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Zahlenmagie am Aktienmarkt

, Nadine Oberhuber

Seit Jahresbeginn geht es steil bergauf am deutschen Aktienmarkt. Sogar das Allzeithoch von 12.000 Punkten ist geknackt. Kann das ewig so weitergehen? Von Nadine Oberhuber

Blick durch eine Kamera auf die Kurse an der Börse in Frankfurt © Deutsche Börse
Blick durch eine Kamera auf die Kurse an der Börse in Frankfurt

Nun ist es nicht so, als wären deutsche Aktienanleger ängstlich gewesen in letzter Zeit. Im Gegenteil: Sie haben sich wieder etwas stärker an den Märkten engagiert und ihr Geld in Aktien und Fonds geschichtet. Rund neun Millionen Bundesbürger sind auf direktem Wege Aktionäre, weil sie Einzelaktien halten – oder auch auf indirektem Wege, weil sie in Fonds investieren. Und das Fondsvermögen wächst: Zuletzt schichteten die Anleger wieder rund 5 Mrd. Euro in Publikumsfonds. Insgesamt 1,9 Billionen Euro liegen inzwischen bei den Verwahrstellen. Das alles spricht dafür, dass deutsche Anleger an den weiteren Anstieg der Kurse glauben.

Doch als Superoptimisten kann sie dennoch nicht bezeichnen. Denn obwohl die Kurse steigen und steigen – und der Dax vergangene Woche endlich mit größerem Elan nicht nur auf die 12.000 Punkte zumarschierte, sondern auch locker über sie hinaus, werden schon wieder viele warnende Stimmen laut: Vorsicht, das wird das Ende der Fahnenstange sein! Dass die magische Marke von 12.000 Dax-Punkten geknackt ist, dient vielen als Alarmzeichen dafür, dass es nun bald wieder abwärts geht. Denn höher stand der Dax noch nie. Aber kann das wirklich ein Grund sein?

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Gut, manchmal gibt es Warnzeichen, die man nicht außer Acht lassen sollte: Schon eine längere Zeit konnte man dem Anstieg des Dax von Rekord zu Rekord zusehen, doch im Bereich von 11.900 Punkten trat er plötzlich eine Weile auf der Stelle. So als scheue er sich, die magische Marke von 12.000 wirklich zu durchbrechen. Dann aber war er in den ersten zweieinhalb Monaten des Jahres um gut 20 Prozent gestiegen. Und damit viel stärker als im Jahr zuvor, wo er nur um einen einstelligen Prozentsatz im Gesamtjahr zulegte. Das lange Zögern, der flotte Anstieg – das alles signalisiere nun, dass die Situation besonders sei. Vorsicht sei also geboten, zumal man nicht wisse, was der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi als nächstes tue und ob er den Aktienmarkt weiter mit seiner Lockerungspolitik anheizen werde. Der gesamte Bullenmarkt halte ja insgesamt schon sehr lange an, sechs Jahre nämlich und damit eine ungewöhnlich lange Zeit.

Sechs Jahre? Moment, werden aufmerksame Aktienmarktbeobachter nun denken: Es sind doch schon acht Jahre, die der derzeitige Aufschwung hält. Stimmt genau, die vorhergehende Warnung vorm Dax an der Schwelle zu 12.000 Punkten stammt nämlich aus dem Jahr 2015. Weil die Situation damals aber der heutigen so sehr ähnelt, sogar bis auf den Punktestand des Dax, sei die Warnung von damals hier auch zitiert. Sie belegt nämlich zweierlei: Erstens, dass die Bedenken der Anleger nicht ungewöhnlich sind. Sondern sie sind eher ganz normal. Man könnte sagen: Sie tauchen an bestimmten Stellen immer wieder auf. Zweitens kann man aus dem Rückblick lernen, wie man am besten mit dieser Situation der Unsicherheit umgehen kann.

Anleger orientieren sich an runden Zahlen

An welchen Stellen tauchen die Bedenken nun klassischerweise auf und warum sind sie völlig normal? Der auslösende Punkt dafür ist in diesem Fall die 12.000-Punkte-Marke. Es könnte aber genauso gut die 10.000er Marke sein oder die magische 8000, beide Dax-Stände lösten bereits in der Vergangenheit ähnlich große Anlegerfurcht und Kaufzurückhaltung bei den Börsianern aus. Das dauerhafte Überspringen der 8000er-Marke kostete den Aktienindex rückblickend drei große Anläufe und mehr als zehn Jahre. Das Entscheidende ist nämlich: Es ist eine runde Zahl und sie markiert zugleich noch ein Allzeithoch des deutschen Börsenindex.

