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Rote Ampel für Autoaktien

, Nadine Oberhuber

Die Stimmung unter den Auto-Investoren ist so schlecht wie nie. Aber es gibt Firmen, die von der Lage profitieren könnten. Von Nadine Oberhuber

© Getty Images
Ungewisse Aussichten: Das Vertrauen der Investoren in Autoaktien ist geschrumpft

Wenn etwas ganz Großes ins Schlingern gerät, dann sollte man besser mal hinsehen und sich notfalls in Sicherheit bringen. Sonst kann es passieren, dass man von dem Koloss, der außer Kontrolle geraten ist, noch versehentlich erfasst wird. Und ein Koloss ist die deutsche Automobilindustrie wahrlich: Sie beschäftigt hierzulande rund 800.000 Mitarbeiter und ist für unzählige Stellen in Zulieferbetrieben zuständig. Insgesamt erwirtschaftet sie rund 20 Prozent des Gesamtumsatzes der deutschen Industrie. Das ist gigantisch. Deshalb mag man sich gar nicht ausmalen, welchen Schaden es anrichten würde, wenn die Branche hierzulande gegen die Wand führe, was einige Kritiker angesichts des jüngsten Kartell-Verdachts ernsthaft befürchten.

Zuerst schien es, als sei nur der Vorzeigeautobauer VW betroffen, als der Abgasskandal 2015 ans Licht kam. Und irgendwie sah es so aus, als ob die Erinnerung daran langsam verblassen würde. Doch vor wenigen Wochen fand Volkswagens Diesel-GAU seine Fortsetzung in den Meldungen, die Motoren des Daimler-Konzerns seien womöglich ebenso betroffen. Seit dem vergangenen Wochenende steht nun sogar noch der Vorwurf im Raum, das alles sei nur möglich gewesen, weil sich die fünf Großen der Industrie (Daimler, VW, BMW, Audi und Porsche) seit 20 Jahren abgesprochen hätten. Womöglich hätten sie damit das größte Kartell der bundesrepublikanischen Geschichte gebildet. Seitdem assoziiert man mit den Autobauern nicht mehr jene Branche, die sozusagen als kräftiger Motor der deutschen Konjunktur fungiert und die gesamte Volkswirtschaft stark vorantreibt. Sondern sie erweckt eher den Eindruck einer Branche, die weitgehend führungslos mit überhöhter Geschwindigkeit dahinrast und nun endgültig ins Schleudern geraten ist.

Wo wird die Schlingerfahrt wohl enden, wenn die Kartellämter und EU-Aufsichtsbehörden mit den Untersuchungen fertig sind? Ist die Dieseltechnologie überhaupt noch zu retten, wo sie derart in Verruf geraten ist? Und was werden die Politiker beschließen, die sich kommende Woche zum Berliner Krisengipfel treffen? Gut, letztere werden vermutlich die Parole ausgeben: Es muss schonungslos aufgeklärt werden. Parallel dazu könnte man vielleicht die alternativen Antriebstechniken ein bisschen mehr vorantreiben. Aber im Grunde war doch nicht alles schlecht und in der Industrie laufe es doch rund. Deshalb wird sich vermutlich am Ende dann doch wieder nichts ändern. Zumindest nicht viel.

Heftige Bremsspuren in den Kursen

Eines aber ändern die Verantwortlichen damit sicher auch nicht: Die Stimmung bei den Kunden und Anlegern. Die ist nämlich derzeit so schlecht wie selten. Für keine der Eurostoxx-Branchen sind die Investoren augenblicklich pessimistischer – und es gibt immerhin 19 Geschäftsfelder. Zuletzt trennten sich Anleger deshalb so reichlich von ihren Autopapieren, dass die Kurse deutscher und europäischer Automarken heftige Bremsspuren zeigten: Der Dax Sector Automobile verlor allein im vergangenen Monat rund 4,4 Prozent, auf Dreimonatssicht sogar acht Prozent. Der Eurostoxx Automobiles & Parts verlor auch rund sechs Prozent. Bereits zuvor waren die Autohersteller die Branche, die im ersten Halbjahr am schlechtesten gelaufen ist.

Schon seit Mitte Juli, also bereits vor den Enthüllungen zum möglichen Kartell-Skandal, steckte der Automobilsektor in einem mehrjährigen Stimmungstief. Seit Herbst 2015 und dem aufflammenden VW-Dieselskandal war die Meinung der Anleger und Analysten nicht mehr so mies. Noch schlechter lief es für die Branche nur im Jahr 2013. Damals sagten Analysten den Autobauern eine Absatzkrise voraus, die so schlimm werde wie seit 1993 nicht mehr. Zunehmender Wettbewerbsdruck, starke Chinesen und fehlende Innovationen hierzulande prangerten sie an. Das lasse den Motor der Autoindustrie bald stottern.

Nun schien es so, als hätten vor allem die deutschen Konzerne daraufhin mächtig Gas gegeben. Mit neuen Technologien und neuen Ideen. Ihre Verkaufszahlen preschten in den vergangenen Jahren davon und ihr guter Ruf beflügelte die Geschäfte auch international. Jetzt aber stellen viele Käufer und Anleger in Frage, auf welche Pferde sie da eigentlich gesetzt haben und welche Stärken die wirklich besitzen – oder ob am Ende nicht nur viel heiße Luft hinter den Produkten und Versprechen der Branche steckte. Das Image der deutschen Autobauer kann man gelinde gesagt als verbeult bezeichnen. Und das ist tatsächlich ein Schaden für den gesamten Wirtschaftsstandort und für den Aktienindex Dax.

