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Das Rennen um die Blockchain

, Jane Wild, Martin Arnold and Philip Stafford

Eine Technologie namens Blockchain elektrisiert die Banken. Sie hat das Potenzial für Milliardeneinsparungen – und kann das Finanzsystem umkrempeln.

Blockchain-Transaktion auf einem Smartphone © Blockchain.info / Flickr.com (CC BY 2.0)
Blockchain wird für Transaktionen mit der Kryptowährung Bitcoin eingesetzt

Es sieht nicht wie eine Revolution aus. Ein Mitglied eines kleinen Teams der Schweizer Großbank UBS, verschanzt im 42. Stock eines Hochhauses im Londoner Büroviertel Canary Wharf, tippt auf einen Bildschirm und verkauft eine Anleihe einer Firma namens ABC an einen Investor namens XYZ.

Es ist die Art Transaktion die Millionen Mal am Tag von Banken weltweit ausgeführt wird, aber dieser Test-Transfer ist anders. Er wurde über eine interne Blockchain, einer gemeinsam genutzten Datenbanktechnologie, abgeschlossen, die als Plattform für die Kryptowährung Bitcoin bekannt geworden ist. Die Banken liefern sich ein Rennen, um die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie nutzen zu können. Sie glauben, dass sie damit ihre Kosten um bis zu 20 Mrd. Dollar senken können und dass Blockchain die Spielregeln der Branche ändern wird.

UBS ist nicht allein. Ihr Wolkenkratzer-Labor ist Teil eines riesigen Experiments, an dem sich mehrere Branchen beteiligen. Banken, Versicherungen und Unternehmen von IBM bis hin zu PwC wollen herausfinden, wie sie die Technologie für sich nutzen können. In ihrer einfachsten Form verknüpft eine Blockchain Verbraucher und Lieferanten direkt miteinander zu Online-Netzwerken, wodurch die Notwendigkeit von Zwischenhändlern entfällt.

Für die Finanzdienstleistungsbranche bietet die Technologie die Möglichkeit, die existierende Bankinginfrastruktur zu überholen, das Abwicklungstempo zu erhöhen und Aktiengeschäfte zu optimieren, wobei die Regulierungsbehörden auf Sicherheit bestehen. Die Entwicklungen haben das Potenzial, zwei der dynamischsten Branchen zusammenzubringen: das Computerzentrum des Silicon Valley mit dem Geldmanagement der Wall Street und der Londoner City.

„Wir könnten einen ähnlichen Weg einschlagen wie die Musik mit der File-Transfer-Technologie. Sie hat die Branche verändert und neue Geschäfte wie iTunes sind entstanden“, sagt Michael Harte, Chief Operations und Technology Officer bei Barclays. „Das ist der Grund, warum es momentan so ein fieberhaftes Treiben gibt.“

Keine zentrale Autorität

Von Bewunderern wird Blockchain als revolutionäres Versprechen gepriesen wie das Internet vor zwei Jahrzehnten. Unternehmensgrößen von Microsofts Bill Gates bis zu Virgin-Gründer Richard Branson haben das Potenzial der Technologie gerühmt. Der britische Premierminister David Cameron nahm auf eine Asienreise einen Blockchain-Experten mit.

Für die gläubigen Anhänger sind die Möglichkeiten grenzenlos. Die Anwendungen reichen von der Speicherung von Kundendaten über die Abwicklung von grenzüberschreitenden Zahlungen, dem Clearing und der Abwicklung von Anleihen- und Aktiengeschäften bis hin zu sogenannten Smart Contracts, die sich selbst ausführen wie etwa ein Kreditderivat, das automatisch ausgezahlt wird oder eine Anleihe, die regelmäßige Zinszahlungen an die Halter tätigt. Einige behaupten sogar, dass die Technologie das disruptive Potenzial besitzt, Unternehmen zu zerstören, die selbst als Zerstörer gelten wie Uber und Airbnb.

