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Lieber Daimler als Amazon?

, von Christian Kirchner

Auf der Suche nach Aktien für die nächsten zehn Jahre sind Technologieprognosen ein schlechter Ratgeber - selbst wenn sie stimmen. Von Christian Kirchner

Christian Kirchner © Gene Glover
Christian Kirchner

Wer sich auch nur gelegentlich mit der Aktienanlage beschäftigt, wird sich in den vergangenen Monaten vermutlich mehr als einmal gefragt haben: sollte ich mir nicht auch ein paar Amazon-Aktien ins Depot legen? Schließlich dringt der Online-Händler in immer mehr Geschäftsbereiche ein. Auch die wachsende Marktmacht von Google und Facebook macht deren immer höher kletternden Aktien intuitiv interessant für alle Anleger, die mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Vor zwei Wochen hat Capital vorgerechnet, dass die großen Technologieaktien keineswegs so überbewertet sind wie die Favoriten kurz vor Platzen der Internetblase an den Börsen Anfang 2000. Die Tech-Stars von heute erwirtschaften hohe Cashflows und sitzen auf immensen Barreserven.

Aber reicht das auch alles, um in den kommenden zehn Jahren besser abzuschneiden als eine simple Indexanlage etwa in den MSCI World Index? Ich vermute nein, denn auch an der Börse zählt am Ende nur der Abgleich zwischen den Erwartungen und der Realität. Es ist durchaus möglich, dass Anleger richtig liegen mit ihrer Einschätzung eines säkularen Trends in der Wirtschaft: etwa, dass Amazon, Google und Facebook ihre Marktmacht immer weiter ausbauen, immer aggressiver in andere Geschäftsbereiche eindringen und die Umsätze anderer Firmen zertrümmern. Ob das allerdings auch mit überdurchschnittlich stark steigenden Kursen einhergeht, ist eine andere Frage.

Wer auf Megatrends setzte, hat verloren

Blicken wir dazu einmal zurück auf die großen Megatrends der Nuller Jahre kurz vor Beginn der Finanzkrise, deren spürbare Vorbeben sich im August zum zehnten Mal jähren. Ich habe einmal aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, welche großen Megatrends seinerzeit, im Sommer 2007, eine vielversprechende Langfristanlage am Aktienmarkt sein sollten: Rohstoffe, Bric-Staaten, Infrastruktur, erneuerbare Energien, Wasser, Klimawandel, Nachhaltigkeit und Schwellenländer generell fielen mir spontan ein.

Bei allen Megatrends war die grundsätzliche Diagnose richtig: die Bedeutung der Schwellenländer allgemein und der vier Bric-Staaten im Besonderen für die Weltwirtschaft ist über die vergangenen zehn Jahre tatsächlich gewachsen. Schwellenländer erwirtschafteten damals rund 50 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts, heute sind es 60 Prozent und rund drei Viertel des Wachstums. Die Bric-Staaten sind erheblich schneller gewachsen als die Industrieländer, sowohl demografisch als auch wirtschaftlich. Die globalen Infrastrukturausgaben sind stark gestiegen, vor allem in China. Der Rohstoffverbrauch stieg. Die Bedeutung alternativer Energien hat dramatisch zugenommen, was sich nicht zuletzt im Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland und der wachsenden Bedeutung von E-Autos manifestierte. Der Wasserbedarf ist global auch demografisch bedingt gestiegen. Der Klimawandel ist messbar da.

Doch was hat diese Weitsicht Anlegern gebracht? Das zeigt ein Vergleich der Zehnjahresrenditen des jeweiligen Themenindizes des Indexanbieters MSCIs und des simplen globalen Aktienindex MCI World, jeweils fair in US-Dollar und inklusive Dividenden: der MSCI Global Climate-Index der Klimawandel-Profiteure schnitt einen Prozentpunkt pro Jahr schlechter ab als der MSCI World. Der MSCI Infrastructure hinkte 1,5 Prozentpunkte pro Jahr hinterher, der MSCI für Schwellenländeraktien 2,5 Prozentpunkte pro Jahr, der MSCI Bric-Index 3,4 Prozentpunkte pro Jahr. Der MSCI Commodity Producers war 6,6 Prozentpunkte pro Jahr schlechter und der MSCI Global Alternative Energies hinkte sogar 10,1 Prozentpunkte pro Jahr hinterher.

