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Tech-Schock - schlechtes Omen für Börsen

, Nadine Oberhuber

Der Absturz der Technologietitel hat viele Börsianer verschreckt: Ist das nun das Signal zum Börsenumschwung? Oder noch schlimmer: Droht sogar ein neuer Dotcom Crash? Letzteres eher nicht. Ersteres aber könnte durchaus sein. Von Nadine Oberhuber

Händler an der Wall Street © Getty Images
Händler an der Wall Street: Die Stimmung an der Börse droht zu kippen

Crashs kommen immer unerwartet, sonst wären sie ja keine. Wenn viele Börsianer eine Vorahnung hätten, dann würden sie ihre Depots vorsorglich und gemütlich umschichten, statt alle zur gleichen Zeit zu verkaufen. Panikverkäufe sorgen schließlich immer für größere Kursstürze und für große Verluste unter allen Beteiligten. So wie am Freitag vergangene Woche. Für viele Marktbeobachter kam der Absturz der Technologieaktien überraschend, so überraschend, dass viele bang fragten: War es das nun mit dem Höhenflug der Technologietitel? Erlebt die Branche gar einen neuen Supercrash wie zu Beginn des neuen Jahrtausends, als der Dotcom-Crash ein wahres Beben an den Aktienmärkten auslöste? Ja und nein, müsste man darauf wohl antworten.

Innerhalb kürzester Zeit gab der Nasdaq-Index kurz vor dem vergangenen Wochenende um mehrere hundert Punkte nach. Bis zum Montagmorgen verlor er rund 300 Punkte und sackte auf 5600 Punkte ab. Und der Kursverfall setzte sich zu Beginn der neuen Woche an vielen nationalen Technologiebörsen rund um den Globus fort. Der deutsche TecDax rauschte ebenfalls knapp 100 Punkte in die Tiefe und sackte damit knapp drei Prozent ab. Bei einigen Werten wie Siltronic nannten Händler die Verluste „dramatisch“. War es das nun also wirklich?

Erst vor wenigen Wochen hatte die Technologiebörse schließlich ihren neuen Allzeitrekord gefeiert. Sie frohlockte darüber, dass der Nasdaq im April endlich die 6000-Punkte-Marke geknackt hatte und damit den alten Höchststand von rund 5000 Punkten aus den Zeiten vor dem Dotcom-Crash endgültig hinter sich gelassen hatte. Der Index hatte sich damit nicht nur vollständig von seinem tiefen Fall erholt – endlich! Sondern es schien auch, als habe er einen neuen großen Aufstieg eingeleitet.

Nasdaq 100 Index

Nasdaq 100 Index Chart

Zugegeben, eine gewisse Skepsis war bei einigen Marktbeobachtern bereits zu spüren. Denn vor allem der rasante Aufstieg von 5000 Punkten auf 6000 Punkte ging vielen dann doch zu schnell. Nachdem der Index zuvor rund zwei Jahre lang um die 5000-er Schwelle herum mäandert war, schien es im laufenden Jahr, als habe er einen Turbo gezündet. In nur einem halben Jahr marschierte er bis zum neuen Rekordhoch durch, wo er doch zuvor ganze 17 Jahre gebraucht hatte, um die Verluste des Horrorjahres 2001 wieder aufzuholen. Allein seit Beginn diesen Jahres legte der Nasdaq-100 um 18 Prozent zu. Das ist viel. In Summe gingen sogar rund 40 Prozent der Gewinne beim S&P 500 auf das Konto der Techtitel – obwohl die von der Gewichtung her nur 13 Prozent des Index ausmachen. Bei den jüngsten Börsengängen erlösten Firmen wie Snap dann noch so viel Kapital, dass sich manche Marktbeobachter die Augen rieben und fragten: Geht hier wirklich noch alles mit rechten Dingen zu? Oder ist der Markt nicht längst zu euphorisch wie damals 2001? So gesehen müsste man sagen: Mit einem Einbruch bei den Technologiewerten hätte man rechnen können – vielleicht sogar müssen.

