• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Interview

"Europäische Aktien sind günstig bewertet"

, Julia Groth

Matt Siddle, Spezialist für europäische Aktien beim Fondsanbieter Fidelity, erklärt, warum er für Europas Aktienmärkte optimistisch ist und welche Branchen er derzeit bevorzugt. Von Julia Groth

Händler an der Frankfurter Börse © Getty Images
In Frankfurt und anderen europäischen Börsen herrscht gute Stimmung

Capital: Viele Fondsmanager rechnen damit, dass der Aufwärtstrend am europäischen Aktienmarkt bald wieder zu Ende ist. Sie nicht. Warum?

Matt Siddle: Alle wichtigen Wirtschaftsindikatoren zeigen aufwärts, und zwar in ganz Europa. Einige Zeit lang war das weltweit der Fall. Jetzt verlangsamt sich der globale Aufschwung. In den USA und in China haben sich die Konjunkturaussichten eingetrübt. In Europa dagegen geht es immer weiter aufwärts, weil sich der Kontinent in einem vergleichsweise frühen Stadium des Wirtschaftszyklus befindet. So wachsen die Gewinne europäischer Unternehmen mittlerweile stärker als die Gewinne von US-Unternehmen.

Wird das langsamere Wachstum in den USA und in China nicht auch die Wirtschaft in Europa beeinträchtigen?

Weil die Volkswirtschaften miteinander verflochten sind, hat eine schwächere Wirtschaftsentwicklung in Übersee natürlich auch Auswirkungen auf Europa. Zum ersten Mal seit Jahren müssen wir uns aber nicht in erster Linie um europäische Probleme sorgen. Die größten Gefahren für die Weltwirtschaft liegen derzeit woanders. Das ist ein guter Grund für Optimismus.

Trotz der politischen Risiken?

Der Ausgang der französischen Präsidentschaftswahl hat eines der größten Risiken beseitigt. Auch die Wahl in den Niederlanden hat für Entspannung gesorgt. Im vergangenen Jahr waren viele Menschen besorgt über den Aufstieg von Populisten. Die Ergebnisse der jüngsten Wahlen haben gezeigt, dass diese Sorgen übertrieben waren. Marine Le Pen ist nicht Präsidentin von Frankreich geworden. In den Augen europäischer Investoren waren ihre Siegeschancen von Anfang an nicht sonderlich groß. Für Investoren außerhalb Europas war die Sache dagegen nicht so klar. Sie sind deshalb besonders froh über den Wahlausgang.

"Spanien wächst stärker als Deutschland"

Internationale Investoren haben sich im vergangenen Jahr aus europäischen Aktien zurückgezogen. Kommen sie jetzt zurück?

US-amerikanische und asiatische Anleger sehen, dass sich die Aussichten in Europa deutlich verbessert und die politischen Risiken verringert haben. Ich rechne deshalb damit, dass über kurz oder lang wieder mehr ausländisches Kapital in den europäischen Aktienmarkt fließen wird, was die Kurse stützen sollte. Ein Anfang ist bereits gemacht. Die Zuflüsse in europäische Aktien steigen seit einigen Wochen wieder.

Bereitet Anlegern die Wirtschaftslage in Südeuropa keine Sorgen mehr?

Nein, ganz im Gegenteil. Südeuropa verzeichnet derzeit die höchsten Wachstumsraten. Spanien wächst stärker als Deutschland, auch am spanischen Aktienmarkt läuft es gut. Für viele Anleger ist die Aufholrally in Südeuropa ein Grund, dort gezielt zu investieren. Ich schaue dagegen eher auf Unternehmensgewinne und Bewertungen.

Welche Titel finden Sie besonders interessant?

Europäische Aktien sind günstig bewertet und deswegen generell attraktiv, vor allem in Kombination mit dem steigenden Gewinnwachstum der Unternehmen. Besonders spannend finde ich Hersteller von Medizintechnik, zum Beispiel Fresenius Medical Care. Die Aktienkurse vieler Unternehmen haben unter der Debatte um Medikamentenpreise im US-Wahlkampf gelitten, obwohl längst nicht alle dieser Firmen überhaupt Pharmazeutika herstellen oder ein starkes Standbein in den USA haben. Auch Ölfirmen wie Shell sind interessant. Sie haben ihre Kosten deutlich gesenkt. Im Ergebnis profitieren sie von einem stark zunehmenden Cashflow. Darüber hinaus finde ich Technologiewerte spannend, zum Beispiel SAP. Der Sektor wächst stark, ist aber im historischen Vergleich immer noch günstig.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Europäische Zentralbank (EZB) der guten Stimmung am Aktienmarkt einen Dämpfer versetzt, indem sie die Leitzinsen anhebt?

Diese Gefahr ist aktuell gering. Die Inflation ist noch immer weit vom EZB-Ziel in Höhe von rund zwei Prozent entfernt. Deshalb werden die Zinsen vorerst niedrig bleiben, und auch später voraussichtlich nur langsam steigen.

Capital-Depotcheck

Machen Sie den Depotcheck für 2017!
Ermitteln Sie die Renditeerwartungen und das eingegangene Risiko Ihres Depots:

www.capital.de/depotcheck.html


Artikel zum Thema