Beim Megatrend „Wasser“ gibt es zwar keinen MSCI-Index, der S&P Global Water Index liefert aber Hinweise, er schnitt auch 1,8 Prozentpunkte pro Jahr schlechter ab als der MSCI World. Allein der MSCI-Index für nachhaltige Investments schob sich – er wurde erst im September 2007 aufgelegt – um 0,3 Prozentpunkte pro Jahr vor den MSCI World. 

Anleger überschätzen Gewinnbeiträge neuer Technologien

Das mag teils vernachlässigbar klingen, ist es aber nicht. Wenn Sie Mitte 2007 10.000 Euro in einem MSCI-Bric-Index gesteckt hätten, beträgt Ihr Vermögen heute nach starken Schwankungen rund 11.500 Euro vor Steuern und Gebühren. Mit einer simplen MSCI-World-Indexanlage hätten Sie heute rund 15.700 Euro. Damit fiel der Zugewinn fast viermal höher aus, und das Ganze bei geringeren Schwankungen und Zwischenverlusten.

Das ist natürlich kein Zufall: Mitte 2007, der Dax erreichte seinerzeit noch einmal ein Rekordhoch, war die Stimmung schlicht zu optimistisch für genau jene Trends. Die entsprechenden Aktien waren, mit wenigen Ausnahmen bei den Aktien regenerativer Energieproduzenten, keineswegs blasenhaft aufgepumpt. Aber eben auch so hoch bewertet, dass sie auf Sicht von zehn Jahren dem Gesamtmarkt gemessen am MSCI World (auch wenn der seine Schwächen hat mit der hohen US-Gewichtung) nicht folgen konnten. 

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf jene Branchen, welche noch einige Jahre vor der Finanzkrise eine echte Blase ausgebildet hatten: die Technologie-, Medien- und Biotechaktien. Der MSCI IT-Index schlug den MSCI World über die vergangenen zehn Jahre um 3,9 Prozentpunkte pro Jahr, der MSCI Media schlug ihn um 4,1 Prozentpunkte pro Jahr und der MSCI World Pharma/Biotech-Index um 4,4 Prozentpunkte pro Jahr. Auch das ist wenig überraschend: Mit den meist tief gefallenen Verlierern der Vergangenheit wollten Anleger lieber nichts zu tun haben – und das ist keineswegs eine Ausnahme: Anleger neigen dazu, die Gewinnbeiträge neuer Technologien zu überschätzen und die alter Industrien und Unternehmen zu unterschätzen, wie Langfriststudien der Credit Suisse ergeben haben. Das simpelste Beispiel: obwohl der Zug als Verkehrsmittel immer weiter ins Hintertreffen geraten ist und vom Auto und dem Flugzeug beinahe in die Bedeutungslosigkeit gedrängt worden sind, haben US-Eisenbahnaktien den Gesamtmarkt seit dem Jahr 1900 deutlich geschlagen.

Natürlich kann all das nur eine Annäherung sein an die Frage, wie es mit den großen Technologiewerten weiter geht. Aber wer nun nach nunmehr acht Jahren Bullenmarkt noch auf der Suche nach Einzelwerten ist anstelle einer breit diversifizierten Anlage, wird auf Sicht von zehn Jahren vermutlich besser mit jenen Branchen fahren, die als abgeschrieben gelten: Banken, Automobile oder stationäre Einzelhändler wären Beispiele dafür. Und Amazon und Co. kann man sich womöglich dann in fünf Jahren noch einmal anschauen.


Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


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