Die Dotcom-Blase war anders

Doch ehrlicherweise muss man auch feststellen: Anzeichen dafür, dass der Aufschwung tatsächlich zu schnell vonstatten ging und sich von der fundamentalen Entwicklung der Unternehmen abgekoppelt hat, gab es bisher nicht. Und wenn man Analysten fragt, gibt es die in den Augen vieler Marktbeobachter auch immer noch nicht. Betrachtet man den Anstieg der Tech-Werte längerfristig, so legten sie in den vergangenen zehn Jahren stetig und beachtlich zu, um 136 bis 160 Prozent, je nachdem welchen Index man betrachtet. Das sind immerhin 13 bis 16 Prozent Kurswachstum pro Jahr. Gemessen daran war der 18-Prozent-Aufschwung, seit Januar so exorbitant nicht. zudem sind die Gewinne der Technologiebranche anhaltend gut, das rechtfertigt ihre jüngsten Kurssprünge, die im Grunde eine Vorwegnahme der Gewinne sind, die noch kommen werden.

Und das ist auch der große Unterschied zu den Jahren vor dem Dotcom-Crash von 2001: Damals wuchsen bloß die Kurse und zwar dramatisch schneller als die Erträge der Firmen. Gewinne dagegen fuhren viele der gehypten und hochgejubelten Unternehmen kaum ein – oder gar nicht. Heute aber werfen Konzerne wie Amazon, Facebook, Apple und Google immerhin viele Milliarden ab. Und sie sind nicht bloß überschätze Zukunftswesen, sondern bestimmen schon heute einen Großteil der Ökonomie mit. Sie sind Giganten. Die fünf größten Unternehmen der Welt sind heute keine Banken und Ölmultis mehr, sondern Technologiefirmen. Werden also ihre Aktienkurse tatsächlich so arg überschätzt?

[Seitenwechsel]

Sieht man sich die aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) im deutschen Technologieindex TecDax an, dann sind die Papiere schon enorm teuer: Eine Reihe von Tech-Titeln bringt es zurzeit auf ein KGV von 40 und mehr, einige sogar auf 67 oder 86. Das ist eigentlich schon jenseits von Gut und Böse, denn es heißt, dass Anleger mit diesen Papieren satte 40 bis 86 Jahre bräuchten, bis sie ihren Einsatz über die jährliche Gewinnbeteiligung wieder heraus hätten. So lange Amortisationszeiten rechnen sich ja für keinen Investor – es sei denn, er spekuliert darauf, dass er allein durch künftige Kurssteigerungen satte Erträge einfährt. Allerdings muss man auch sehen, dass bei vielen TecDax-Unternehmen derart hohe KGVs schon über einen sehr langen Zeitraum normal sind. Bei vielen liegen die aktuellen KGVs daher kaum über dem zehnjährigen Mittelwert. Der Großteil der Analysten findet daher: Die Aktien sind zwar teuer, aber Anzeichen für eine Blasenbildung oder Überhitzung seien in der Branche nicht zu erkennen. Den ganz großen Crash bei den Technologieaktien sehen sie daher nicht auf die Börsen zukommen, das ist die gute Nachricht.

Die schlechte ist: Zumindest in Bezug auf Apple schüren die Experten von Goldman Sachs nun Zweifel: Es könnte sein, dass sein erwartetes neues iPhone nicht der große Wurf werde und der Computerkonzern dadurch den Anschluss verliere, sagen sie. Zudem plage der Chip-Nachschub den Konzern. Möglicherweise seien die Kursfantasien bei der Apple-Aktie also zu groß. Außerdem warnen die Goldman-Sachs-Investmentbanker, dass die arg gestiegenen Kurse der Technologieaktien in Verbindung mit der großen Volatilität dieser Papiere dazu führen könnten, dass Anleger die Gefahren der Branche nicht mehr wahrnähmen. Schließlich stehe die Branche unter Regulierungsdruck und sei zudem eine sehr zyklische. Und bekanntlich geht jeder Zyklus einmal zu Ende.

Tech-Aktien gelten als frühzyklische Werte

Genau diese Äußerungen waren der Auslöser für den abrupten Kurssturz am Freitag. Der Apple-Kurs gab sofort um knapp fünf Prozent nach und zog die übrigen Technologiewerte mit in die Tiefe. Später sackten die Aktien von vielen Technologiezulieferern, Softwareanbietern, PC- und Sicherheitsspezialisten weltweit ab. Die Begründung der Analysten an vielen Börsenstandorten lautete: Die Aktionäre hätten die Branchenrotation in Gang gesetzt. Sie seien also dabei, massenhaft ihre Technologietitel zu verkaufen und stattdessen auf spätzyklische oder Aktien zu setzen – wie etwa die Bankaktien – oder gar auf weniger zyklische Werte. Seitdem ist die Angst vor dem großen Absturz da. Aber nicht primär die vor einem Aktienabsturz, sondern davor, dass die gesamte Wirtschaft bald einen Gang zurückschalten könnte.