Im Kern ist Blockchain ein Computernetzwerk, bei dem jeder Computer bestätigen muss, dass eine Transaktion stattgefunden hat, bevor sie als „Kette“ (chain) eines Computer-Codes aufgezeichnet wird. Wie bei Bitcoin – der ersten Anwendung der Technologie mit Geld – wird eine Verschlüsselung verwendet, um die Sicherheit der Transaktionen zu gewährleisten. Und die Kosten werden im Netzwerk aufgeteilt. Die Einzelheiten der Übertragung werden in einem öffentlichen Kassenbuch abgelegt, dass alle Benutzer des Netzwerks einsehen können.

Im derzeitigen System dient ein Hauptbuch als Hüter dieser Informationen. In einer Blockchain werden diese Informationen dagegen in einer transparenten Datenbank gespeichert, ohne dass ein Vermittler benötigt wird. Befürworter argumentieren, dadurch werde das Vertrauen zwischen den Parteien erhöht, da es keine Missbrauchsmöglichkeiten durch jemanden in einer gehobenen Stellung gibt.

Das Fehlen einer zentralen Autorität ist das Bitcoin-Merkmal, das bei den traditionellen Finanzinstitutionen die größten Bedenken auslöst. Die meisten haben einen großen Bogen um Bitcoin gemacht. Die Weisheit dieser Haltung schien sich zu bestätigen, als die Kryptowährung von Skandalen erschüttert wurde, die von ihren Verbindungen zum Drogengeld auf der inzwischen geschlossenen Schwarzmarktseite Silk Road bis zum Verschwinden von Kundenvermögen bei der zusammengebrochenen Bitcoin Börse Mt Gox reichten.

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Alle schielen auf das Einsparpotenzial

Doch fast jeder große Finanzdienstleister hat den anfänglichen Argwohn mittlerweile überwunden. Und die Technologie hat sich von einer Waffe gegen die Banken zu einem hochgelobten Mittel für grundlegende Veränderungen im Back-Office gewandelt, ein bitterer Schlag für die Libertären, die mit der Idee der Blockchain eigentlich das globale Bankensystem umgehen wollten.

„Anzüge ersetzen Pullover und zerrissene Jeans bei Blockchain-Konferenzen“, sagt Mark Buitenhek, Chef der Abteilung Transaktionsdienstleistungen bei der niederländischen Bank ING. Die Bank hat ein Spezialistenteam angeheuert, das nach Möglichkeiten suchen soll, mit Hilfe der Technologie die Geschwindigkeit von Zahlungen und Handelsgeschäften zu erhöhen und Kosten zu reduzieren. Ernsthafte Versuche, zunächst im Geheimen, haben im vergangenen Jahr begonnen.

Der Wunsch ist riesig, aus der Technologie, die auch als „verteiltes Kassenbuch“ beschrieben wird, einen Erfolg zu machen. Sie bietet große Chancen: Durch das Ausschalten ineffizienter Bankenvermittler könnten Milliarden für Verbraucher und Finanzdienstleister eingespart werden, behaupten die Anhänger.

Die Technologie könnte die Infrastrukturkosten der Banken für grenzüberschreitende Zahlungen, den Wertpapierhandel und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften um 15 bis 20 Mrd. Dollar pro Jahr von 2002 senken. Das geht aus einer Untersuchung der spanischen Bank Santander, der Managementberatung Oliver Wyman und der Risikokapitalgesellschaft Anthemis hervor.

„In vielen Bereichen sieht es so aus, als könnte die Blockchain funktionieren und man kann sich leicht vorstellen, wie sie den Finanzsektor revolutionieren wird“, sagt Rhomaios Ram, Chef des Bereichs Global Transaction Banking der Deutschen Bank. „Das Tempo bei der Abwicklung von Wertpapiergeschäften ist viel höher. Man kann sehen, dass die Banken bei jedem Handelsgeschäft weniger Kapital vorhalten müssen.“

Für Großbanken, die sich gerade aufraffen, ihre häufig veralteten IT-Systeme angesichts des Drucks von Regulierungsbehörden, digitalen Herausforderern und Cyber-Kriminellen zu modernisieren, ist Blockchain die Chance viele ihrer Abläufe zu überdenken.

Die Eigenschaften der Technologie, Identitäten fälschungssicher festzustellen und die Historie jeder einzelnen Transaktion aufzuzeichnen, werden mit Spannung erforscht. Versicherungen glauben, dass sich ineinandergreifende Datensätze als sehr nützlich erweisen könnten, um einzelne Aktionen nachzuvollziehen.

