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Betriebsrente: tragende Säule oder tragischer Fall?

, Nadine Oberhuber

Die Regierung will die Betriebsrenten stärken. Lohnen sich die Verträge nun mehr für die Sparer? Von Nadine Oberhuber

Euro-Münzen © Getty Images

Säulen sollten normalerweise tragen können, was auf ihnen ruht. So stellen es sich jedenfalls Architekten und Statiker gemeinhin vor. Wenn es allerdings hierzulande um die Säulen der Altersvorsorge geht, fragt man sich, ob die Politik ebenfalls einmal Nachhilfe bei den Architekten nehmen könnte. Sie verkauft nämlich gern Dinge als Säule, die überhaupt kein tragendes Konstrukt sind. Die Betriebsrente zum Beispiel. Von der heißt es schon seit Jahren, sie sei die zweite Säule der Alterseinkommen, direkt nach der gesetzlichen Rente. Und somit noch vor der privaten Vorsorge. Sie sollte also stark sein. Doch das ist sie nicht, daran wird auch die Reform der vergangenen Woche wohl wenig ändern – das neue Betriebsrentenstärkungsgesetz.

Das sollte nämlich einige Konstruktionsschwächen ausgleichen, unter denen die Betriebsrente bisher litt, und das gesamte Gebilde dadurch attraktiver und auch stabiler machen. Denn bisher wird diese angeblich so tragfähige zweite Säule von den wenigsten Sparern überhaupt genutzt. Obwohl Mitarbeiter seit 15 Jahren einen Anspruch darauf haben, mit Hilfe ihres Unternehmens Geld fürs Alter anzusparen, besitzt nicht einmal jeder zweite Beschäftigte in der Privatwirtschaft einen solchen Vertrag. Etwas höher ist de Quote nur im öffentlichen Dienst, doch der ist ohnehin über eine automatische Zusatzversorgung im Alter gut abgesichert.

Wie dünn die Säule aber tatsächlich ist, verrät eine andere Zahl: Nur acht Prozent aller Renteneinkünfte beziehen heutige Rentner aus der Betriebsrente. Knapp 65 Prozent trägt die Gesetzliche Rente zu ihrem Monatseinkommen bei, weitere acht Prozent liefern private Sparverträge. Aus der betrieblichen Altersversorgung (bAV) beziehen die allermeisten nur ein kleines Zubrot von rund 150 oder 200 Euro im Monat.

Arbeitgeber geben keine Garantien mehr

Nun sagen manche Optimisten, dass dieser Anteil in Zukunft ansteigen wird. Denn die Zahl der bAV-Verträge sei ja ebenfalls gestiegen in den vergangenen Jahren und den Leuten sei heute bewusst, dass sie mehr Geld in solche betrieblichen und privaten Verträge einzahlen müssten, viel mehr als früher. Diese beiden Aussagen sind gewiss wahr. Die Frage ist nur: Tun sie das auch? Und bedeutet die zusätzliche Vorsorge, die sie jenseits der gesetzlichen Rentenbeiträge leisten, dass sie daraus auch später höhere Auszahlungen bekommen als heutige Rentner? Das darf man schon bezweifeln. Denn eines haben die vergangenen Jahre gezeigt: Vor allem die Auszahlungen aus langfristigen Sparverträgen mit fixen Zinsen, also aus Versicherungsverträgen, sind in den Niedrigzinsjahren massiv zusammengeschrumpft. Neuere Verträge bekommen sehr viel weniger ausgezahlt, als ihnen jahrelang prognostiziert wurde – und das Gros der Betriebsrente basiert auf genau solchen Versicherungspolicen. Von den 15 Millionen Betriebsrentenanwärtern haben rund elf Millionen Beschäftigte Versicherungsverträge.

