Auf den ersten Blick scheint alles vertraut: Malerfürst Gerhard Richter prunkt an der Spitze, gefolgt von Bruce Nauman auf Platz zwei und Sigmar Polke auf Rang drei. Alles in Ordnung. In Wahrheit aber steckt der diesjährige Kunstkompass voller Überraschungen. Als Gewinner entpuppt sich eine Gilde nimmermüder Veteranen und engagierter Neueinsteiger, die sich gefälligen unverbindlichen Harmlosigkeiten und zeitenthobener Dekoration verweigert.
Allen voran die Installationskünstlerin Isa Genzken, die sich
mit 69 Positionssprüngen Platz 90 erobert. Ihr dicht auf den
Fersen gibt Bildhauer Erwin Wurm mit 42 Rangsprüngen sein
Kompassdebüt auf Platz 88. Zu den weiteren Siegern zählen
Mythenmaler Anselm Kiefer (Position zwölf), Medienkünstler
John Baldessari (Position 43), Zero-Künstler Günther Uecker
(Position 54), der für diesen Kompass eine Serie von eindringlichen
Skulpturen gestaltete, und Rebecca Horn (Position 66).
Die Teilnahme an den Olympiaden der Kunst, die Anfang Juni
starten, haben das Punktekonto vieler Kompasskünstler anschwellen
lassen. Die Präsenz auf der Venedig-Biennale und
bei dem Skulpturen Projekt Münster gilt als Gütesiegel erster
Klasse, ebenso wie ein Beitrag zur Documenta. Doch die
Kura toren aus Kassel hüllen sich in Schweigen: Zu den bestgehüteten
Geheimnissen dieses Kunstsommers gehören die
Namen der rund 100 Geladenen der Documenta 12.
Ebenso top secret: die künstlerischen Eingriffe von Isa Genzken
auf der Biennale in Venedig. Dass sie die drei Hallen in den
Giardini der zerbröckelnden Lagunenstadt im Alleingang
bespielt, ist eine seltene Ehre!
Nicolaus Schafhausen, Kurator des deutschen Pavillons, begründet
seine Wahl: „Genzkens Werk ist von enormer Komplexität.
Sie wird in Venedig sicher einen starken symbolischen
Raum schaffen.“ Ihre facettenreiche Kunst überrascht durch
permanenten Wechsel. Da tauchen in den 80er-Jahren lange
elegante „Ellipsoiden“ und „Hyperbolos“ aus Lack und Holz
auf, die ihr 1982 eine Einladung zur Documenta 7 bringen.
Genzken propagiert: „Eine Skulptur muss einen Realitätsbezug haben.“ Kenner wie Francesca von Habsburg sammeln ihre spröde Kunst. Es folgen Serien mit rauen Betonklötzen
und aufgespießten Antennen. Später konstruiert sie Stelen
aus Holz, Laminat, Lochblech und Spiegeln. In ihren vergangenen
großen Ausstellungen in Wien und Innsbruck überflutet
sie Räume mit Rollstühlen, Gehwerkzeugen, Mobiliar und
Puppen, schillernden Folien und wild bemalten Plastikstoffen.
Albträume von makabrer Schönheit! Ihr vielgesichtiges Werk
brachte ihr in Kunstkreisen große Wertschätzung ein, der
großen Öffentlichkeit blieb ihr verrätseltes Werk jedoch bisher
eher verborgen. Noch!
Die neuen Positionsgewinner
folgen dem alten Postulat von Friedrich
Schiller: „Schwer ist die Kunst!“
Mit 9900 Ruhmespunkten überrundet der Amerikaner Bruce
Nauman nahezu sämtliche Kompasskünstler mühelos. Internationale
Kunstbühnen wie das Amsterdamer Stedelijk-Museum
präsentieren seine unter die Haut gehende, multimediale
Kunst: Seine Installationen gleichen modernen Folter- und
Hinrichtungskammern, die mit qualvollem Singsang beschallt
sind. In seinen verstörenden Arbeiten greift er gesellschaftliche
Tabus wie Tod, Krankheit, Folter und Verletzung auf. „Ich
mache Kunst, die wie ein Schlag den Nacken trifft.“ Nauman,
von seinem legendären New Yorker Galeristen Leo Castelli als
„moralische Instanz und künstlerischer Bruder des Schamanen
Joseph Beuys“ bewertet, war vom ersten Kompass 1970
an dabei – damals auf Platz 71. Seit Jahren rangiert er permanent
unter den Top Ten. Für die Münsteraner Skulpturenschau
greift er auf das Projekt „Square Depression“ zurück, das
er bereits vor 30 Jahren für die Stadt geplant hatte.