„Wenn man eine sichere dezentralisierte Buchführung hat, kann sie benutzt werden um verifizierte ‚Know your Customer’-Daten über Einzelne oder Unternehmen zu speichern“, sagt David Grace, der bei der Beratungsgesellschaft PwC Experte für weltweite Finanzkriminalität ist. „Es ist eine Anwendung mit globalem Potenzial, die mehr Sicherheit für Identitätsdaten, und wo diese gespeichert werden, bringen kann.“

Auch Regierungen untersuchen ihr Potenzial: Honduras nutzt Blockchain, um Grundstücksrechte zu bearbeiten. Und die Isle of Man hat damit begonnen die Technologie für ein Unternehmensregister auf der Insel zu testen. Langfristig könnte eine fälschungssichere Buchführung genutzt werden, um Patientenakten zu führen oder transparente Wahlsysteme zu entwickeln.

Banking der Zukunft

Obwohl die Banken das Potenzial der Technologie erkannt haben, versuchen viele Finanzinstitute immer noch herauszufinden, ob Blockchain eine Möglichkeit zur Kostensenkung oder eine Bedrohung für ihre Margen darstellt. Bei der Suche nach Antworten verfolgen die Banken eine Vielzahl von Ansätzen.

Einige haben interne Modelle entworfen, wie die Citigroup-Erfindung Citicoin, einer digitalen Währung, die im bankeigenen Labor getestet wird. Andere haben in Spezialisten zu investiert: Goldman Sachs führte eine 50-Mio.-Dollar Finanzierungsrunde für das Unternehmen Circle Internet Financial an, das Kundenzahlungen in Bitcoin abwickelt.

Als dritter Weg hat sich die Suche nach einem Partner erwiesen. Die Commonwealth Bank of Australia hat sich mit dem Open-Source-Software-Anbieter Ripple zusammengetan, um ein Blockchain-System für Zahlungen zwischen ihren Niederlassungen aufzubauen. Einige Banken wie Barclays und UBS arbeiten mit Blockchain-Start-ups über Technologie-Inkubatoren oder Accelerator-Programme zusammen.

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Nur nicht die Kontrolle verlieren

Die UBS hat ein Acht-Mann-Team in Londons Canary Wharf, das an der Seite von Start-ups beim Inkubator Level 39 arbeitet. Als das Projekt größer wurde, stiegen sie in den 42. Stock auf. Die Zusammenarbeit bei der Untersuchung des Anleihenhandels und der Schaffung einer eigenen Währung offenbart ein Hauptproblem, mit dem Finanzinstitutionen kämpfen: ob die Mitgliedschaft in einem dezentralen Buchführungsnetzwerk auf Einladung erfolgen soll, womit die Kontrolle größer wäre, oder nicht.

Bitcoins Open-Source-Blockchain, ein „genehmigungsfreies“ System, ist dezentral und steht jedem offen. UBS und Microsoft arbeiten mit dem Blockchain Start-up Ethereum zusammen, das mit einer ähnliche Open-Source-Technologie arbeitet. Sie bietet die Möglichkeit für sogenannten Smart Contracts, die Geschäfte automatisch abwickeln können.

Viele im Bankensektor sehen die Zukunft jedoch in geschlossenen oder zugangsbeschränkten Netzwerken. Sie wollen die Kontrolle über die Abläufe nicht verlieren und die Regulierungsbehörden nicht verärgern.

Nahezu zwei Dutzend der weltweit größten Banken einschließlich JP Morgan, UBS and Barclays machen sich für das Start-up R3 CEV stark, um eine nicht-öffentliche Blockchain aufzubauen, offen nur für eingeladene Teilnehmer, die unter sich bleiben und das Netzwerk betreiben. Es ist Teil der Bemühungen zum Aufbau einer branchenweite Plattform, um die Nutzung der Technologie zu standardisieren.

„Es wird nicht mit immer so sein, dass jeder an einer eigenen Lösung arbeitet: Es muss eine Zusammenarbeit geben“, argumentiert Hyder Jaffrey, Leiter des Blockchain-Teams bei UBS.

