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Wie Draghi die Märkte erschreckt

, Nadine Oberhuber

EZB-Präsident Draghi weckt Hoffnungen auf eine Zinswende - die Zeichen des Aufschwungs sind zu stark. Besonders geschickt geht Draghi aber nicht vor. Von Nadine Oberhuber

EZB-Chef Mario Draghi spricht im portugiesischen Sintra © Flickr.com / (CC BY-NC-ND 2.0)
EZB-Chef Mario Draghi schlägt sich auf die Seite der Konjunkturoptimisten

Mit der Ausgewogenheit hat der Mensch schon immer ein Problem. Ausgewogen essen ist ja schon schwer genug. Ausgewogen leben würden auch viele gerne, doch nur den wenigstens gelingt es. Und bei einer Disziplin geht das Abwägen sehr häufig daneben: beim Reden. Das belegte erst dieser Tage die Rede von Mario Draghi. Wenn Draghi nämlich in seiner Eigenschaft als EZB-Präsident ein Kriterium erfüllen muss, dann das der weitgehenden Neutralität. Er muss genau austarieren, wie viel Optimismus und Pessimismus er verbreiten kann und darf, um eines eben nicht zu tun: die Märkte zu erschrecken und die Finanzakteure in Bewegung zu bringen. Sonst nämlich neigen sie zu überstürzten Handlungen und das war an den Finanzmärkten noch nie gut. Am Dienstag der vergangenen Woche gelang dem EZB-Präsident genau das nicht sehr gut.

Draghi zeigte sich nämlich recht optimistisch. Als er über die Konjunktur in Europa sprach, verwies er auf das gute Wachstum. Ja, er äußerte sogar, der derzeitige Aufschwung gewinne noch an Schub. „Alle Zeichen deuten auf eine Verfestigung und Verbreiterung der Erholung hin“, so hieß das bei ihm. Und er gab sich zuversichtlich, dass die europäische Notenbank sich demnächst wieder mit einer Inflation von zwei Prozent konfrontiert sehe. Womit sie ja ihr Ziel erreicht hätte, denn die zwei-Prozent-Marke gilt als erklärter Teuerungswert, der eine gesund wachsende Wirtschaft anzeige und gerade noch tolerierbar sei. Noch sei die Inflationsrate zwar geringer, aber bei jenen Dingen, die sie hemmten, handle es sich um temporäre Faktoren – was so viel bedeutet, als dass sie früher oder später ihre Bremskraft verlieren werden. Man muss sagen: So viel Optimismus war lange nicht mehr in den Reihen der Zentralbank.

Genau deshalb überhörten auch viele geflissentlich die wohlgesetzten pessimistischen Töne, die es ebenfalls gab: Dass der Aufschwung eben noch nicht besonders stark sei. Dass es natürlich Risiken gebe, die dafür sorgen könnten, dass die Teuerung auch auf absehbare Zeit nicht nennenswert wächst. Dass Deflation nach wie vor ein Thema sei. Das alles blendeten die Zuhörer kurzfristig aus, stattdessen kam am Markt folgende Botschaft an: Draghi scheint bereit, seine Geldpolitik nun doch bald anzupassen. Endlich. Vielleicht also wird die EZB früher als bisher geplant ihren Kurs der Geldschöpfung aufgeben und die Geldflut an den Märkten dann wieder einzudämmen versuchen. Die Reaktion darauf folgte prompt.

Euro verteuert sich

Als Erster machte der Euro im Vergleich zum Dollar einen Satz nach oben. Er verteuerte sich am Wochenanfang von 1,11 Dollar auf 1,13. Er gilt ja schon lange als durch die Eurokrise gebeutelt und gedrückt. Als Nächstes reagierten die Aktienmärkte, denn sie sind es ja vor allem, die jahrelang von den Winzzinsen und der großen Geldschöpfung der Zentralbanken profitiert haben. Weil die Anleger aus Mangel an einträglichen Alternativen nur noch den Weg an die Börse kannten. Die zogen enorm viel neues Kapital an, was die Aktienkurse arg in die Höhe trieb.

EUR/USD (Euro / US-Dollar) Währung

EUR/USD (Euro / US-Dollar) Währung Chart
Kursanbieter: FXCM

Macht die Zentralbank nun tatsächlich ihre Ankündigungen wahr und reduziert die Geldmenge wieder, dann heißt das für die Börsen normalerweise nichts Gutes. Allein der Deutsche Leitindex Dax sackte deshalb nach Draghis Rede um rund 200 Punkte ab, der Eurostoxx verlor knapp 100 Punkte. Die Kurse deutscher Staatsanleihen sanken ebenfalls, wodurch die Rendite spiegelbildlich in die Höhe sprang. Auch andernorts gaben die Anleihenmärkte nach. Das Bisschen Optimismus bewegte also ganz schön die Kurse.

Zu stark für den Geschmack der EZB, die sich bereits einen Tag später um eine Art Dementi bemühte, indem sie – über nicht näher genannte Personen aus den obersten Reihen – die Nachricht streute, sie fühle sich und die Worte ihres Präsidenten missverstanden. Jedenfalls habe sich Draghi keinesfalls festgelegt und ein Ausstieg aus der bisherigen Geldpolitik sei noch gar nicht in Sicht, hieß es aus „Kreisen“ der EZB. Das brachte die Märkte jedoch nur für sehr kurze Zeit dazu, noch einmal ihre Richtung zu ändern. Denn bekanntlich ist die Spitze der Zentralbank sehr südeuropäisch besetzt, da ist es kein Wunder, wenn sich einige Vertreter der Südländer wünschen, die Zeit der niedrigen Zinsen und der Staatsanleihenaufkäufe möge noch eine Weile anhalten.