Beides löst nun bei Anlegern Ängste aus, die Verhaltensökonomen so erklären: Der Mensch liebt gerade Zahlen und zwar ungleich mehr als krumme. Mit ihnen kann er leichter rechnen und er kann sich leichter vorstellen, welcher Wert hinter ihnen steckt. Deswegen hängt er so an ihnen. Obwohl es also ökonomisch und statistisch völlig irrational ist, überbewerten wir die runden Summen – und würden stets gerne an ihnen festhalten. Das ist auch der Grund, weswegen Börsenindizes oft lange um diese magischen Marken herum mäandern, ohne sie dauerhaft zu überspringen.

Markieren sie dann noch ein langjähriges Börsenhoch, so kommt noch der sogenannte All-Time-High-Bias hinzu: Dann rufen sich nämlich die Anleger ins Gedächtnis, dass ein Erklimmen dieses Punktestands bedeutet, dass man sich danach in bisher noch nie gekannte Höhen begeben würde. Genau das macht vielen Angst, Höhenangst sozusagen. Es ist die Furcht vor dem Unbekannten, das Gefühl, dass ein weiterer Anstieg über diesen langjährigen Rekord hinaus doch sehr unwahrscheinlich ist, gepaart mit der scheinbaren Gewissheit, dass es schließlich nicht ewig so weitergehen kann – nach oben. Es muss also ein Absturz folgen und wann, wenn nicht jetzt?

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Angst vor Verlusten

Dazu kommt noch eine zweite Sorge, die im Menschen übermäßig groß ist, wie die Verhaltensökonomie belegt: Es ist die Furcht vor Verlusten, der sogenannte Dispositionseffekt. Demnach ist jeder von uns bestrebt, zu behalten, was er bereits erlangt hat. Ob es nun der soziale Status sei, die Position im Job oder die Menge an Vermögen. Natürlich würden wir all das gerne mehren, doch viel wichtiger dabei ist, nichts davon zu verlieren. Deshalb bewerten wir mögliche – oder erfolgte – Verluste auch ungleich dramatischer als erfolgte Gewinne. Wer 10 Euro verliert, der empfindet die Enttäuschung über diesen Verlust als stark. Und als viel stärker als die Freude über den Gewinn von 100 Euro.

Beide Faktoren zusammen – die Angst vor dem Allzeithoch und die Furcht vor dem Absturz danach – sind nun die Begründung dafür, dass Aktienindizes so lange vor magischen Marken haltmachen und nur so schwer dauerhaft über sie hinweg springen. Oft genug folgt nämlich auf das Erreichen einer solchen Marke tatsächlich erst einmal ein Einbruch. Aber nicht, weil der Markt danach wirklich begänne zu schwächeln, sondern nur, weil viele Aktionäre die Angstzustände nicht aushalten, sondern hektisch den Markt verlassen. Weil sie versuchen, ihre bisherigen Zugewinne zu sichern.

Natürlich entbehrt dieses Denken rational jeder Grundlage. Denn warum sollte ein veritabler Börsen- und Wirtschaftseinbruch erfolgen, nur weil eine bestimmte fünfstellige Zahlenkombination erreicht ist? Und warum sollte ein einmal erreichtes Hoch das Ende des weiteren Aufstiegs markieren? All das fürchtet der Mensch vermutlich nur, weil er die Börse mit einem Sportler vergleicht. Beim Hundertmeterlauf fragt sich ja auch jeder: Ist es künftig überhaupt noch möglich, neue Weltrekorde aufzustellen? Ja ist es menschlich machbar, die bisherige Zeit von unter zehn Sekunden nennenswert zu unterbieten? Woher soll der Körper die Kraft dazu nehmen? Er scheint doch physiologisch irgendwo limitiert. Aber ist es der Aktienmarkt auch? Der Blick zurück belegt eher das Gegenteil. Wann immer ein großer Aktienindex ein Allzeithoch erklomm .... ein paar Jahre später nahm er bereits das nächste in Angriff.

