche Bank 40 Prozent, die Credit Suisse rund 37 Prozent und die Commerzbank immerhin noch 35 Prozent. Und das in nur sechs Wochen. Das ist dramatisch. Der Grund für die Talfahrt ist der zunehmende Pessimismus der Börsianer. Immer größer werden die Zweifel, ob die Weltwirtschaft wirklich solide weiter läuft oder ob sie nicht 2016 doch ins Straucheln gerät.

Deutsche Bank Aktie

Deutsche Bank Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Die Politik der Notenbanken scheint an ihre Grenzen zu stoßen. Das Wachstum jedenfalls kurbelt die gigantische Geldvermehrung längst nicht mehr an. Wenn nun also nun die Wirtschaft schwächer wird und Unternehmen in Schwierigkeiten geraten, dann wären viele Kreditausfälle die Folge. Das würde die angeschlagene Bankenbranche hart treffen. Womöglich könnte es einige Institute in ernste Schwierigkeiten bringen. So lautet die Argumentationskette der Skeptiker. Derzeit ist die Angst groß und der Markt spielt durch, welche Auswirkungen massive Kreditausfälle auf die Wirtschaft hätten.

Banken müssen mehr Eigenkapital generieren

Es gibt aber auch die andere Seite. Es wäre übertrieben, sie als Optimisten zu bezeichnen, nennen wir sie lieber Realisten. Sie sagen jedenfalls Folgendes: Der derzeitige Druck auf die Banken kommt nicht überraschend – und er ist zum Teil hausgemacht und zum anderen Teil von der Politik induziert. Denn momentan mache sich bei vielen europäischen Kredithäusern bemerkbar, dass sie die neuen Eigenkapitalregelungen umsetzen müssen, von den EU-Staaten als Konsequenz aus der Finanzkrise erdacht wurden. Das heißt, sie müssen erheblich mehr Eigenkapital vorhalten, besonders für ihre gewagteren Geschäfte, und das kostet die Institute eben zusätzliches Geld.

Geld, das einige noch nicht im Überfluss haben oder derzeit kaum am Markt erwirtschaften. Denn die Margen vieler Banken sind geschrumpft. Das Investmentbanking haben einige als zu riskant verworfen – andere wie die Deutsche Bank betreiben es zunehmend ohne den bisher üblichen Erfolg und die großen Gewinne vergangener Tage. Nach überzeugenden neuen Geschäftsmodellen jedoch suchen die allermeisten noch. Viele von ihnen seien dieser Tage mehr mit sich selbst beschäftigt und mit dem Aufräumen von Altlasten, als mit dem Markt, kritisieren Analysten. Das räche sich nun.

Das Wichtigste derzeit ist: Die Banken müssen mehr Eigenkapital generieren. Das können sie entweder tun, in dem sie Gewinne einbehalten, die sie dann eben nicht mehr mit vollen Händen an die Aktionäre ausschütten. Oder sie nehmen neues Geld am Kapitalmarkt auf, über Kapitalerhöhungen zum Beispiel. Letzteres scheuen jedoch viele Institute, weil sie ihre bisherigen Aktionäre nicht noch mehr verärgern wollen, indem sie die Kurse durch zusätzliches Kapital verwässern. Man kann also sagen: Die Herausforderungen für die Branche sind groß.

[Seitenwechsel]

Ende der Talfahrt ist in Sicht

Dennoch sagen die Realisten, sei die Chance groß, dass die Banken zurück in die Erfolgsspur finden, sobald die neuen Kapitalrichtlinien von Basel IV umgesetzt sind. Das wird noch eine Weile dauern und die Institute Milliarden kosten, aber ein Ende sei absehbar. Einige Banken seien bereits gut gerüstet, allen voran die Schweizer Institute. Auch für die Commerzbank, die mit einem überraschenden Milliardengewinn aufwartete, seien die Aussichten gut. Die Deutsche Bank dagegen, die gerade einen Rekordverlust meldete und nach dem Chefwechsel noch auf der Suche nach dem richtigen Kurs scheint, habe eher noch zwei harte Jahre vor sich, bis ihre Neuausrichtung greift. Das klingt, als gehe es demnächst wieder bergauf. Kann das sein?

