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Finanzmärkte 2016: Crash, Boom, Bang

, Christian Kirchner

Wie schlecht ist es tatsächlich um Wirtschaft und Kapitalmärkte bestellt? Drei konkrete Vorschläge zum Umgang mit den Börsenturbulenzen. Von Christian Kirchner

Christian Kirchner © Gene Glover
Christian Kirchner

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Vergangene Woche habe ich auf der Startseite eines großen deutschen Nachrichtenportals auf das „Dossier Dax“ geklickt. Dort waren alle Artikel und Analysen aufgelistet, die das Portal in den letzten Monaten zum Börsengeschehen des Dax veröffentlicht hatte. Die Überschriften lieferten ein interessantes Bild, durchgezählt habe ich sie über das letzte halbe Jahr hinweg: Insgesamt 22 Artikel beschäftigen sich mit dem Börsengeschehen. Zwei hatten gute Nachrichten für Anleger – nämlich dass der Dax jeweils über die Marke von 10.000 Punkten geklettert war. Die übrigen 20 Artikel beschäftigten sich mit gerissenen Marken, Rekordverlusten, Crashs, Börsenbeben, Abstürzen. Ein anderes Portal klassifizierte am Donnerstag einen Tagesverlust von zwei Prozent in einer „Eilmeldung“ als „Blutbad an der Börse“.

Natürlich steht dahinter keine böse Absicht. Medien folgen oft dem Prinzip, dass nur schlechte Nachrichten letztlich gute Nachrichten sind und einen erhöhten Informationsbedarf auslösen. Auch wir bei Capital haben Einbrüche in den vergangenen Jahren oft zum Anlass genommen, die Lage zu analysieren. Allerdings ist die „Schlagseite“ in der Berichterstattung fraglos auch nicht gerade eine Einladung, sich am Produktivkapital zu beteiligen – und es dürften sich jene neun von zehn Deutschen, die weder Aktien noch Fonds besitzen, eher bestätigt fühlen, wenn sie in einem Dauerwummern von Krisen und Einbrüchen lesen.

Doch jammern wir nicht über schlechte Nachrichten, sondern sehen der Tatsache ins Auge, dass die Kapitalmärkte einen fürchterlichen Jahresstart hingelegt haben. Es ist, wie es so schön heißt, „einiges los“ da draußen mit einem kollabierenden Ölpreis, Zweifel an der chinesischen Wachstumsstory und – ein vermutlich eher noch unterschätzter Aspekt – der Sorge, ob in der Eurozone und den USA die Deflationsgefahr zurückkehren könnte. Denn sowohl im Euro- als auch im US-Dollar-Raum sinken die Inflationserwartungen seit Wochen.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Bewertungen sind alles andere als günstig

Es gibt Dinge, die im Zuge des jüngsten Kursrutsches eher optimistisch stimmen. Zum Beispiel, dass dies nicht der erste Einbruch ist: Bereits im vorvergangenen Oktober und vergangenen August hat es kräftig gerumpelt, und die Kapitalmärkte haben sich anschließend rasch wieder erholt. Diese Einbrüche haben nervöse Anleger bereits aus dem Markt geschüttelt.

Oder die Tatsache, dass die Sonderausgabe des „Time“-Magazins zum Weltwirtschaftsforum in Davos die Titelgeschichte „Die nächste Rezession – und wo man sich vor ihr versteckt“ ziert. Solche Titelseiten erscheinen üblicherweise eben nicht vor Rezessionen und Crashs, sondern eher nahe den Tiefpunkten.

Pessimistisch stimmt einen hingegen die Tatsache, dass die Aktienmärkte von einer Kapitulationsstimmung weit entfernt und die Bewertungen alles andere als günstig sind. Den Bewertungen nicht zuträglich ist zudem, dass sich der US-Aktienmarkt wie auch die Schwellenländerbörsen in einer Gewinnrezession befinden (und die Bewertungen daher trotz fallender Kurse nicht automatisch sinken müssen) und das Gewinnwachstum in Europa auch 2016 eher anämisch ausfallen dürfte.

[Seitenwechsel]

Die Folgen des niedrigen Ölpreises

Pessimistisch stimmt auch die Frage, welche Implikationen der Kollaps des Ölpreises hat. Die Industrieländer konnten mit den Ölpreisen der letzten Dekade gut umgehen. Manche von ihnen – allen voran Deutschland – haben indirekt davon profitiert, weil sie den Firmen und Verbrauchern Öl exportierender Staaten immer mehr Maschinen und Autos verkaufen konnten. Fast alle haben davon profitiert, dass die Staaten mit hohen Öl- und Gasexporten Reserven auftürmen konnten, mit denen sie Staatsanleihen und Industriebeteiligungen kaufen konnten.