[Seitenwechsel]

Dax in Mitleidenschaft gezogen

Denn deutsche Autokonzerne machen immerhin 43 Prozent des Umsatzes aller Dax-Konzerne aus, sagen Analysten. Gut ein Drittel des kompletten Nachsteuergewinns der größten 30 Börsenkonzerne trägt der Autosektor bei. Und wie hoch die Gewinne künftig noch sein werden, wenn Kartellbehörden hohe Strafen verhängen oder Käufer vor der Neuanschaffung eines deutschen Autos zurückschrecken, mögen selbst Marktexperten noch nicht zu beziffern. Maßgeblich gebremst von den schlechten Werten der Autopapiere hat der Dax seit Mitte Juli rund fünf Prozent an Wert verloren. Damit sind die großen Gewinne weitgehend verpufft, die er seit Jahresbeginn eingefahren hatte.

Was fängt man nun mit all dem an? Ist die Autobranche womöglich in der Lage, den gesamten Wirtschaftsaufschwung ins Stocken zu bringen? Letzteres scheint möglich, wenn auch nicht ganz so wahrscheinlich. Zumindest warnt die Mehrheit der Marktbeobachter derzeit – nachdem bereits im Frühjahr die Unsicherheit aufflackerte, wohin der Sektor wohl streben werde – dass die Risiken im Autosektor derzeit groß sind. Vor allem die finanziellen Risiken aufgrund von möglichen Kartellstrafen, Schadenersatzklagen oder Umsatzeinbrüchen seien derzeit „kaum kalkulierbar“. Heißt das nun Finger weg von den Autopapieren? Mitte Juli rieten einige Analysten noch zum antizyklischen Einstieg. Zumal die Kurs-Gewinn-Verhältnisse der Papiere derzeit so niedrig sind wie selten. Im Schnitt liegen sie bei einem KGV von 8, der Dax kommt im Durchschnitt immerhin auf 14. Das zeigt, wie unterbewertet deutsche Autoaktien derzeit mehrheitlich sind. Für einige Außenseiter wie Porsche oder Renault bleiben manche Analysten positiv gestimmt.

Viele aber halten sich nun bedeckt, manche haben den Sektor auf „neutral“ herabgestuft. Seit der Trendwende im Oktober 2016 nämlich, als der jüngste Aufwärtsdrall des Eurostoxx Automobiles begann, hat der Automobilindex jüngst erstmals wieder die 200-Tage-Linie gekreuzt. Sie gilt als wichtiger Indikator, in welche Richtung sich die Bewegung der Kurse demnächst fortsetzt – und das wäre demnach eindeutig nach unten.

Continental könnte ein Gewinner sein

Tatsächlich steht zu befürchten, dass noch weitere negative Nachrichten folgen werden und es zumindest noch eine Weile dauern wird, bis die Branche wieder zurück in die Spur findet. Aber wenn einige Große nun schlingern, könnten die Anleger ihren Blick auch gut auf die kleineren Marktvertreter richten oder auf einige Zulieferer in der zweiten Reihe. Die nämlich könnten von den Problemen profitieren: Allen voran der Zulieferkonzern Continental. Der produziert nämlich nicht nur Reifen, sondern bastelt auch an der Motorentechnik und vermeldete erst im Juni, er könne Abhilfe bei der Abgasnachbehandlung schaffen, dank Harnstoffeinspritzmethoden. Auch der Abgasspezialist Twintec – inzwischen trägt er den Namen Baumot – ist auf diesem Gebiet unterwegs. Als die Republik immer lauter über die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen diskutierte, explodierte die Baumot-Aktie deshalb geradezu. Sie ist ein sehr spekulatives Papier, warnen Analysten – aber ein spannendes.

Baumot Group Aktie

Baumot Group Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Ebenso könnte man sich jetzt einige chinesische Autobauer ansehen, die bereits ungleich stärker als deutsche Konzerne auf Elektrofahrzeuge setzen. Oder sogar über Tesla-Aktien nachdenken: Die war seit Jahresbeginn um 80 Prozent gestiegen und ist seit Ende Juni um 22 Prozent gefallen. Am 2. August legt Tesla neue Zahlen vor. Mutige steigen bis dahin ein. Ebenfalls interessant ist der chinesische Elektroauto- und Batteriehersteller BYD (Build your Dreams), der auch bereits in Ungarn Elektrobusse produziert und sie in London verkauft. Künftig soll BYD auch als Partner von Daimler fungieren. Zurzeit jedenfalls empfehlen Analysten die Aktie mit großer Mehrheit zum Kauf. Ein Großinvestor hat sich schon seit Jahren im Depot: Warren Buffet investierte 232 Mio. Dollar in den Batteriehersteller und hat seinen Einsatz bis heute auf 1,3 Mrd. Dollar aufgestockt, allein durch die Kurssteigerungen.

Wenn also die deutschen Autobauer derzeit heftig schlingern, dann heißt das nicht, dass man gleich aus der ganzen Branche ausstiegen sollte. Man sollte aber gut überlegen, auf wessen Spurhaltefähigkeiten man dabei vertraut und welchem Unternehmen man zutraut, auch morgen noch kontrolliert Gas zu geben.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


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