Eine Kennzahl, die Analysten ins Feld führen, spräche dafür: das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) nämlich. Viele Banken werden derzeit an der Börse mit erheblich geringerem Wert gehandelt, als es ihrem bilanziellen Wert entspräche. Bei einer fairen Bewertung eines Unternehmens entspräche seine Marktkapitalisierung ungefähr dem Bilanzwert, demnach wäre der Quotient aus Kurs und Buchwert je Aktie ziemlich genau 1. Je stärker das Ergebnis unterhalb von 1 liegt, desto stärker wird seine Aktie unterbewertet. Wo liegt nun aktuell der Wert für die Deutsche Bank und die Commerzbank? Bei 0,3 und 0,28, was nichts anders bedeutet als: Aktionäre trauen diesen Unternehmen erheblich weniger zu, als in ihren Büchern steht. Für Anleger, die nach solchen Kennziffern Aktien auswählen, ist das ein starkes Kaufsignal.

Zumal die Statistik lehrt: Liegt das KBV beim Kauf zwischen 0 und 0,5, so könnten Börsianer davon ausgehen, dass die Aktie in den zwölf Folgemonaten eine Rendite von 26 Prozent erziele. Das ist gewaltig. Bei einem KBV von 0,5 bis 1 sind es immerhin noch 23 Prozent. Liege das KBV dagegen stark im positiven Bereich bei 2,0 und mehr, ist laut Erfahrung mit einem Kursabschlag von sieben Prozent zu rechnen.

Kurssturz hält seit Jahren an

Das alles spräche stark für einen Kauf solcher Bankaktien. Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht. Denn Vorsicht, ein KBV unter 1 kann ebenso gut signalisieren, dass die Anleger für die Folgezeit große Verluste befürchten, die das Eigenkapital einer Firma aufzehren werden. Und gelegentlich nehmen Börsianer mit ihren Käufen ja tatsächlich kommende Ereignisse vorweg, sie preisen schlechte Nachrichten frühzeitig ein, heißt es stets. Es ist daher wichtig, sich genauer anzusehen, was eine jeweilige Bank umtreibt: Wie läuft das Geschäft? Welche Umsätze und Gewinne sind zu erwarten? An der Stelle gewinnen wieder die Pessimisten die Oberhand.

Eines kann man nun zur Beruhigung der Börsianerschar ergänzen: Der Preisverfall bei den Bankaktien ist beileibe kein neues oder überraschendes Phänomen. Der Kurssturz der Branche hält nun schon seit Jahren an. Betrachtet man den Bankenindex ESTX Banks über ein Jahr, drei Jahre, fünf Jahre und zehn Jahre, so sieht man durchgängig eines: rot, nämlich einen fallenden Kurs und Verluste zwischen 77 und 32 Prozent. Seit dem heftigen Absturz von 2008 haben sich die Notierungen der Banken an den Börsen nie wieder richtig erholt, sondern seitdem satte 81 Prozent eingebüßt. Momentan scheint der Index gerade wieder auszuloten, wo der Boden ist.

Daraus kann man nun eines schließen: Viel weiter nach unten kann es eigentlich kaum noch gehen, wo die Banken schon so tief gesunken sind. Das scheint beruhigend. Wann es aber tatsächlich wieder nennenswert aufwärtsgeht, ist in der Tat die spannende Frage. Dafür müsste zumindest zweierlei passieren: Die befürchteten Kreditausfälle im ganz großen Stil dürften nicht eintreten. Und es müsste mindestens ein paar Optimisten an den Börsen geben, die darauf schon heute vertrauen.


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