Von null auf Platz zwei: Das muss man Dan Perjovschi erst einmal nachmachen. Mit respektlos hingekritzelten Filzstiftzeichnungen, aufmüpfigen Texten zur Tagespolitik und den heißesten News aus der Glamourwelt erobert der Rumäne die Kunstwelt. Im diesjährigen Ranking der Jahressieger katapultierte er sich mit 8550 Ruhmespunkten in eine Spitzenposition, gleich hinter dem großen Amerikaner Bruce Nauman (Rang eins) und vor den deutschen Marktkonstanten Sigmar Polke und Gerhard Richter (Platz drei und vier). Furore machte der Schnellzeichner erstmalig 1999 mit seinem raumgreifenden Beitrag „eEST“ im rumänischen Pavillon der Venedig-Biennale. In Windeseile übersäte er den Boden mit Kritzeleien und Zeichnungen, die den Dialog von Ost- und Westkunst kritisch kommentierten.
Im Gegensatz zu anderen international erfolgreichen Shootingstars,
wie zum Beispiel der letztjährigen Siegerin, der Iranerin
Shirin Neshat mit Wohnsitz in New York, ist Perjovschi
seiner Heimat treu geblieben. Statt nach London oder Berlin
auszuwandern, lebt und arbeitet der 46-Jährige nach wie vor
in Bukarest. Sein Geld verdient er als Mitherausgeber, Zeichner
und Kolumnist für das rumänische Oppositionsblatt „22“,
das 1991 nach dem Sturz von Nicolae Ceausescu gegründet
wurde. Dennoch: Prestigeträchtige Biennalen in Sevilla oder
Moskau reißen sich um die scheinbar kindlichen Strichmännchen
und Texte mit explosivem gesellschaftskritischem Potenzial
des Enfant terrible. In diesen Monaten empfängt er eine der
höchsten Weihen der Kunstwelt: Das Museum of Modern Art
in New York führt noch bis zum 27. August seine ebenso sarkastischen
wie humorvollen Stricheleien vor.
Künstlerisches Futter holt sich Perjovschi aus Boulevardzeitungen
und Gesprächen mit Kunstfreunden während der
Ausstellungen, die er ausdrücklich als Teil seiner performativen
Arbeit sieht. Respektierte Kunstbühnen wie das Kölner
Museum Ludwig vor zwei Jahren, aber auch Alternativplätze
laden den Quergeist mit gesellschaftskritischem Zündstoff im
Tornister ein. Sein Gepäck ist federleicht: Filzstifte und jede
Menge Neugier auf anregende Diskussionen mit Kunstfreunden,
die er in humorvolle, aber beißende Gespräche verwickelt.
Anschließend fixiert er die Resultate auf den blanken
Museumswänden. Seine Zeichnungen kommentieren Klatsch
und Tratsch genauso unbefangen wie Aktientipps. „Es macht
mir Riesenspaß, mit den unterschiedlichsten Leuten über die
unterschiedlichsten Themen zu diskutieren, die Ergebnisse
auf weiße Wände zu zeichnen und damit Territorien zu besetzen.
Ich könnte alles zur Kunst machen. Deshalb: Vorsicht!“,
gesteht der Zeichner und Politkünstler.
Auch der Chinese Ai Weiwei (Platz 73), international gefragter
Konzeptkünstler mit Wohnsitz in Peking, würzt seine ebenso
ästhetische wie reflektierte Objektkunst mit humorvollen, kritischen
Anspielungen auf chinesische Historie und Zeitgeschichte.
Der Promotor und Spiritus Rector der chinesischen
Kunstflut, die in den vergangenen Monaten in zahlreichen
Gruppenausstellungen im In- und Ausland bejubelt wurde,
pflegt einen erweiterten Kunstbegriff. Das Allroundtalent ist
auch als Architekt gefragt: Gemeinsam mit den Stararchitekten
Jacques Herzog und Pierre de Meuron entwarf er das
Nationalstadion für die Olympischen Spiele 2008 in Peking.
Ai wird von jüngeren chinesischen Künstlern als Vaterfigur,
als asiatischer Marcel Duchamp verehrt. Er gehört zu den
wenigen Künstlern, deren Einladung zur Kasseler Documenta
durchsickerte. Was steuert Ai, der Tausendsassa, zur Documenta
12 bei? Der 50-jährige Guru hat 1001 Chinesen jeder
Couleur – Hausfrauen, Bauern, Fischer, Kunstliebhaber, Gärtner
und Polizisten aus allen Städten und Dörfern seiner Heimat
zu einem Kulturtrip nach Kassel eingeladen. Sein Kommentar:
„China ist für den Westen immer noch so etwas wie
ein anderer Planet und auch bei uns wird nicht wirklich verstanden,
was im Westen passiert.“ Das ungewöhnliche Ost-
West-Projekt wird etwa drei Millionen Euro kosten, deren
Finanzierung aber bereits durch zwei private Schweizer Stiftungen
gesichert ist. Der Meister selbst wird in Kassel als Friseur
und Koch antreten: „Ich werde meinen Landsleuten die
Haare schneiden und sie bekochen.“
Langsam expandiert die Kunstwelt:
Aus Ostkunst wird Weltkunst
Der Brite Damien Hirst gehört zu den Senkrechtstartern unter
den Umtriebigen und ist auf Position fünf gelandet. Der zynische
Provokateur, der Sammler wie Charles Saatchi mit eingelegten
Tierhälften euphorisch stimmte, hat sich mittler weile
anderen, einträglichen Dingen zugewandt: Er zeigt seine umfangreiche
Kunstsammlung in respektierten Häusern wie der
Londoner Serpentine-Gallery. Derzeit baut er in London in
Toddington Manor sein eigenes Museum. Darüber hinaus gilt
Hirst als gewiefter, erfolgreicher Geschäftsmann mit einem
geschätzten Vermögen von 150 Millionen Euro. Der Hai. sch-
Konservierer und Maler banaler Punkte und Schmetterlinge
sieht die Allianz von Kunst und Kapital pragmatisch: „Je mehr
Geld man hat, desto einfacher wird das Leben.“
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