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Apokalypse now – oder später?

, Nadine Oberhuber

Die ersten Stimmen warnen vor einem großen Börsencrash 2016. Wie realistisch ist das Szenario? Oder ist es nur Panikmache? Von Nadine Oberhuber

Börsenhändler im Pulk
Die Gelassenheit ist weg: Die Stimmung unter den Finanzmarktprofis ist angespannt - Foto: Getty Images

Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


Man muss nicht groß drum herum reden: Die Stimmung an den Märkten ist gekippt. Und zwar ziemlich schnell. Zum Jahresende schworen uns die meisten Börsenexperten und Analysten noch leicht optimistisch auf das Jahr 2016 ein, obgleich die meisten von ihnen im gleichen Atemzug betonten, äußerst turbulent werde es wohl sein. Zumindest mit den Turbulenzen lagen sie bisher goldrichtig.

Seit Jahresbeginn hat das Börsenbarometer Dax rund 1000 Punkte verloren, also genau den Gewinn wieder abgegeben, den es 2015 eingefahren hatte. Chinas Börsen sind anhaltend im Sinkflug. Die amerikanischen Indizes drehten ins Minus wegen des billigen Öls. Kurzum, die Anleger sind so nervös wie selten. Nun hat der erste große Marktteilnehmer Crash-Alarm ausgelöst: Die Royal Bank of Scotland (RBS) warnt, 2016 werde das Jahr des großen Absturzes, deswegen rät sie ihren Kunden zügig all ihre Papiere abzustoßen: „Verkauft alles!“ Und am besten sofort.

Was soll man davon halten? Vielleicht ist es wirklich der Anfang eines noch viel größeren Marktabsturzes. Die RBS habe 2008, dem Jahr der Finanzkrise, ebenfalls Alarm ausgelöst und damit Recht behalten, sagen manche Marktbeobachter ehrfürchtig. Vielleicht ist es aber auch nur gefährliche Panikmache, entgegnen andere. Denn im Moment gehört nicht viel dazu, um die Märkte vollends verrückt spielen zu lassen. Wie ernst muss man also die RBS-Warnung nehmen? Ist sie ein zuverlässiger Crashindikator?

Unsichere Prognosen

Im Juni 2008 warnte die Royal Bank of Scotland tatsächlich vor der Riesenkrise an den Weltbörsen und vor dramatischen Kursstürzen, die dann bis September tatsächlich eintraten. Rund 30 Prozent rauschten viele Indizes in die Tiefe. Tatsache ist aber auch: Als die Warnung der RBS kam, war der große Abschwung bereits seit einem halben Jahr in vollem Gange. Der Dax hatte zu diesem Zeitpunkt bereits gut 20 Prozent eingebüßt und verlor nach der Lehman-Pleite noch einmal 40 Prozent.

Und wenn die Royal Bank of Scotland damals wirklich so hellsichtig gewesen wäre, stellt sich die Frage, warum sie ein Jahr später, als die Finanzkrise ihren Tiefpunkt erreicht hatte, den Marktabsturz beinahe mit ihrer eigenen Existenz bezahlt hätte. Sie erlitt 2008 selber Verluste in Milliardenhöhe und musste 2009 vom britischen Staat gerettet werden. Obwohl sie doch angeblich viel früher als andere Stresssignale zu deuten weiß, so wie jetzt, wo sie davor warnt, dass alles noch schlimmer als 2008 wird. Die Apokalypse kommt.

Es stellt sich die Frage, wie klar es mit der Weitsicht vieler Analysten wirklich her ist, oder ob sie gelegentlich einfach in das Horn stoßen, dessen Klang sie momentan für angesagt halten. Immer wieder jedenfalls meinen Experten, sie könnten die Signale der Börsen deuten, und nur gelegentlich bewahrheiten sich ihre Prognosen – oft aber auch nicht. Zumindest vergehen oft Jahre, bis ein Crash wirklich kommt, den manche immer wieder in Permanenz vorhersagen. Vor einem erneuten großen Marktabsturz warnen manche Börsenprofis nun schon seit zwei Jahren oder noch länger. Auch Großinvestoren wie George Soros oder Carl Icahn sind derzeit skeptisch. Letzterer warnt derzeit eindringlich vor einem Kollaps auf dem Markt hochverzinslicher Anleihen, sogenannter Junkbonds.

