14.06.2007

Foto: capital.de

Kunstkompass 2007

Die 100 Größten

Da sind sie wieder: Die berühmtesten zeitgenössischen Künstler. Seit 1970 jedes Jahr exklusiv ermittelt von Capital. Welche Stars von heute sind die Klassiker von morgen? In wen lohnt es, zu investieren? Das Ruhmesbarometer zeigt die Richtung aufs Neue.

Auf den ersten Blick scheint alles vertraut: Malerfürst Gerhard Richter prunkt an der Spitze, gefolgt von Bruce Nauman auf Platz zwei und Sigmar Polke auf Rang drei. Alles in Ordnung. In Wahrheit aber steckt der diesjährige Kunstkompass voller Überraschungen. Als Gewinner entpuppt sich eine Gilde nimmermüder Veteranen und engagierter Neueinsteiger, die sich gefälligen unverbindlichen Harmlosigkeiten und zeitenthobener Dekoration verweigert.

Allen voran die Installationskünstlerin Isa Genzken, die sich mit 69 Positionssprüngen Platz 90 erobert. Ihr dicht auf den Fersen gibt Bildhauer Erwin Wurm mit 42 Rangsprüngen sein Kompassdebüt auf Platz 88. Zu den weiteren Siegern zählen Mythenmaler Anselm Kiefer (Position zwölf), Medienkünstler John Baldessari (Position 43), Zero-Künstler Günther Uecker (Position 54), der für diesen Kompass eine Serie von eindringlichen Skulpturen gestaltete, und Rebecca Horn (Position 66). Die Teilnahme an den Olympiaden der Kunst, die Anfang Juni starten, haben das Punktekonto vieler Kompasskünstler anschwellen lassen. Die Präsenz auf der Venedig-Biennale und bei dem Skulpturen Projekt Münster gilt als Gütesiegel erster Klasse, ebenso wie ein Beitrag zur Documenta. Doch die Kura toren aus Kassel hüllen sich in Schweigen: Zu den bestgehüteten Geheimnissen dieses Kunstsommers gehören die Namen der rund 100 Geladenen der Documenta 12. Ebenso top secret: die künstlerischen Eingriffe von Isa Genzken auf der Biennale in Venedig. Dass sie die drei Hallen in den Giardini der zerbröckelnden Lagunenstadt im Alleingang bespielt, ist eine seltene Ehre!

Nicolaus Schafhausen, Kurator des deutschen Pavillons, begründet seine Wahl: „Genzkens Werk ist von enormer Komplexität. Sie wird in Venedig sicher einen starken symbolischen Raum schaffen.“ Ihre facettenreiche Kunst überrascht durch permanenten Wechsel. Da tauchen in den 80er-Jahren lange elegante „Ellipsoiden“ und „Hyperbolos“ aus Lack und Holz auf, die ihr 1982 eine Einladung zur Documenta 7 bringen. Genzken propagiert: „Eine Skulptur muss einen Realitätsbezug haben.“ Kenner wie Francesca von Habsburg sammeln ihre spröde Kunst. Es folgen Serien mit rauen Betonklötzen und aufgespießten Antennen. Später konstruiert sie Stelen aus Holz, Laminat, Lochblech und Spiegeln. In ihren vergangenen großen Ausstellungen in Wien und Innsbruck überflutet sie Räume mit Rollstühlen, Gehwerkzeugen, Mobiliar und Puppen, schillernden Folien und wild bemalten Plastikstoffen. Albträume von makabrer Schönheit! Ihr vielgesichtiges Werk brachte ihr in Kunstkreisen große Wertschätzung ein, der großen Öffentlichkeit blieb ihr verrätseltes Werk jedoch bisher eher verborgen. Noch!

Die neuen Positionsgewinner folgen dem alten Postulat von Friedrich Schiller: „Schwer ist die Kunst!“

Mit 9900 Ruhmespunkten überrundet der Amerikaner Bruce Nauman nahezu sämtliche Kompasskünstler mühelos. Internationale Kunstbühnen wie das Amsterdamer Stedelijk-Museum präsentieren seine unter die Haut gehende, multimediale Kunst: Seine Installationen gleichen modernen Folter- und Hinrichtungskammern, die mit qualvollem Singsang beschallt sind. In seinen verstörenden Arbeiten greift er gesellschaftliche Tabus wie Tod, Krankheit, Folter und Verletzung auf. „Ich mache Kunst, die wie ein Schlag den Nacken trifft.“ Nauman, von seinem legendären New Yorker Galeristen Leo Castelli als „moralische Instanz und künstlerischer Bruder des Schamanen Joseph Beuys“ bewertet, war vom ersten Kompass 1970 an dabei – damals auf Platz 71. Seit Jahren rangiert er permanent unter den Top Ten. Für die Münsteraner Skulpturenschau greift er auf das Projekt „Square Depression“ zurück, das er bereits vor 30 Jahren für die Stadt geplant hatte.