Man darf also gespannt sein, was die später tatsächlich abwerfen, zumal auch ein anderer Trend die Branche prägt: Früher machten die Unternehmen ihren Mitarbeitern noch feste Zusagen, wie viel Betriebsrente sie monatlich zu erwarten hätten. Sie garantierten also ganz genau, wie hoch der Auszahlungsbetrag war. Heute – angesichts der unsicheren Kapitalmärkte und Zinszeiten – garantieren die allermeisten Arbeitgeber nur noch eines: Dass die Beschäftigten jeden Monat den gleichen Betrag in die Verträge einzahlen. Was jedoch irgendwann einmal dabei herauskommt, überlassen sie dem Markt. Es ist das Risiko des Angestellten.

Nun ist das nicht so schlimm, sagen diejenigen, die das Gesetz reformiert haben. Denn je kleiner die Garantien sind, die Arbeitgeber und Geldverwahrer geben müssen, desto freier und günstiger kann das Geld auch angelegt werden. Denn Garantien kosten bekanntlich sehr viel Geld – in Niedrigzinszeiten erst recht. Wie viel, das hat die Frankfurt School of Finance errechnet: Demnach bezahlt ein 35jähriger Anleger, der bis zur Rente 150 Euro zurücklegt und sich garantieren lässt, dass er am Ende zumindest das eingezahlte Kapital herausbekommt, diese Zusage mit rund 200.000 Euro. So hoch ist die Differenz, die ihm dadurch entsteht, dass er das Geld nicht zu 100 Prozent in Aktien anlegt, sondern eben vermeintlich sicher. Die Garantiekosten betragen in diesem Fall rund 350 Prozent des eingezahlten Kapitals. Nicht ganz so arg, aber immerhin beachtlich fallen die Garantiekosten aus für einen 45-Jährigen, der 200 Euro monatlich bis zur Rente spart. Bei ihm sind es 100.000 Euro, auf die er verzichten würde, also gut 100 Prozent der Einzahlbeträge.

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Bleibt die Betriebsrente ein schwer verkäufliches Musterstück?

Diese gigantisch hohen Kosten muss man kennen, was allerdings die wenigsten Sparer tun. Die allermeisten Anleger dagegen verbinden fehlende Garantien jedoch nicht mit: „Prima, dann habe ich mehr Aussicht auf Gewinne!“ sondern nur mit: „Oh je, da drohen mir Verluste!“ Deshalb darf man zweifeln, ob die Betriebsrente, die künftig auf solche Garantien verzichtet, in den Augen der Abnehmer wirklich zum Verkaufsschlager wird – und deshalb häufiger abgeschlossen wird. Oder ob sie eher als tragischer Fall endet und ein schwer verkäufliches Musterstück bleibt.

Eine andere Neuerung klingt gut: Wer bisher ohne jeglichen Zuschuss des Arbeitgebers spart, also allein durch Entgeltumwandlung – und das sind immerhin ein Viertel aller Beschäftigten hierzulande, in den Ostbundesländern sogar 40 Prozent – der bekommt künftig vom Chef einen Bons obendrauf gelegt. Schließlich bedeutet die Entgeltumwandlung, dass der Mitarbeiter auf einen Teil seines unversteuerten Bruttogehalts verzichtet, um den Betrag in die Betriebsrentenkasse einzuzahlen, ohne davon Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abgezogen zu bekommen. So kann er insgesamt mehr sparen, als es ihm vom Nettogehalt mit privatem Sparvertrag möglich wäre. Es heißt aber auch: Der Arbeitgeber spart durch das niedrigere Bruttogehalt, das er auszahlen muss, ebenfalls Steuern und Sozialabgaben. Die Gewinne kassierten viele Unternehmer bisher selbst ein. Nun verdonnert der Gesetzgeber sie dazu, mindestens 15 Prozent des Betrages, den ein Mitarbeiter aus eigenen Mitteln einzahlt, jährlich als Zuschuss auf dessen bAV-Vertrag obendrauf zu legen. Wer also 150 Euro monatlich vom Brutto abzwackt, also 1800 Euro im Jahr, der bekommt vom Chef jährlich 270 Euro dazu.

Reich wird man davon nicht, aber es ist wenigstens eine Sparhilfe. Zudem spart der Chef im Gegenzug auch ein bisschen, weil er 30 Prozent dieses Betrages nicht versteuern muss. Er zahlt also effektiv nur 189 Euro dazu, obwohl beim Sparer 270 Euro ankommen.