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Signale für die Zinswende

Wenig später setzten die Börsen- und Anleihenkurse eher unbeirrt ihren Abwärtsdrall fort und schlugen wieder den Kurs vom Dienstag ein: Der Euro stieg weiter, auf nunmehr 1,14 Dollar und erreichte damit den höchsten Stand seit einem Jahr. Damit hat die Gemeinschaftswährung nun wieder die Kurshöhe erklommen, die sie auch vor dem Brexit bereits innehatte. Die Aktienmärkte sackten noch ein wenig weiter ab.

Nun haben schon viele Stimmen versucht, die europäische Zentralbank endlich zur Umkehr zu bewegen. Bisher brachte das wenig. Zuletzt war es die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Zentralbank der Zentralbanken also, die mahnte: Die EZB müsse nun endlich die expansive Geldpolitik aufgeben, um damit wieder Handlungsspielraum zu gewinnen. Es gelte, die Widerstandsfähigkeit auch in Europa zu stärken, um es für einen möglichen neuen Abschwung zu wappnen. Bleiben die Zinsen nämlich auf Null oder darunter, welche Eingriffsmöglichkeiten hat die EZB dann noch, wenn es zur Rezession kommt? Draghis Worte sind nun wohl ein Indiz dafür, dass der Richtungswechsel naht – obwohl Letzteres freilich auch schon viele Optimisten seit zwei Jahren wiederholen wie ein Mantra.

Ein weiteres Indiz ist, dass zurzeit sehr viele schwache Staaten, auch aus dem europäischen Raum, neue Staatsanleihen auf den Markt bringen - mit Laufzeiten von 50 Jahren, 70 Jahren oder mehr. Der Boom bei den 100-jährigen Anleihen lässt sich sehr wohl als Anzeichen dafür sehen, dass viele Staaten nun tatsächlich befürchten, das Ende der Winzzinsen sei nah – und die Finanzierung der Staatsschulden werde auf absehbare Zeit erheblich teurer. Staatsanleihen von Peripheriestaaten halten manche Anleihenexperten auch für gar keine so schlechte Idee, zumindest für risikofreudige Anleger. Allen anderen Anleihenfans sei aber eher das Abwarten empfohlen: Denn erst, wenn die Zinswende Wirklichkeit wird, werden sich die Bondrenditen bewegen. Dann aber werden sie in die Höhe schießen – das hat man jüngst in Amerika gesehen. Dann erst werden auch deutsche Bundesanleihen wieder einen Kauf wert sein, die noch im Nullkommabereich rentieren, obwohl ihre Nominalrenditen gemessen an den derzeitigen Wirtschaftszahlen eher im Bereich von drei Prozent liegen müssten.

Bankwerte gewinnen an Stärke

Was sind nun eigentlich die temporären Faktoren, die das schnelle Anschwellen der Inflation bisher bremsen, ohne das eine Anhebung der Leitzinsen ja bisher in weite ferne rückte? Es ist vor allem das billige Öl, das den Preisanstieg bremst. Wird es wieder teurer, hätte die Zentralbank einen Grund mehr, die Zinsen zu erhöhen. Von daher sollten Sparer nicht übermäßig zufrieden auf die billigen Ölpreise schauen, sondern lieber noch einmal Heizöl nachtanken für den nächsten Winter und dann auf Preissteigerungen hoffen.

Und was sollten Anleger in dieser Situation tun? Sie können es wie Draghi machen und versuchen, neutral zu bleiben, was in diesem Fall heißt: Jetzt nicht panikartig den Markt verlassen! Dazu gibt es keinen Grund. Zudem fallen ja nicht gleich alle Aktienkurse ins Bodenlose, wenn die Politik der Notenbank sich ändert. Einen Großteil hat der Markt, wie es immer so schön heißt, ohnehin schon eingepreist. Nicht einmal jetzt geben alle im Gleichlauf nach, im Gegenteil: Gerade Bankwerte gewinnen in der derzeitigen Lage an Stärke. Denn steigen die Zinsen, dann wachsen auch wieder die Erträge der Finanzinstitute. Zudem fiel ein Bankenstresstest in den USA zuletzt so positiv aus, dass davon sogar europäische Bankaktien mächtig beflügelt wurden. Von daher sind Aktien der Kreditinstitute vielleicht eine Überlegung wert, sofern es nicht gerade italienische sind. Die Commerzbank oder Deutsche Bank gibt es ja auch noch. Etwas gewagt sind solche Einzelkäufe allerdings schon.

Wer es gefahrloser mag, der setzt weiter monatlich mit breit gestreuten ETFs auf den Aktienmarkt in Deutschland oder Europa. Dann können Anleger auch günstig Papiere nachkaufen, wenn tatsächlich irgendwann die Zinswende kommt und der Aktienkurs fällt. Aber bis dahin muss Mario Draghi erst endgültig das Abwägen aufgeben und der Optimist in ihm überwiegen. Es könnte noch ein weiter Weg sein.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen. Mehr von Nadine Oberhuber: Bei Schwellenländern ist Ausdauer gefragt, ETF - Fluch oder Segen? und Das Geld liegt auf der Straße


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