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Capital-Kunstkompass 2007

Die 100 Umtriebigsten

Zum zweiten Mal präsentiert Capital das 2006 eingeführte Ruhmesbarometer der Umtriebigsten. Wer schaffte den Neueinstieg? Wer gehört zu den aussichtsreichsten Künstlern der vergangenen Monate? Das aktuelle Ranking verrät spannende Neuigkeiten.

Von null auf Platz zwei: Das muss man Dan Perjovschi erst einmal nachmachen. Mit respektlos hingekritzelten Filzstiftzeichnungen, aufmüpfigen Texten zur Tagespolitik und den heißesten News aus der Glamourwelt erobert der Rumäne die Kunstwelt. Im diesjährigen Ranking der Jahressieger katapultierte er sich mit 8550 Ruhmespunkten in eine Spitzenposition, gleich hinter dem großen Amerikaner Bruce Nauman (Rang eins) und vor den deutschen Marktkonstanten Sigmar Polke und Gerhard Richter (Platz drei und vier). Furore machte der Schnellzeichner erstmalig 1999 mit seinem raumgreifenden Beitrag „eEST“ im rumänischen Pavillon der Venedig-Biennale. In Windeseile übersäte er den Boden mit Kritzeleien und Zeichnungen, die den Dialog von Ost- und Westkunst kritisch kommentierten.



Im Gegensatz zu anderen international erfolgreichen Shootingstars, wie zum Beispiel der letztjährigen Siegerin, der Iranerin Shirin Neshat mit Wohnsitz in New York, ist Perjovschi seiner Heimat treu geblieben. Statt nach London oder Berlin auszuwandern, lebt und arbeitet der 46-Jährige nach wie vor in Bukarest. Sein Geld verdient er als Mitherausgeber, Zeichner und Kolumnist für das rumänische Oppositionsblatt „22“, das 1991 nach dem Sturz von Nicolae Ceausescu gegründet wurde. Dennoch: Prestigeträchtige Biennalen in Sevilla oder Moskau reißen sich um die scheinbar kindlichen Strichmännchen und Texte mit explosivem gesellschaftskritischem Potenzial des Enfant terrible. In diesen Monaten empfängt er eine der höchsten Weihen der Kunstwelt: Das Museum of Modern Art in New York führt noch bis zum 27. August seine ebenso sarkastischen wie humorvollen Stricheleien vor.

Künstlerisches Futter holt sich Perjovschi aus Boulevardzeitungen und Gesprächen mit Kunstfreunden während der Ausstellungen, die er ausdrücklich als Teil seiner performativen Arbeit sieht. Respektierte Kunstbühnen wie das Kölner Museum Ludwig vor zwei Jahren, aber auch Alternativplätze laden den Quergeist mit gesellschaftskritischem Zündstoff im Tornister ein. Sein Gepäck ist federleicht: Filzstifte und jede Menge Neugier auf anregende Diskussionen mit Kunstfreunden, die er in humorvolle, aber beißende Gespräche verwickelt. Anschließend fixiert er die Resultate auf den blanken Museumswänden. Seine Zeichnungen kommentieren Klatsch und Tratsch genauso unbefangen wie Aktientipps. „Es macht mir Riesenspaß, mit den unterschiedlichsten Leuten über die unterschiedlichsten Themen zu diskutieren, die Ergebnisse auf weiße Wände zu zeichnen und damit Territorien zu besetzen. Ich könnte alles zur Kunst machen. Deshalb: Vorsicht!“, gesteht der Zeichner und Politkünstler.

Auch der Chinese Ai Weiwei (Platz 73), international gefragter Konzeptkünstler mit Wohnsitz in Peking, würzt seine ebenso ästhetische wie reflektierte Objektkunst mit humorvollen, kritischen Anspielungen auf chinesische Historie und Zeitgeschichte. Der Promotor und Spiritus Rector der chinesischen Kunstflut, die in den vergangenen Monaten in zahlreichen Gruppenausstellungen im In- und Ausland bejubelt wurde, pflegt einen erweiterten Kunstbegriff. Das Allroundtalent ist auch als Architekt gefragt: Gemeinsam mit den Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entwarf er das Nationalstadion für die Olympischen Spiele 2008 in Peking.

Ai wird von jüngeren chinesischen Künstlern als Vaterfigur, als asiatischer Marcel Duchamp verehrt. Er gehört zu den wenigen Künstlern, deren Einladung zur Kasseler Documenta durchsickerte. Was steuert Ai, der Tausendsassa, zur Documenta 12 bei? Der 50-jährige Guru hat 1001 Chinesen jeder Couleur – Hausfrauen, Bauern, Fischer, Kunstliebhaber, Gärtner und Polizisten aus allen Städten und Dörfern seiner Heimat zu einem Kulturtrip nach Kassel eingeladen. Sein Kommentar: „China ist für den Westen immer noch so etwas wie ein anderer Planet und auch bei uns wird nicht wirklich verstanden, was im Westen passiert.“ Das ungewöhnliche Ost- West-Projekt wird etwa drei Millionen Euro kosten, deren Finanzierung aber bereits durch zwei private Schweizer Stiftungen gesichert ist. Der Meister selbst wird in Kassel als Friseur und Koch antreten: „Ich werde meinen Landsleuten die Haare schneiden und sie bekochen.“

Langsam expandiert die Kunstwelt: Aus Ostkunst wird Weltkunst

Der Brite Damien Hirst gehört zu den Senkrechtstartern unter den Umtriebigen und ist auf Position fünf gelandet. Der zynische Provokateur, der Sammler wie Charles Saatchi mit eingelegten Tierhälften euphorisch stimmte, hat sich mittler weile anderen, einträglichen Dingen zugewandt: Er zeigt seine umfangreiche Kunstsammlung in respektierten Häusern wie der Londoner Serpentine-Gallery. Derzeit baut er in London in Toddington Manor sein eigenes Museum. Darüber hinaus gilt Hirst als gewiefter, erfolgreicher Geschäftsmann mit einem geschätzten Vermögen von 150 Millionen Euro. Der Hai. sch- Konservierer und Maler banaler Punkte und Schmetterlinge sieht die Allianz von Kunst und Kapital pragmatisch: „Je mehr Geld man hat, desto einfacher wird das Leben.“

 
 

14.06.2007
von Linde Rohr-Bongard

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