• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Analyse

6 Fragen zum Anschlag auf den BVB

, von Christian Kirchner

Ein hoher Börsengewinn soll das Motiv des mutmaßlichen Attentäters auf den BVB-Bus gewesen sein. Christian Kirchner erklärt die Hintergründe

Aktie von Borussia Dortmund © dpa
Aktie von Borussia Dortmund

Was wirft die Staatsanwaltschaft dem Beschuldigten vor?

Nach Angaben Bundesanwaltschaft hat der 28-jährige Beschuldigte am Tag des Bombenanschlags auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund sogenannte Verkaufsoptionen auf die BVB-Aktie erworben. Obwohl der Vorwurf nicht direkt erhoben wird, legt die Schilderung des Tatablaufs nahe, dass er die Bombenexplosion herbeigeführt hat, um finanziell von fallenden Aktienkursen bei Borussia Dortmund zu profitieren. Wären viele Spieler im Mannschaftsbus des Fußballvereins getötet worden, hätte dies mutmaßlich auch zu starken Kursverlusten geführt. Es ist allerdings offen, ob es eine direkte Kausalität gibt - oder ob der Attentäter andere Motive hatte und lediglich mit den Spekulationen noch zusätzlich Geld verdienen wollte.

Wie funktioniert die Spekulation auf fallende Kurse mit Optionsscheinen?

Vereinfacht formuliert räumt einem der Kauf eines sogenannten Put-Optionsscheins das Recht ein, eine Aktie zu einem zuvor festgelegten Preis zu verkaufen. Je tiefer der Kurs fällt, desto wertvoller wird das Recht, zu diesem festen Preis zu verkaufen. Klettert der Kurs jedoch stark, verfällt dieses Recht natürlich. Das heißt: Put-Optionsscheine profitieren von fallenden Kursen, ihr Wert fällt bei steigenden Kursen.

Welche Optionsscheine hat der Beschuldigte gekauft?

Dazu hat die Bundesanwaltschaft in ihrer Erklärung am Morgen sehr präzise Angaben gemacht: Es handele sich um 15.000 Verkaufsoptionen mit einer Laufzeit bis 17. Juni 2017, der Kauf sei im Hotel erfolgt, von dem aus auch der Anschlagsort einsehbar war. Zudem erklärte die Bundesanwaltschaft, der Beschuldigte habe den Kauf mit einem Verbraucherkredit finanziert.

Recherchen von Capital in der Umsatzhistorie von Optionsscheinen von Borussia Dortmund haben jedoch ergeben, dass am Tattag innerhalb von 20 Minuten - zwischen 11:12 Uhr und 11:32 Uhr - insgesamt 60.000 Put-Optionsscheine in vier Transaktionen zu je 15.000 Papieren gehandelt wurden (Hier die entsprechenden ISIN-Kennummern). Eine weitere Transaktion von 15.000 Put-Optionen erfolgte am Nachmittag um 16:57 Uhr. Alle diese Put-Optionsscheine zeichneten sich dadurch aus, dass sie in den Tagen zuvor und danach an der Börse Frankfurt nicht gehandelt wurden - und ein extremes Chance-Risiko-Profil aufwiesen. Das heißt: nur bei sehr kurzfristigen drastischen Kursverlusten gewinnen sie deutlich an Wert. Es ist allerdings offen, ob alle diese Transaktionen dem Beschuldigten zuzuordnen sind. Zudem hat die Bundesanwaltschaft am Mittag ihre Erklärung dahingehend ausgeweitet, dass „drei verschiedene Finanzprodukte“ zum Einsatz gekommen seien, ohne zu präzisieren, ob damit verschiedene Optionsscheine oder verschiedene Instrumente gemeint sind.

Um welche Einsätze und Gewinnchancen geht es?

Der Gesamtkaufpreis aller verdächtigen am Tattag im Cent-Bereich gehandelten Optionsscheine beträgt nach Capital-Hochrechnungen rund 7500 Euro. Im Falle eines drastischen Kursverlustes der Borussia-Dortmund-Aktie hätte der potenzielle Gewinn rund 200.000 bis 300.000 Euro betragen, vermutlich allerdings weniger. Da der mutmaßliche Attentäter laut Informationen des „Spiegel“ 40.000 Euro über einen Verbraucherkredit aufgenommen hat, könnten auch andere, bisher unbekannte Finanzinstrumente zum Einsatz gekommen sein, etwa sogenannte Differenzkontrakte (CFDs).

Ging die Spekulation auf?

Nein, die Aktie von Borussia Dortmund gab lediglich leicht nach, die Optionsscheine verloren gegenüber den Kaufkursen weiter an Wert seit dem 11. April.

Borussia Dortmund Aktie

Borussia Dortmund Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Hat es vergleichbare Aktionen schon einmal gegeben? 

Wenn sich die Tat zugetragen hat, wie es die Bundesanwaltschaft skizziert, wäre dies im menschenverachtenden Kalkül - einer Splitterbombe, um von kurzfristigen Kursgewinnen zu profitieren - ein Novum. Nie bewiesene Gerüchte legen allerdings nahe, dass auch die Terrororganisation al-Kaida im Zuge der Anschläge des 11. September von Kurverlusten profitierte. Unmittelbar vor den Anschlägen gab es einen messbar starken Anstieg des Handelsvolumens von Put-Optionen auf Aktien von United und American Airlines. Entsprechende Untersuchungen etwa der US-Regierungskommission haben allerdings nie direkte Beweise ergeben, dass Terroristen von Marktbewegungen profitiert hätten. Verstummt sind entsprechende Gerüchte jedoch nie.

Eine lange Historie hat indes die Strategie, zunächst auf fallende Kurse einer Aktie zu setzen - und anschließend selbst dazu beizutragen, dass der Titel an Wert verliert. Das ist eine beliebte Strategie unter aggressiven „Leerverkäufern“. Dabei veröffentlichen diese meist kritische Einschätzungen, die das Vertrauen der Aktionäre erschüttern sollen. In der jüngeren Vergangenheit waren in Deutschland etwa die Aktien von Ströer, Wirecard und zuletzt Aurelius Gegenstand derartiger Manöver.


Artikel zum Thema