Tatsächlich gelten die Tech-Aktien nämlich als frühzyklische Werte. Sie setzen sich typischerweise am Anfang eines Wirtschaftsaufschwungs klar von den übrigen Aktien ab und laufen dem Rest des Marktes davon. Und in der Tat koppelten sich die Technologietitel zuletzt bereits 2011 von den großen Indizes ab. Seitdem wuchsen sie deutlich stärker als etwa der S&P 500. Man kann also das Jahr 2011 als den Beginn des jetzigen Wirtschaftszyklus begreifen. Als Jahr, in dem der Aufschwung begann, der nun bereits das sechste Jahr hält, was schon ungewöhnlich lang ist.

Zuletzt war der Höhenflug der Tech-Titel sogar noch auffälliger: Während die 52-Wochen-Performance bei den Dax-Titeln insgesamt sehr durchwachsen war – manche liefen sehr gut, andere schlecht, viele so lala – herrscht bei den Technologiewerten eine Farbe vor: dunkelgrün sind die Performancelisten bei ihnen. Fast alle legten mehr als zehn Prozent auf Jahressicht zu, das ist schon auffällig. Einzige Ausnahmen waren der Windkraftanbieter Nordex und die Aktien von SMA Solar. Und es gibt weitere Indizien dafür, dass die Techtitel verhältnismäßig weit abgehoben haben: Alle TecDax-Aktien liegen derzeit oberhalb ihrer 200-Tage-Linien, befinden sich also im stabilen Aufwärtstrend. Zudem notieren die allermeisten von ihnen nur sehr knapp unter ihren bisherigen Allzeithochs – nämlich nur ein paar Prozent.

Ruhig bleiben und Konjunkturdellen aussitzen

Von daher drängt sich diese Deutung auf: Es stimmt wohl, dass der Markt noch keine Blase ausgebildet hat und nicht zur großen Übertreibung neigt (denn sonst würden die allermeisten Tech-Aktien derzeit nicht unter ihren einstigen Höchstständen notieren, sondern längst darüber, sie würden also neue Allzeithochs markieren). Allerdings sprechen auch einige Anzeichen dafür, dass der Aufstieg der Tech-Titel demnächst wirklich zu Ende gehen könnte. Vielleicht gerät sogar der Wirtschaftsaufschwung an sein Ende und es geht mit der Konjunktur bald wieder bergab.

Was heißt das nun für Anleger? Wer jüngst mit Einzelaktien im Technologiebereich große Gewinne eingefahren hat, sollte darüber nachdenken, sie jetzt zu realisieren und die Papiere zu verkaufen. Wer sich als zyklischer Investor begreift und frühzeitig auf die nächste Branche setzen will, der sollte zudem jetzt in Pharma- oder Lebensmittel- und Konsumaktien investieren, vielleicht sogar wirklich in die Bankenbranche. Denn sie werden klassischerweise die Profiteure der nächsten Konjunkturphase sein. Wer dagegen unschlüssig ist, ob der Abschwung wirklich schon droht und auf keinen Fall einen möglichen weiteren Anstieg der Tech-Aktien versäumen will - oder wer ohnehin auf breite Fondslösungen und ETFs setzt – der kann sich dagegen mit folgenden Fakten aus der Finanzbranche beruhigen:

Statistisch gesehen sind die Konjunkturausschläge zwar heftiger geworden, dafür aber auch kürzer. Das heißt: Wenn ein neuer Abschwung kommt, dann werden die Kurse zwar stark leiden, aber es wird verhältnismäßig schnell wieder bergauf gehen. Und da nicht nur Crashs unerwartet kommen, sondern auch viele Aufschwünge unvermittelt einsetzen, ist die Gefahr, den richtigen Moment für den Ein- und Ausstieg zu verpassen relativ groß. Daher rät die Finanzwissenschaft: Im Timing und zyklischen Investieren kann man sich probieren. Meist lautet aber die bessere Devise, ruhig bleiben und eventuelle Konjunkturdellen einfach aussitzen.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen. Mehr von Nadine Oberhuber: Bei Schwellenländern ist Ausdauer gefragt, ETF - Fluch oder Segen? und Das Geld liegt auf der Straße


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