Laut PwC gibt es rund 300 Technologie-Start-ups, die meisten davon in den USA und Großbritannien, die an Ideen arbeiten, wie man Blockchain bei Finanzdienstleistungen einsetzen kann. Viele von ihnen werden von ehemaligen Bankmanagern geleitet, wie etwa Blythe Masters, die für JP Morgan gearbeitet hat und nun Chefin des Blockchain-Start-ups Digital Asset Holdings ist. „Sie sollten diese Technologie genauso ernst nehmen wie sie die Entwicklung des Internets Anfang der 1990er-Jahre hätten ernst nehmen sollen“, sagte sie vor kurzem. „Es ist wie E-Mail für Geld.“

Laut der Bitcoin-Informationsplattform Coindesk sind zwischen Januar und September dieses Jahres schätzungsweise 462 Mio. Dollar Risikokapital in den Sektor geflossen. Das war doppelt so viel wie im gleichen Zeitraum 2014.

Eine Frage der Sicherheit

Trotz der Begeisterung reift aber auch die Erkenntnis, dass es zwischen zwei und fünf Jahren dauern wird, bis in der realen Welt praktische Anwendungen auftauchen werden. Die Technologie wird einige ernsthafte Hindernissen nehmen müssen, um als stabil und sicher zu gelten. Und sie muss die Regulierungsbehörden von sich überzeugen.

„Am Ende steht die Frage, wie sicher ist das Ganze und würden sie ihre Ersparnisse der Blockchain anvertrauen?“, sagt ING-Experte Buitenhek. „Wie werden Regulierer und Zentralbanken damit umgehen und können Banken und Aufsichtsbehörden dafür garantieren?“

Vitaly Kamluk, Chefanalyst der IT-Sicherheitsfirma Kaspersky Lab, argumentiert, der dezentrale Charakter der verteilten Buchlegungs-Technologie müsse noch den Nachweis erbringen, wie sich solche Datenbanken sauber und sicher führen lassen. Probleme mit böswilligen Akteuren könnten bei einer zentralisierten Technologie ganz leicht gelöst werden, sagt er. „[Aber] das ist noch nicht der Fall bei dezentralen Architekturen, wo jeder Teilnehmer gleichberechtigt ist und die Entscheidung eines Einzelnen nicht durchgesetzt werden kann.“

Im Juni stimmte die US-Börsenaufsicht SEC einem 20.000-Dollar-Vergleich mit der kalifornischen Sand Hill Exchange zu, die Derivate in Verbindung mit privaten Silicon-Valley-Firmen angeboten hatte und eine Blockchain zur Abwicklung benutzte. Die SEC urteilte, Sand Hill habe illegal komplexe Derivatprodukte zum Verkauf an Investoren angeboten.

Andere Reaktionen fallen wohlwollender aus: Die Bank of England befasst sich mit der Technologie und stellt in einem Bericht fest, dass es künftig möglich ist – zumindest theoretisch – „die existierende Infrastruktur des Finanzsystems allmählich durch verschiedene verteilte Systeme zu ersetzen“.

Mit der Technologie wird jetzt schon ein reges Geschäft abgewickelt. An einem durchschnittlichen Tag werden laut der Plattform blockchain.info 120.000 Transaktionen zur Bitcoin-Blockchain hinzugefügt. Etwa 75 Mio. Dollar wechseln den Besitzer. 380.000 Blocks gibt es zurzeit; das Hauptbuch umfasst 45 Gigabyte.

Trotzdem ist es noch ein langer Weg, bis sich die Technologie in der Finanzwelt durchgesetzt haben wird. So ist unklar, ob sie sich in effizienter Weise ausbauen lässt, um den Herausforderungen gerecht zu werden.

„Vor sechs bis neun Monaten gab es einen ziemlichen Hype, da musste man über die Blockchain“, sprechen sagt Didier Valet, Leiter des Investmentbankings bei der französischen Bank Société Générale, die vor kurzem bei R3 CEV eingestiegen ist. „[Aber] die Entscheidung, ob es sich um eine Revolution handelt oder nicht, steht noch aus.“

Copyright The Financial Times Limited 2015

Foto: Blockchain.info / Flickr.com (CC BY 2.0)


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