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23.08.2010
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Christoph Schlingensief
Christoph Schlingensief
Foto: AP

Zum Tod von Christoph Schlingensief

Rettet den Kapitalismus!

von Willy Theobald

Ob er Helmut Kohl ärgerte oder in Bayreuth den "Parsifal" revolutionierte: Christoph Schlingensief war der wichtigste Provokateur des deutschen Kulturbetriebs. Am Samstag starb der Film- und Theaterregisseur mit nur 49 Jahren.

Er hatte noch so viel vor: Ein Opernhaus in Burkina Faso wollte er bauen, den deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale 2011 in Venedig fertig stellen, "Tristan und Isolde" in vier Jahren in Bayreuth inszenieren. Anscheinend ahnte er aber, dass er nicht mehr alles schaffen würde: "2014", sagt er bei seiner letzten Premiere Ende Mai in München, "das ist noch verdammt lang hin."

Christoph Maria Schlingensief - Sohn eines Apothekers und einer Kinderkrankenschwester aus Oberhausen - gehörte zu den einflussreichsten Wachrüttlern des deutschsprachigen Kulturbetriebs. Mit Filmen wie "Das deutsche Kettensägenmassaker", Theaterstücken ("Atta Atta - Die Kunst ist ausgebrochen"), Operninszenierungen ("Parsifal" in Bayreuth") oder umstrittenen Agitpropaktionen ("Tötet Helmut Kohl") beschäftigte er fast drei Jahrzehnte Publikum, Feuilleton und Politik. Kulturstaatsminister Bernd Neumann würdigte den 49-Jährigen als "einen der vielseitigsten und innovativsten Künstler der deutschen Kulturszene, der die deutschsprachige Film- und Theaterwelt stark beeinflusst hat".

Das 1960 geborene Allround-Talent startete schon als Kind im Keller seiner Eltern "Kulturabende". Die ersten Schmalfilme drehte er mit Zwölf. 1979 machte der nach eigener Einschätzung aus einem "extrem kleinbürgerlichen Elternhaus" stammende Ex-Messdiener Abitur. Später bezeichnete sich Schlingensief gerne als Christ, der "an ein Leben nach dem Tod glaubt, aber die katholische Kirche ablehnt" - und Religion immer wieder in seinen Arbeiten problematisierte.

Ein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in München fand der erlebebnishungrige junge Mann zu langweilig - er brach es nach sieben Semestern 1984 ab. 1996 wurde Schlingensief Aufnahmeleiter bei der ARD-Soap "Lindenstraße", wo er nach eigener Aussage "grauenhafte Erfahrungen" machte.

1993 debütierte er als Theaterregisseur und formte an der Berliner Volksbühne Behinderte und Nicht-Behinderte zu einer international erfolgreichen Truppe. "Du bist wie ich", sagte er einmal zu einer behinderten Darstellerin, "wir sind alle krank". Das Fachmagazin "Theater heute" zeichnete sein Trashical "Schlacht um Europa" 1997 als bestes deutschsprachiges Stück aus.

Unvergessen bleibt Schlingensiefs legendärer Aufruf zur Bundestagswahl 1998. Mit Hilfe seiner Partei "Chance 2000" und sämtlichen deutschen Arbeitslosen drohte er, das Urlaubshaus des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl zu fluten - durch gleichzeitiges Baden im österreichischen Wolfgangsee. Staub wirbelte seine Aktion "Rettet den Kapitalismus" auf: Vom Berliner Reichstagsgebäude wollte er 10.000 Zehn-Mark-Geldscheine fliegen lassen. Der Slogan lautete: "Schmeißen Sie ihr Geld weg und retten Sie die Marktwirtschaft!"


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