[Seitenwechsel]

Stressindikatoren sind nicht verlässlich

Natürlich wird der nächste Absturz irgendwann kommen, denn ewig können die Kurse nicht weitersteigen, so wie sie es seit sieben Jahren tun. Denn seit die Notenbanken die Märkte massiv mit Liquidität fluten, haben sich die Märkte mit Geld vollgesogen. Das hat die Kurse in die Höhe getrieben. Dazu kommt, dass die Überschuldung vieler Länder immer noch horrend ist. Es ist Konsens, dass die Schuldenkrise in vielen Ländern noch nicht überwunden ist.

Doch welche Stresssignale sind es, die eindeutig dafür sprechen, dass 2016 das große Crashjahr wird? Dazu halten sich die Analysten gern bedeckt. Indikatoren, die versuchen, das Börsengeschehen vorhersagbar zu machen, gibt es ziemlich viele: die Rohstoffpreise, der Welthandel, das Verhältnis vom Gold- zum Silberpreis, der Kupferpreis, die Put/Call-Ratio, also der Anteil der Pessimisten an der Börse, auch der Kurs der Sotheby´s Aktie soll einer sein ... und und und. Das Problem ist nur: Wirklich verlässlich ist keiner.

Zuletzt erwarb sich der Buffet-Indikator – den Investmentlegende Warren Buffet gern benutzt – den Ruf, Krisen gut vorherzusagen. Er entspricht dem Quotienten aus Marktkapitalisierung sämtlicher Firmen eines Landes geteilt durch das Bruttoinlandprodukt. Sind die Firmen an den Börsen in Summe viel mehr wert, als sie an Wirtschaftskraft erbringen, gilt ein Markt als überbewertet. Der Quotient lag im Vorfeld der Dotcom-Krise bei 183 Prozent und vor der Finanzkrise von 2008 bei 135 Prozent. Derzeit sind es 114 Prozent, demnach wäre nur eine kleinere Korrektur nötig, um die Kurse wieder aufs Normalmaß zurückzuholen. Vergleicht man die Aktienbewertungen seit Anfang der 80er-Jahre, so entsprechen die derzeitigen Bewertungen ziemlich genau dem, was langfristig im Achtjahresmittel tatsächlich an Kurspotenzial zu erwarten war. Von der großen Blase kann da eher keine Rede sein.

kaufen, wenn alle anderen verkaufen

Im Übrigen spricht auch die Royal Bank of Scotland nicht vom gigantischen Kurssturz, wenn man näher hinsieht: Bei europäischen und amerikanischen Aktien werde es zu einem 10- bis 20-prozentigen Kursverfall kommen, heißt es da. Vor allem Energie- und Rohstofffirmen würden gebeutelt. Kein Wunder, leiden die doch zurzeit stark unter dem sinkenden Ölpreis. Doch ist das nun genug, der Aufforderung zu folgen „Verkauft alles! Außer hochwertigen Anleihen“? Oder sollte man da nicht gelassen lächeln und sagen: Korrekturen geschehen immer wieder, auch diese wird vorübergehen. Das gilt zumindest für alle Investoren, denen es um eine Langfristanlage geht, die auf viele Jahre ausgelegt ist. Die also mit Fonds und breit gestreuten Aktiendepots fürs Alter sparen und nicht darauf angewiesen sind, in diesem Jahr ihre Papiere mit Gewinn flüssig zu machen. Wer mit letzterem Gedanken spielt oder kurz vor der Rente steht, sollte eventuell wirklich darüber nachdenken, einen Teil der Gewinne einzustreichen und seine Aktienanlagen umzuschichten.

Ein Indikator spricht derzeit eine sehr klare Sprache: Es ist der Angst-Gier-Index und er vereint neun Indikatoren in sich wie die Volatilität, Pessimistenquoten oder die Nachfrage nach sicheren Investments. Momentan notiert er auf einer Skala von 1 (totale Panik) bis 100 (absolute Gier) bei 14, was so viel heißt wie: Die Märkte sind geprägt von extremer Angst. Das macht sie natürlich unberechenbar. Was das nun für Anleger bedeutet? Staranleger Warren Buffet sagt es so: „Seid gierig, wenn andere ängstlich sind.“ Der Angst-Gier-Index funktioniert nämlich als Kontra-Indikator. Wenn alle gierig nach Aktien greifen und er nahe der 100 notiert, sollte man die Finger besser von Neukäufen lassen. Ist aber die Angst groß und rauschen de Märkte gar durch eine Anlegerpanik ins Minus, dann hat sich bisher die Methode bewährt zu kaufen, wenn alle anderen verkaufen.

So gesehen muss man keine übertriebene Angst vor einem Crash haben, vor allem nicht als Langfristanleger. Er könnte auch eine gute Chance bedeuten, noch ein paar Euro extra in Sachwerte zu investieren, in Aktien und Fonds.


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