Am Ende, als längst alles aus ist und er sich vor dem Landgericht Hamburg verantworten muss, inszeniert der Millionenbetrüger Dieter Glanz sich als Robin Hood. Er habe das Geld den Reichen genommen und es zwar nicht an die Armen weitergeleitet, aber wenigstens an einen Armen, nämlich sich selbst. Die Besucher im Saal lachen.
Die Rolle des Entertainers für ein mittelgroßes Publikum gibt der Protagonist von Dieter Wedels Zweiteiler "Gier" 180 Filmminuten lang. Mit Geschichtchen aller Art, manchmal auch Akkordeonspiel und Gesang, unterhält Glanz (Ulrich Tukur) eine Entourage von Reichen, die ihm ihr Geld anvertraut haben, auf dass er es gewinnbringend anlegt. Sie sind allesamt aus unterschiedlichen Gründen nicht so recht glücklich mit ihrem Leben, das erst einen gewissen Thrill zu bekommen scheint, als ihnen Glanz Renditen von bis zu 1300 Prozent verspricht.
"Frei nach wahren Begebenheiten" sei der Film entstanden, steht im Vorspann. "Gier" ist stark angelehnt an die Geschichte des Hamburger Hochstaplers Jürgen Harksen, der in der 90er-Jahren betuchten Hanseaten insgesamt einen dreistelligen Millionenbetrag abluchste, ohne auch nur einen Pfennig davon anzulegen. Tukur ist Harksen, der für seine Taten fünf Jahre Haft verbüßte, auch äußerlich verblüffend ähnlich.
Wedel, der seit Mehrteilern wie "Der große Bellheim" und "Der Schattenmann" den im deutschen TV-Betrieb seltenen Ruf eines Starregisseurs genießt, hatte "Gier" zuerst explizit als Verfilmung der Geschichte Harksens angepriesen. Aber da er mehrere Jahren an dem Zweiteiler arbeitete, bescherte die Wirklichkeit ihm und den Verantwortlichen der ARD die Chance, die PR-Strategie leicht zu variieren. So versucht man nun einen Bezug herzustellen zwischen Wedels Großprojekt und "der aktuellen, weltweiten Krise auf dem Finanzmarkt" (ARD-Programmdirektor Volker Herres). Doch um Banken geht es in "Gier" allenfalls am Rande, der Film ist kein Finanz- und Wirtschaftskrimi, sondern ein unterhaltsames Psychogramm einer Art Schicksalsgemeinschaft von Traumtänzern, die bis zum bitteren Ende nicht wahrhaben wollen, dass Glanz ein Gauner ist.
Eine Sonderrolle in der Gruppe nimmt Andy Schroth (Devid Striesow) ein, die zweite Hauptfigur des Films. Er will erst noch aufsteigen in die Liga der Vermögenden, weil er sein Leben als Angestellter einer Immobilienfirma als nicht glamourös genug empfindet. So sammelt er auch bei Eltern und Arbeitskollegen Geld ein, um es bei Glanz zu investieren - und stürzt so noch ein paar Menschen ins Unglück.
"Du bist für mich wie ein Bruder", sagt Glanz zu Schroth, und weil der Menschenfänger so etwas zu allen sagt, fallen sie immer wieder herein auf seine dreister werdenden Ausreden. Das vermeintliche Finanzgenie lenkt sie ab mit exzessiven Festen, bei denen sie wie Teenager in und um Swimmingpools herumtoben - obwohl sie eigentlich zu reich sind, um sich von dieser Art von Luxus beeindrucken zu lassen.
Wie Drogensüchtige oder Sektenjünger wirken die Betrogenen, unfähig zu handeln. So passiert im gesamten zweiten Teil, der überwiegend in Glanz' Zufluchtsort Südafrika spielt, im dramaturgischen Sinne nichts Nennenswertes; der Zuschauer fühlt sich hineingezogen in einen Strudel aus Nicht-Ereignissen. Party, Party, Party. Der Titel des zweiten Teils ("Das Duell") führt in die Irre, eine Auseinandersetzung zwischen Schroth und Glanz bahnt sich bestenfalls an. Letztlich treibt einen die Passivität der benebelten Glanz-Jünger dazu, eher Sympathie für den schelmischen Schwindler Glanz zu empfinden als Mitleid für die Betrogenen.
Es ist natürlich ungerecht, Fiction mit Nonfiction zu vergleichen, weil die Wirklichkeit tendenziell immer aufregender ist, aber gegenüber "Die Hochstapler", Alexander Adolphs Kinodokumentation über Jürgen Harksen und zwei andere Betrüger, fällt Wedels Werk ab. Möglicherweise musste der Regisseur Konzessionen machen: "Gier" läuft in der ARD am Donnerstag und Freitag, und diese Sendeplätze sind ansonsten Filmen vorbehalten, die nicht den Anspruch haben, das Niveau von Groschenromanen zu übersteigen. Deshalb darf Andy Schroth hier wohl eine Schwäche für seine Schwägerin Nadja (Sibel Kekilli) haben, die als eine Art Animierdame am Hofe Glanz beschäftigt ist. Die mangelnde Subtilität bei der Namensgebung der Figuren - Glanz' Gattin heißt mit Vornamen Gloria, als sei sie eine Bürgerin von Entenhausen - ist ebenfalls ein Ärgernis.
Seinen eigenen hohen Anspruch kann Wedel, der gern das sinkende Niveau des Fernsehens anprangert ("Flachsinn hat Hochkonjunktur"), nur teilweise einlösen. Aus dem Einerlei öffentlich-rechtlicher TV-Filme ragt "Gier" dennoch weit heraus. Das kann man bei einem Projekt, das mit rund 6 Millionen Euro überdurchschnittlich teuer war, auch erwarten.
"Gier" auf Arte: Am 15. Januar, um 20.15 Uhr (Teil 1) und 21.45 Uhr (Teil 2). Im Ersten am 20. und 21. Januar um 20.15 Uhr
Quelle: ftd
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