Nun heißt das natürlich nicht, dass es tatsächlich ewig so weitergeht. Und es ist auch nur so lange möglich, wie die Unternehmen und Länder, die hinter einem Index stecken, auch weiterhin wachsen und sich gut entwickeln. Solange dem aber so ist, drücken es manche Marktbeobachter so aus: „Wenn ich an Wachstum glaube, muss ich auch an höhere Kurse glauben.“

Angst ist ansteckend

Zahlt sich das aus? Blicken wir noch einmal zurück aufs Jahr 2015 und auf das, was nach dem Durchbrechen der 12.000-Punkte-Marke geschah. Die Tatsache, dass wir sie erst jetzt nennenswert durchstoßen haben, verdeutlicht bereits, dass nach dem rasanten Anstieg im Frühjahr tatsächlich plötzlich die Gegenbewegung folgte. Der Dax sackte zurück auf die 10.000 Punkte, später ruckelte er sich noch etwas tiefer bei 9500 Punkten zurecht. Dass es so schnell ging, ist aus Ökonomensicht leicht erklärbar: Denn wenn Anleger Angst bekommen, dann verbreitet sich diese Angst geschwind und alle stecken sich quasi gegenseitig an. Deshalb sacken die Kurse dann rasch ab. Es war jedoch kein fundamental gerechtfertigter Absturz und auch kein langjähriger Abschwung. Es war bloß die Folge davon, dass viele Anleger den Markt verließen, weil ihre Höhenangst die Oberhand gewann. Aus heutiger Sicht sieht die Bilanz daher so aus: Wer im März 2015 noch nennenswerte Einmalsummen am Markt investierte und sie nur bis Februar 2016 hielt, der verlor tatsächlich rund 17 Prozent und erlebte einen herben Verlust.

Vermutlich wird er lange gewartet haben, bis er wieder in den Markt einstieg – wenn er es überhaupt schon wieder gewagt hat. Wer dagegen im März 2015 einstieg und seine Papiere bis heute hält, der schaffte es immerhin im Februar diesen Jahres, seine Verluste wieder auszugleichen und kam auf eine Wertentwicklung von Null innerhalb von zwei Jahren. Seitdem aber gewann der Dax schon 600 Punkte hinzu, also immerhin rund fünf Prozent gemessen am Einstiegskurs. Und ganz anders sieht die Sache für diejenigen aus, die sich bereits ein paar Wochen früher in den Markt wagten, nämlich Ende 2014. Sie kommen heute auf ein Plus von 13 Prozent – und erstmal geht es weiter bergauf. Das alles zeigt, wie entscheidend ein paar Tage oder Wochen mehr oder weniger sein können.

Was Verhaltensökonomen daraus ableiten: Anleger sollten sich von ein paar runden Zahlen nicht verrückt machen lassen. Erst recht nicht, wenn der Index gerade einen Gipfel erklommen hat und beginnt, ungeahnte Höhenluft zu schnuppern. Im Gegenteil – das Erreichen eines Allzeithochs gilt sogar als bester Punkt für den Einstieg, sagen Chartanalysten. Denn es zeigt, dass ein Aufwärtstrend intakt ist, der sich vermutlich noch längere Zeit fortsetzen wird. Daran ändert letztlich auch ein späteres Einknicken nichts, jedenfalls sofern man breit gestreut auf einen Index setzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass danach für viele Jahre nicht mehr aufwärts geht, ist verschwindend gering. Die Wahrscheinlichkeit aber, den richtigen Zeitpunkt für den neuen Aufschwung zu verpassen, ist dagegen groß.

Einfach Dabeibleiben

Daher spricht vieles dafür, einfach den neuen Höchststand und die damit verbundene Angst auszuhalten. Natürlich könnte man auch Stoppkurse setzen, um die jetzt erzielten Gewinne damit zu realisieren. (Dann aber bitte keine runden Marken wählen, wie es sehr viele Anleger tun, weshalb sich gerade bei diesen runden Marken die automatischen Verkaufsorders exorbitant erhöhen.) Aber wann ist danach der richtige Zeitpunkt für den Wiedereinstieg? Ökonomen raten aber eher zur Taktik: einfach Dabeibleiben.

Beim Blick auf die vergangenen drei Jahre wäre der Februar 2016 der optimale Zeitpunkt gewesen, wieder in den Dax einzusteigen. Kurz vor der 9000-Punkte Marke. Hat das einer der Analysten vorhergesehen? Danach jedenfalls nahm der Index ziemlich zügig die 10.000 Punkte in Angriff, um die herum er ein knappes halbes Jahr schwankte und seit Ende November vergangenen Jahres gibt es nun kein Halten mehr. Der Kurs schnellte vom Jahresende in nur zwölf Wochen von 10.500 auf 12.200. Das ist ein Plus von 16 Prozent. Das hätte vor zwei Jahren auch noch keiner gedacht.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 



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