Sein kalifornischer Landsmann John Baldessari erntet in der internationalen Kunstwelt späte, aber verdiente Ehren. Im Kunstkompass gelang dem 75-Jährigen der Sprung von Position 55 auf Rang 43. Der ewig gut gelaunte Hüne beeinflusste als Lehrer am legendären Californian Art Institute, wo er von 1966 bis 1990 Medienkunst lehrte, viele jüngere Shootingstars wie Robert Longo, David Salle oder Matt Mullican nachhaltig. Sein Erfolgsrezept: „Um mich selbst beim Unterrichten nicht zu langweilen, habe ich die Lehre so gestaltet wie meine Kunst.“ Erst jetzt steht der vielseitige Künstler im Zentrum des weltweiten Kunstbetriebs. So ist für 2009 eine umfassende Übersichtsausstellung seiner sprühenden, vertrackten Kunst in der Londoner Tate angesagt. Derzeit präsentiert das Bonner Kunstmuseum - in Kollaboration mit dem Bonner Kunstverein - noch bis Ende Juli die mitreißende Ausstellung „Music“, die neben einer Klanginstallation seine musikalisch getönten Werke aus den vergangenen 40 Jahren aufleben lässt. Offensichtlich hat der Wiener Erwin Wurm bei den frühen Atemperformances von Bruce Nauman Anleihen genommen. Ein- und Ausatmen, Fett- und Magersucht sind die zentralen Themen seiner Kunst. Selbst ein schnittiger Porsche kann nach einer „Wurm-Behandlung“ aus der Form laufen. Damit hat sich der 53-Jährige die Kunstwelt erobert. Der österreichische Bildhauer und Performer bläht Menschen und Autos bis zur Absurdität auf. Mit hintergründigem Humor nimmt er seine Umwelt aufs Korn: „Ich bin ein politisch denkender Mensch, aber kein politischer Künstler.“

Nonkonforme Veteranen mischen den aktuellen Kunstmarkt auf

Auch Rebecca Horn hat mit ihren meditativen Installationen erneut Terrain zurückgewonnen: Die 63-jährige, in Berlin lebende Bildhauerin, Filmemacherin und Performerin ist mit 25 Positionssprüngen auf Rang 66 geschnellt. Ihre poetisch aufgeladenen Objekte und beweglichen Konstruktionen sensibilisieren Erfahrungsmomente. Wie ein Zauberer lässt sie Tische, Instrumente oder andere Fundstücke aus dem Alltag überraschende Tänze aufführen.

Das erstaunlichste Comeback feiert derzeit jedoch Anselm Kiefer. Nach Jahren der Abstinenz im Kunstbetrieb meldet er sich mit großen Projekten zurück. Im Kompass eroberte er sich mit Rang zwölf fast seine Spitzenposition aus den späten 80er- Jahren zurück. Damals gab es lange Wartelisten für seine bleischweren Skulpturen und magisch-beschwörenden Landschaften, die mit unkonventionellen Materialkombinationen wie Stroh, Sand und vertrockneten Blumen beladen sind. Vor 16 Jahren zog es den deutschesten aller Beuys-Schüler nach Südfrankreich, wo er eine riesige Seidenspinnerei für seine grüblerische Kunst umkrempelte.

Jetzt bricht der 62-Jährige zu neuen Ufern auf. Er überlässt seine Künstlerbastion mitsamt den historisch gefärbten Bildern und den schrundigen Großskulpturen der Guggenheim-Stiftung. Das gleichnamige Museum in Bilbao kontert noch bis zum 3. September 2007 mit einer beeindruckenden Kiefer-Ausstellung. Und im Pariser Grand Palais wird der Deutsche mit der gigantischen Installation „Sternenfall“ gefeiert: In sechs Ausstellungshäusern werden seine bedeutungsschweren Arbeiten präsentiert. Und - kaum noch an Ehrung zu toppen: Im Oktober wird ein zehn Meter hohes Werk von Kiefer in der ägyptischen Abteilung des Pariser Louvre dauerhaft etabliert.

Die Kompassmethode
Qualität von Kunst ist nicht messbar, wohl aber die Resonanz in der Fachwelt. Gemessen und mit unterschiedlichen Ruhmespunkten gewertet werden: Einzelausstellungen in rund 200 bedeutenden Museen weltweit, darunter das New Yorker Guggenheim; außerdem die Teilnahme an wichtigen Gruppen aus stel lun gen wie der Documenta in Kassel. Und schließlich Rezensionen in Fachmagazinen wie „Art in America“. Die Positionen resultieren aus der jahrelangen Addition der so gesammelten Punkte. Die Ruhmespunkte der letzten fünf Jahre werden flexibel gewichtet.

 
 

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Quelle: Smarthouse Media, SIX Telekurs