Sollte der niedrige Ölpreis kein temporäres Phänomen sein, werden auch die Industrieländer nicht nur davon profitieren, sondern einen Preis zahlen müssen – einen Preis für aus dem Ruder laufende Staatshaushalte rohstoffreicher Länder, den Wegfall der Nachfrage aus diesen Ländern, mögliche Zahlungsausfälle, innenpolitische Unruhen, die Auflösung von Reserven zur Stützung von Währungen. Die Unsicherheit genau darüber ist einer der wichtigsten Gründe für den Börsenabsturz, denn der Ölpreiscrash ist – anders als vieles, was in China passiert – ein Ereignis, dessen Folgen nur grob abschätzbar sind und ein Bote sinkender Nachfrage sein könnte. 

Drei Vorschläge für Anleger

Allein: Wie sollten Anleger auf die Lage reagieren? Niemand wird Ihnen eine verlässliche Kursprognose geben können, aber ich habe drei Vorschläge.

Erstens: Es wäre töricht, im Lichte der schlechten Nachrichten eine gewählte Anlagestrategie über den Haufen zu werfen. Das mag eine Binse sein. Aber dass deutsche Privathaushalte in den letzten gut 15 Jahren mit Aktien so gut wie nichts verdient haben (mehr dazu in der nächsten Ausgabe von Capital) ist nicht den Kapitalmärkten geschuldet – die sind sehr gut gelaufen. Sondern der Tatsache, dass Anleger zur Unzeit ein- und ausgestiegen und Trendaktien nachgelaufen sind. Der Klassiker ist, es letztlich doch mit dem langfristig unmöglichen Markttiming zu versuchen – und Aktien in Turbulenzen zu verkaufen mit dem Plan, sie später billiger zurückzukaufen. Das ist aber in der Praxis ein nahezu aussichtsloses Unterfangen: Wer nun bei einem Dax-Stand von rund 9500 Punkten schon ängstlich wird, wird bei einem Stand von, sagen wir, 6000 Punkten, in der dann vermutlich herrschenden Panik wohl kaum mutig zurückkaufen. Und erst Recht auch dann nicht, wenn der Dax wider Erwarten seine Rekordjagd wieder aufnimmt.

Zweitens: Nie war eine globale Diversifikation so wichtig wie heute. Das gilt sowohl für Währungen als auch für Aktien. Die grundlegenden Fragen zur Zukunft des Euros sind noch immer ungelöst, ihre Beantwortung wird aber vermutlich schon bald über die Wahlurnen forciert werden. In diesem Umfeld sollten langfristig denkende Anleger zwingend auch einen signifikanten Anteil ihres Vermögens in Wertpapieren anderer Währungen halten – was bequem über globale Fonds geht - , erst Recht, da sie ja ihr Erwerbseinkommen bereits in Euro beziehen. Denn zeigen nicht gerade die unglaubliche Entwicklung des Ölpreises oder der Negativzinsen bei Staatsanleihen, dass man sich besser auch für sehr unwahrscheinlich klingende Szenarien über Diversifikation rüsten sollte?

Auch mit Blick auf Aktien ist die typische einseitige Orientierung an deutschen Werten sehr riskant auf Sicht der kommenden Jahre. Denn wenn Deutschland einer der größten Profiteure des China-Booms war, Autos und Maschinen dorthin (und andere boomende Schwellenländer) verkaufen konnte, würde Deutschland umgekehrt auch eine Krise ins Mark treffen, wie etwa das DIW erst am Donnerstag nochmals betont hat. Die deutsche Wirtschaft ist derzeit extrem anfällig für exogene Schocks, und mit ihr auch der Dax, in dem vor allem Industrie- und Automobilwerte prominent vertreten sind.

Drittens: Hüten Sie sich davor, bei stark gefallenen Aktien oder Rohstoffen „mitzocken“ zu wollen. Drastisch gefallene Kurse von Einzelwerten und bestimmten Rohstoffen üben auf viele Anleger einen magischen Reiz aus, ganz egal, ob es um die Volkswagen-Aktie oder den Ölpreis geht (gehebelte Produkte auf steigende Ölpreise gehörten zu den populärsten Spekulationsvehikeln 2015!). Die Verwerfungen, die von den gefallenen Öl- und Rohstoffpreisen ausgehen, dürften immens sein, auch und gerade aufgrund der Verschuldung vieler Unternehmen und Länder in diesem Sektor.

Nutzen sie gefallene Kurse lieber für marktbreite Engagements in ganze Indizes oder globale Fonds, die Sie kaufen und halten. Und wenn es Sie partout in den Fingern mit einem antizyklischen Engagement juckt, beginnen sie einfach einen monatlichen Sparplan auf Rohstoffaktienfonds oder Schwellenländeraktien und -anleihen, den sie über mindestens drei Jahre durchhalten.


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