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Warum Brasilien Anleger kalt lässt

, Julia Groth

Die Staatskrise in Brasilien sollte Anleger nicht allzu sehr beunruhigen. Brasilianische Aktien spielen in globalen Portfolios kaum eine Rolle. Sie waren zuletzt ohnehin viel zu hoch bewertet. Von Julia Groth

© Getty Images
Nach dem Höhenflug ging es abwärts mit den Kursen an der Börse in Sao Paulo

An den Aktienmärkten herrscht das Prinzip Hoffnung. Kaum ein Aktienmarkt zeigte das zuletzt deutlicher als der brasilianische. In den vergangenen Monaten gehörte er zu den Top-Tipps der Aktienspezialisten und schlug andere Aktienmärkte um Längen. Gute Gründe dafür gab es kaum. Im Gegenteil: Brasiliens Wirtschaft steckt seit längerem in einer tiefen Rezession. Aktienanleger kultivierten indes die Hoffnung auf einen Reformkurs durch Brasiliens Präsident Michel Temer, der die Wirtschaft des Landes wieder fit machen sollte.

Dann entfaltete sich unter den Augen der Investoren der womöglich größte Regierungsskandal der brasilianischen Geschichte – und der Glaube an weitere Traumrenditen löste sich in Luft auf. Temer soll Schweigegeldzahlungen an einen Parteifreund zugestimmt haben, der möglicherweise Mitwisser in einem Korruptionsskandal ist. Seit die Vorwürfe publik wurden, hat der brasilianische Aktienindex Bovespa rund zehn Prozent an Wert verloren. Die Regierung ist praktisch handlungsunfähig, nötige Reformen drohen auf der Strecke zu bleiben.

Das einstige Vorzeige-Schwellenland ist zum Krisenfall geworden. Jeder Optimismus, der bei Anlegern nach der Amtsenthebung der ehemaligen Präsidentin Dilma Roussef aufgeflammt sein mag, dürfte durch die jüngsten Vorkommnisse erstickt worden sein. Temer wird zwar nicht unbedingt seines Amtes enthoben werden. Aber im kommenden Jahr stehen Neuwahlen an, bei denen er nach den aktuellen Skandalen einen schweren Stand haben dürfte.

Eine Korrektur war überfällig

Zwei Argumente sprechen dafür, dass Investoren trotz all dieser Probleme nicht in Panik verfallen sollten. Erstens: Brasilien ist ein großer Markt, spielt aber in globalen Portfolios immer noch eine untergeordnete Rolle. Im Schnitt sind weltweit investierende Aktienfonds, die den Index MSCI World als Referenz nutzen, nur zu rund 0,3 Prozent in brasilianischen Aktien investiert, zeigt eine Auswertung der Fondsratingagentur Morningstar. Im Schwellenländer-Barometer MSCI Emerging Markets hatte Brasilien Ende März ein Gewicht von 7,5 Prozent. Aktive Schwellenländer-Fondsmanager orientierten sich zuletzt im Schnitt grob daran, gewichteten brasilianische Aktien also trotz der starken Performance nicht höher.

Das zweite Argument gegen eine Brasilien-Panik: Die Korrektur war selbst ohne den Polit-Skandal aus fundamentaler Sicht nötig. Zwar haben sich Brasiliens Wirtschaftsdaten seit Jahresbeginn leicht verbessert. Die Exporte legten zu, auch die Industrie verzeichnete zum ersten Mal seit längerem wieder Wachstum. Noch ist die Rezession aber nicht überwunden. Hohe Arbeitslosigkeit macht der Wirtschaft zu schaffen, der Konsum lahmt. Die Kursrally am brasilianischen Aktienmarkt basierte allein auf der vagen Hoffnung, dass die Regierung der Wirtschaft mit einem Reformkurs neuen Schwung verschaffen könnte. Der Bovespa steht zwar noch immer deutlich höher als vor einem Jahr. Allmählich nähern sich die Bewertungen brasilianischer Aktien aber wieder einem realistischen Niveau an.

Schwellenländer-Investoren, die die Turbulenzen in Brasilien zum Einstieg nutzen wollen, sollten vorsichtig sein. So ist es möglich, dass es am brasilianischen Aktienmarkt vorerst weiter abwärts geht. Auch der Anleihemarkt könnte von den jüngsten Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen werden. Bond-Anleger haben bislang nicht eingepreist, dass Temer tatsächlich noch seines Amtes enthoben werden könnte, warnt Sailesh Lad, Schwellenländer-Experte bei Axa Investment Managers.

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