Alle diese Rechnungen zeigen schon, dass die Betriebsrente nicht unbedingt das einfachste Konstrukt ist, das sich die Rentenarchitekten haben einfallen lassen. Richtig schräg wird es an zwei Stellen: Besonders Wenigverdiener sollen ja mit dem neuen Gesetz zu Betriebsrentner gemacht werden. Bisher lohnte sich das Sparen auf eigene Faust für sie wenig, sowohl mit Riester- als auch mit bAV-Verträgen. Denn wenn sie im Alter so wenig Rente bekommen, dass sie Grundsicherung vom Staat bekommen müssen, rechnete der Staat private Sparverträge auf die Grundsicherung an. Im Klartext: Er sparte sich selbst das Aufstocken der Rente auf den Grundbetrag, weil er argumentierte, die privaten Verträge würfen ja Geld ab. Gerade für Geringverdiener ist diese Argumentation natürlich blanker Hohn und alles andere als ein Anreiz für die private Vorsorge. Mit der Reform ändert sich das. Künftig bleiben dem Sparer zumindest 200 Euro aus seinen Sparverträgen, die dann zur Grundsicherung on top kommen. Ein kleiner Erfolg.

Doppelabgaben auf Beiträge

Den viel größeren Fauxpas bei der Betriebrente dagegen hätten die Regierenden nicht behoben, kritisiert der Bund der Versicherten: Die Doppelabgaben auf die Beiträge nämlich. Künftig kann zwar jeder Mitarbeiter acht Prozent der Beitragsbemessungsgrenze steuerfrei in einen bAV-Vertrag einzahlen (bisher waren es 6,4 Prozent), aber nur vier Prozent davon sind auch sozialabgabenfrei. Das sind zurzeit 254 Euro monatlich oder 3048 Euro im Jahr. Auf die übrigen vier Prozent zahlt er also noch Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung. Aber: Wenn er die Rente später ausgezahlt bekommt, muss er vom gesamten Betrag noch einmal Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge entrichten. Er drückt diese Sozialabgaben also doppelt ab. Das ist ein Unding und dürfte eigentlich nicht sein, wettern die Verbände. Doch niemand hat das bisher korrigiert.

Der dringende Appell, der daraus folgt: Zahlen Sie auf keinen Fall mehr als die vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze ein, also maximal 254 Euro im Monat. Auch wenn viele Finanzvertriebe damit locken, dass weitere 250 Euro doch steuerfrei zurücklegbar wären (wovon sie sich selber gute Geschäfte und satte Renditen erhoffen). Zu hohe Einzahlungen aber büßen Sie später. Übrigens auch aus einem anderen Grund, den Kritiker schon immer an der Betriebsrente bemängeln: Es klingt zwar schön, dass Betriebsmitarbeiter aus unversteuertem Gehalt fürs Alter sparen können, doch schmälern die Beiträge nicht nur ihr Bruttogehalt, sondern damit auch ihre gesetzlichen Rentenansprüche. Denn die werden schließlich anhand des jahrelang tatsächlich ausgezahlten und versteuerten Brutto bemessen. Und da könnte es zu tragischen Lücken kommen.

Nun haben Mathematiker viele komplizierte Rechnungen angestellt, um zu ermitteln, wie groß dadurch die Einbußen bei der gesetzlichen Rente später sind und inwiefern die bAV-Auszahlungen diese Einbußen später überhaupt ausgleichen. Solche Rechnungen hängen von vielen Unbekannten ab und von jedem Einzelfall selbst, deshalb lässt sich nur schwer ein Gesamtfazit ziehen. In vielen Fällen aber, so mahnen die Rechnungen, könnten die Erträge aus den Betriebsrenten – nach Abzug der späteren Steuern und Krankenversicherungskosten – so winzig sein, dass sich viele Betriebssparer einmal fragen werden, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, sich auf weniger aber dafür stabilere Säulen zu stützen.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen. Mehr von Nadine Oberhuber: Bei Schwellenländern ist Ausdauer gefragt, ETF - Fluch oder Segen? und Das Geld liegt auf der Straße


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