Sein kalifornischer Landsmann John Baldessari erntet in der
internationalen Kunstwelt späte, aber verdiente Ehren. Im
Kunstkompass gelang dem 75-Jährigen der Sprung von Position
55 auf Rang 43. Der ewig gut gelaunte Hüne beeinflusste
als Lehrer am legendären Californian Art Institute, wo er von
1966 bis 1990 Medienkunst lehrte, viele jüngere Shootingstars
wie Robert Longo, David Salle oder Matt Mullican nachhaltig.
Sein Erfolgsrezept: „Um mich selbst beim Unterrichten nicht
zu langweilen, habe ich die Lehre so gestaltet wie meine
Kunst.“ Erst jetzt steht der vielseitige Künstler im Zentrum des
weltweiten Kunstbetriebs. So ist für 2009 eine umfassende
Übersichtsausstellung seiner sprühenden, vertrackten Kunst
in der Londoner Tate angesagt. Derzeit präsentiert das Bonner
Kunstmuseum - in Kollaboration mit dem Bonner Kunstverein
- noch bis Ende Juli die mitreißende Ausstellung „Music“,
die neben einer Klanginstallation seine musikalisch getönten
Werke aus den vergangenen 40 Jahren aufleben lässt.
Offensichtlich hat der Wiener Erwin Wurm bei den frühen
Atemperformances von Bruce Nauman Anleihen genommen.
Ein- und Ausatmen, Fett- und Magersucht sind die zentralen
Themen seiner Kunst. Selbst ein schnittiger Porsche kann nach
einer „Wurm-Behandlung“ aus der Form laufen. Damit
hat sich der 53-Jährige die Kunstwelt erobert. Der österreichische
Bildhauer und Performer bläht Menschen und Autos
bis zur Absurdität auf. Mit hintergründigem Humor nimmt er
seine Umwelt aufs Korn: „Ich bin ein politisch denkender
Mensch, aber kein politischer Künstler.“
Nonkonforme Veteranen mischen den
aktuellen Kunstmarkt auf
Auch Rebecca Horn hat mit ihren meditativen Installationen
erneut Terrain zurückgewonnen: Die 63-jährige, in Berlin
lebende Bildhauerin, Filmemacherin und Performerin ist mit
25 Positionssprüngen auf Rang 66 geschnellt. Ihre poetisch
aufgeladenen Objekte und beweglichen Konstruktionen sensibilisieren
Erfahrungsmomente. Wie ein Zauberer lässt sie
Tische, Instrumente oder andere Fundstücke aus dem Alltag
überraschende Tänze aufführen.
Das erstaunlichste Comeback feiert derzeit jedoch Anselm
Kiefer. Nach Jahren der Abstinenz im Kunstbetrieb meldet er
sich mit großen Projekten zurück. Im Kompass eroberte er sich
mit Rang zwölf fast seine Spitzenposition aus den späten 80er-
Jahren zurück. Damals gab es lange Wartelisten für seine bleischweren
Skulpturen und magisch-beschwörenden Landschaften,
die mit unkonventionellen Materialkombinationen
wie Stroh, Sand und vertrockneten Blumen beladen sind. Vor
16 Jahren zog es den deutschesten aller Beuys-Schüler nach
Südfrankreich, wo er eine riesige Seidenspinnerei für seine
grüblerische Kunst umkrempelte.
Jetzt bricht der 62-Jährige zu neuen Ufern auf. Er überlässt
seine Künstlerbastion mitsamt den historisch gefärbten Bildern
und den schrundigen Großskulpturen der Guggenheim-Stiftung.
Das gleichnamige Museum in Bilbao kontert noch bis zum
3. September 2007 mit einer beeindruckenden Kiefer-Ausstellung.
Und im Pariser Grand Palais wird der Deutsche mit der
gigantischen Installation „Sternenfall“ gefeiert: In sechs Ausstellungshäusern
werden seine bedeutungsschweren Arbeiten
präsentiert. Und - kaum noch an Ehrung zu toppen: Im Oktober
wird ein zehn Meter hohes Werk von Kiefer in der ägyptischen
Abteilung des Pariser Louvre dauerhaft etabliert.
Die Kompassmethode
Qualität von Kunst ist nicht messbar, wohl aber die Resonanz
in der Fachwelt. Gemessen und mit unterschiedlichen Ruhmespunkten
gewertet werden: Einzelausstellungen in rund
200 bedeutenden Museen weltweit, darunter das New Yorker
Guggenheim; außerdem die Teilnahme an wichtigen Gruppen
aus stel lun gen wie der Documenta in Kassel. Und schließlich
Rezensionen in Fachmagazinen wie „Art in America“. Die
Positionen resultieren aus der jahrelangen Addition der so
gesammelten Punkte. Die Ruhmespunkte der letzten fünf Jahre werden flexibel gewichtet.
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