Stabilität hat seinen Preis. Während die Wohnimmobilienpreise in Deutschland im europäischen Vergleich zu den wertstabilsten gehören, läuft die Bundesrepublik in Punkte Wohnungsneubau hinterher. Laut einer aktuellen Analyse der Landesbausparkassen (LBS) belegt Deutschland im sechsten Jahr in Folge in Europa den letzten Tabellenplatz.
Das Researchteam der LBS auf Basis der aktuellen Bauprognose von Euroconstruct ermittelte, entstehen im laufenden Jahr beim neuen Spitzenreiter Schweiz mit 6,3 Einheiten pro 1.000 Einwohner fast viermal so viele Wohnungen wie in Deutschland - hierzulande sind es gerade einmal 1,7. 1996 lag Deutschland mit 6,8 Fertigstellungen pro 1.000 Einwohner unmittelbar hinter Irland (9,5 pro 1.000 Einwohner) auf Platz 2 der europäischen Neubau-Tabelle. Seitdem ist laut LBS hierzulande die Bautätigkeit auf weniger als ein Drittel geschrumpft. In anderen Ländern dagegen kam es über viele Jahre zu einem echten Boom.
Bei den Neubauten in Deutschland scheint aber der Abwärtstrend gestoppt zu sein. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, gab es 2009 einen Zuwachs an Baugenehmigungen für Wohnungen gegenüber dem Vorjahr. Das ist das erste Mal seit 2006. Den Angaben von Destatis zufolge wurde der Bau von 178.000 Wohnungen genehmigt. Ein Zuwachs von 3.300 Einheiten.
Damit ist im Wohnungsbau die Minusserie vorerst beendet. Vor diesem erstmals wieder positiven Ergebnis hatte es deutliche Rückgänge im Jahr 2007 (-26,2 Prozent) und im Jahr 2008 (- 4,4 Prozent) im Vergleich zum jeweiligen Vorjahr gegeben.
Für die LBS ist aber der europäsische Vergleich ein Belegt dafür, dass es ein "vorhandenes Defizite im deutschen Neubau" gebe. Vor allem der Blick auf die direkten Nachbarn mache deutlich, wie ungewöhnlich die hiesige Situation ist. So weisen fast alle Anrainerstaaten eine mehr als doppelt so hohe Neubauintensität auf.
Als weiteren Beleg führt die LBS eine Umfrage von Anfang 2009 unter den führenden deutschen Wohnungsmarktforschungsinstituten: Ergebnis: Es gibt eine erhebliche Lücke zwischen Neubau und Bedarf. Zudem erwarteten die Expertenmehrheit auch langfristig - bis zum Jahre 2025 - einen jährlichen Neubaubedarf in der Größenordnung bis zu 350.000 Wohneinheiten in Deutschland.
Dagegen sieht Tobias Just, Immobilienexperte der Research-Abteilung der Deutschen Bank, offensichtlich keine flächendeckende Wohnungsknappheit in Deutschland. Laut Just seien die Marktsignale eindeutig: "Die Wohnungspreise sind in den meisten Städten und Gemeinden seit Jahren stabil, die Wohnungsmieten in Deutschland steigen langsamer als die allgemeinen Konsumentenpreise", schreibt Just in einem aktuellen Kommentar. Hinzu käme, dass die Wohnungsleerstände in Westdeutschland in den letzten Jahren sogar leicht zulegt hätten. Just begründet zudem, dass die Zahl der Haushalte nicht mehr so schnell zunähme wie in den 90er Jahren.
Im Gegenteil: Seit 2003 sinkt die Zahl der Einwohner. Dass die Zahl der Haushalte noch steigt, läge allein an dem anhaltenden Trend zu kleineren Haushalten. Zudem hält der Experte den Neubaubedarf von bis zu 350.000 Einheiten als viel zu hoch: "In vielen Köpfen geistert die Zahl 400.000 als Richtgröße für den jährlichen Wohnungsneubau herum. Dies basiert auf der Annahme, dass wir jedes Jahr etwa einen Prozent des Wohnungsbestands ersetzen müssen", so Just.
Tatsächlich gehen jedes Jahr deutlich weniger als die zuvor genannten 400.000 Wohneinheiten vom Markt ab: "Die offizielle Statistik weist für die letzten Jahre einen Wohnungsabgang von nicht einmal 60.000 Einheiten pro Jahr aus - zwei Drittel hiervon entfallen auf die neuen Länder", schreibt Just. Zudem folge die geringe Bautätigkeit derzeit einer Phase mit sehr hohen Fertigstellungszahlen. Insbesondere in Ostdeutschland entstand in den 1990er Jahren viel mehr Wohnraum als der Markt absorbieren konnte, begründet Just weiter.








