New York erlebt ein Revival der Hotelbars.
New York erlebt ein Revival der Hotelbars.
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Investor-Artikel

Nachtleben

Bed & Ballroom in New York

Wer beruflich in New York zu tun hat, darf abends guten Gewissens in der Hotelbar versacken: Nirgendwo rockt das Nachtleben der Stadt intensiver als in den Lounges einiger Hotels.

Man muss sich entscheiden: Das Empire State Building im Norden oder lieber die schimmernde Skyline New Jerseys im Westen? Oder doch die gerade noch zu erkennende Freiheitsstatue im Süden? Atemberaubende Ausblicke gibt es in der Penthousebar des Standard Hotel in allen Himmelsrichtungen. Und obendrein eine Szenerie, die den sorglosen Sexappeal der 70er mit dem Retroglamour der 50er paart: Cremefarbene Ledersofas schlängeln sich die Fensterfassade entlang, rechts und links gibt es Sitzecken mit lodernden Kaminen. Mitten im Raum sprießt eine Säule fontänenartig unter die hohe Decke. Opulente Lüster verströmen warmes Licht, lächelnde Kellnerinnen in Satinminikleidchen gleiten mit Tabletts über den roten Teppich. Es ist Donnerstagabend, sieben Uhr. Gerade noch rechtzeitig, um im Boom Boom Room einen Platz zu bekommen.



Die seit Herbst geöffnete Bar im 18. Stock des bauhausartigen Wolkenkratzers direkt am Hudson River ist derzeit Hotspot Nummer eins in Manhattans Nachtleben. Bis neun Uhr darf hier jeder rein. Ab zehn nur noch, wer auf der Liste steht. Und über die wacht Besitzer und Hotelfürst André Balazs höchstpersönlich. Modedesigner Calvin Klein feierte hier zur letzten Fashion Week die aktuelle Kollektion, der Künstler Takashi Murakami feierte in der Penthousebar seine letzte Ausstellungseröffnung, und Promis wie Jude Law, Jon Bon Jovi und Madonna zählen zum Stammpublikum.

Das Standard ist nicht allein. Hotels sind die neuen Stars der New Yorker Ausgehlandschaft; schon lange wird hier nicht mehr nur geschlafen - es wird gefeiert. "Hotelbars sind angesagter denn je, und das nicht nur bei Hotelgästen", sagt Zachary Sharaga. "75 Prozent unserer Kunden sind New Yorker." Sharaga ist Barmanager im gerade eröffneten Crosby Street Hotel, das zur Londoner Firmdale-Gruppe gehört. Im Crosby sitzen die Gäste auf bunt gestreiften Sofas vor schrulligen Kunstwerken und können in der Getränkekarte unter 32 Cocktails, 20 offenen Champagner- und 80 Weinsorten wählen. "Bars sind zum Aushängeschild für Hotels geworden", sagt Sharaga, "und die Gäste lieben es, im gleichen Lokal wie die Einheimischen zu sitzen. So erleben sie die Stadt viel authentischer."

Natürlich war New York immer schon ein gutes Pflaster für besondere Hotelbars. Häuser wie das Carlyle, das Waldorf und das Plaza schmückten sich schon vor Jahrzehnten mit Bars wie dem Bemelmans und dem Oak Room. Dann kam lange nichts. Bis neue Boutiquehotels wie das Royalton, 60 Thompson und Gramercy Park Hotel mit ihren Bars die Leute anlockten. Mittlerweile wagt sich kaum ein neuer Beherbergungsbetrieb ohne durchgestylte Bar an die Öffentlichkeit.

"Wir erleben zur Zeit ein absolutes Revival", sagt Alex Calderwood, Mitgründer des Anfang des Jahres in Manhattan eröffneten Ace Hotel. Hier nimmt die Lounge die komplette Lobby ein; vom Hotel selbst ist erstmal gar nichts zu sehen. Die loftartige, schummrig beleuchtete Halle mit riesigen Säulen ist durchdrungen vom Stimmengewirr der plaudernden Gäste. Über dem Tresen hängt eine gigantische Vintage-US-Flagge, überall stehen Sofas und massive Holzmöbel. Elitäre, coole Nachtklubs seien doch heute passé, findet Calderwood. "Die Leute sehnen sich wieder nach privater Atmosphäre."

Die Aussicht ist die große Stärke

Für die meisten Hotels sind Bars mittlerweile auch ein wichtiges Element im Businessplan: Sie bringen Geld, lukrative Events und kostenlose Publicity. Selbst Häuser von der alten Garde rüsten deshalb nach. Wie das Hotel on Rivington in der Lower East Side, das gerade die CV Lounge eröffnet hat. Und das Gansevoort Hotel im Meatpacking District, das fürs Erdgeschoss die Provocateur Bar plant.

"Die meisten Hotspots in New York geraten schnell wieder in Vergessenheit", sagt Sean MacPherson, Mitbesitzer des neuen Jane Hotel. "Hotelbars hingegen haftet etwas Dauerhaftes an." Beim Jane handelt es sich um ein ehemaliges Seemannsheim im West Village, das MacPherson und sein Geschäftspartner zu einem Edelhotel aufgemöbelt haben. Mittelpunkt ist die Ballroom-Bar. "Weil die Zimmer so klein sind, ist der Ballroom unser Wohnzimmer. Nicht nur für Gäste, auch für Freunde, Nachbarn und New Yorker." Zur Atmosphäre tragen verschlissene Perserteppiche bei, Samtvorhänge, Ledersofas, Sessel aus Zebrafell und ein ausgestopfter Schafsbock, der über dem Kamin auf Augenhöhe mit einer riesigen Discokugel hängt. Letztere hat MacPherson extra aus L.A. einfliegen lassen. Es ist eine Melange aus exotischen Fundstücken mit dem Alte-Welt-Charme der britischen Kolonialzeit. Der Andrang in den letzten Monaten war so groß, dass ein paar lärmbelästigte Nachbarn sogar kurzzeitig die Schließung erwirkten; in Kürze wird der Ballroom aber wieder eröffnen. Für den Sommer ist sogar eine Rooftop-Bar angepeilt - mit Blick auf den Hudson River.

Ohnehin ist die Aussicht die größte Stärke der meisten Hotels. Sie können mit ihren Bars höher hinaus als alle anderen - so wie das Boom Boom Room im 18. Stock. Denn wo sonst kann man selbst von der Toilette aus das Empire State Building bewundern?


15.01.2010
von Nadine Sieger, New York

Quelle: ftd
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