5 Minuten Geldanlage„Keine Hektik, wenn der Zins nach oben dreht“


Anja Welz ist Vorstand der Laureus AG Privat Finanz. Welz ist Finanzökonomin und Finanzplanerin. Laureus ist ein Tochterunternehmen der Sparda-Bank West, einer der größten Genossenschaftsbanken Deutschlands
Anja Welz ist Vorstand der Laureus AG Privat Finanz. Welz ist Finanzökonomin und Finanzplanerin. Laureus ist ein Tochterunternehmen der Sparda-Bank West, einer der größten Genossenschaftsbanken Deutschlands



Capital: Frau Welz, trotz des jüngsten Anstiegs der Hypothekenzinsen ist das Interesse am Kauf eines Eigenheims ungebrochen. Werden die Risiken, die ein solcher Zinsanstieg mit sich bringt, unterschätzt?

Anja Welz: Zunächst einmal bietet das niedrige Zinsniveau durchaus Chancen, denn es ermöglicht  den Käufern ein größeres Finanzierungsvolumen zu stemmen und eröffnet damit die Möglichkeit, Immobilien einer Preiskategorie zu erwerben, die man sich früher nicht leisten konnte. Hierin stecken jedoch auch gleich zwei wesentliche Risiken: Zum einen hat das Zinsniveau zu einem deutlichen Preisanstieg geführt. Im Umkehrschluss ist damit zu rechnen, dass die Immobilienpreise bei wieder steigenden Zinsen nachgeben werden.

Das alleine wäre nicht so tragisch, da die niedrigeren Finanzierungskosten diesen potenziellen Wertverlust kompensieren würden. Wenn jedoch die Zinsfestschreibung ausläuft, die Käufer dann die gestiegenen Kosten nicht mehr tragen können und zum Verkauf gezwungen sind, dann drohen Verluste.

Für wen könnte denn ein Kauf jetzt besonders gefährlich sein?

Zunächst einmal für alle, die sich durch die niedrigen Zinsen und Annuitäten blenden lassen. Besonders gilt das aber für sogenannte ”Schwellenhaushalte”, die die Finanzierung gerade so stemmen können. Viele verkennen, dass sich die Gesamtlaufzeit bei beispielsweise zwei Prozent Tilgung in der Niedrigzinsphase ebenfalls verlängert. Bei vier Prozent Zinsen plus zwei Prozent Tilgung hätte sie 27 Jahre und acht Monate betragen, bei heute 1,7 Prozent Zinsen beträgt die Laufzeit des Darlehens 36 Jahre und vier Monate.

Es ist also empfehlenswert, die durch die niedrigen Zinsen ersparten Kosten zum einen in die Tilgung zu investieren, zum anderen in eine möglichst langfristige Zinssicherung. Je enger das verfügbare Einkommen, desto so ratsamer ist dieser Schritt.

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An der Miete orientieren

Wie stark belastet ein Zinsanstieg die Rückzahlung des Darlehens?

Nehmen wir einmal ein Darlehen in Höhe von 300.000 Euro an. Bei einem Zins von beispielsweise aktuell 1,7 Prozent für eine Festzinsdauer von zehn Jahren und einer  Gesamtlaufzeit von 30 Jahren beträgt die monatliche Rate 1064,40 Euro. Steigt also später der Zins zum Beispiel auf vier Prozent, so erhöht sich die Rate auf 1432,25 Euro pro Monat. Das sind 367,85 Euro Mehrbelastung pro Monat, also 4414,20 Euro im Jahr beziehungsweise 44.142 Euro in zehn Jahren.

Wie viel Prozent des Einkommens sollte man für die Finanzierung aufwenden und wie groß sollte der Puffer sein? 

Das hängt ganz von den individuellen Wünschen ab, die man sich neben dem Wohntraum erfüllen möchte. Während manch einer bereit ist, für sein Traumhaus den Großteil des Einkommens aufzuwenden, so ist es anderen wichtig, sich weiterhin Urlaube, Autos und andere Wünsche erfüllen zu können. Wer hier auf der sicheren Seite sein möchte, der sollte sich an seiner bisherigen Miete orientieren, die er auch bisher bequem zahlen konnte. Dabei sollte man jedoch auch berücksichtigen, dass bei Wohneigentum zusätzlich Instandhaltungsrücklagen anfallen – und man sollte auch ausreichend Nebenkosten einkalkulieren.

Bei aller Vorsicht, die jetzt geboten scheint, ist das Zinsniveau weiterhin extrem niedrig. Zwar stieg der Bestzins für 10-jährige Hypothekendarlehen in den ersten beiden Juniwochen auf 1,3 Prozent. Ende Dezember vergangenen Jahres lag er aber noch bei knapp 1,4 Prozent, die Werte aus dem Vorjahr wurden also noch gar nicht erreicht. Was würden Sie Häuslebauern und Wohnungsbesitzern in spe abschließend raten?

Allen, die das günstige Zinsniveau für den Weg zum Eigenheim nutzen wollen, rate ich, nicht in Hektik zu verfallen, wenn der Zins in ersten kleinen Schritten nach oben dreht. Die Zinsen werden voraussichtlich noch eine ganze Weile niedrig bleiben. Man sollte sich also ausreichend Zeit nehmen, das wirklich passende Objekt zu suchen. Ist dieses dann gefunden, so ist es empfehlenswert, die Finanzierung bis zum Ende der Laufzeit durchzuplanen. Hierbei sind nicht nur Zinssteigerungen einzukalkulieren, sondern auch mögliche Veränderungen in der Lebens- und Familienplanung.