Empfehlen Als E-Mail verschicken Facebook Twitter XING Drucken
04.11.2011
Weinflaschen im Regal
Weinflaschen im Regal
Foto: Fotolia

Einflussreicher Kritiker

Streit um Bewertung von Wein

von Sarah Sommer

Was dem Koch die Sterne, sind dem Winzer die Parker-Punkte. Doch der Erfinder des Bewertungssystems ist unter Weinkennern mittlerweile umstritten.

Jedes Frühjahr reist ein Anwalt aus Maryland nach Bordeaux, in eines der bekanntesten Weinanbaugebiete der Welt. Dort wird der Amerikaner bereits erwartet. Die französischen Winzer öffnen ihre Keller und kredenzen stolz ihre Primeurs, die jungen Weine des aktuellen Jahrgangs. Ob eben dieser Jahrgang ein Erfolg wird, hängt maßgeblich vom Urteil des Amerikaners ab: Robert Parker, 64 Jahre alt, gelernter Anwalt, die Nase mit einer Million Dollar versichert, ist seit rund dreißig Jahren einer der einflussreichsten Weinkritiker der Welt. Sein zweimal im Monat erscheinender Newsletter "The Wine Advocate" und die Bücher "Bordeaux" und "Parkers Wein-Guide" sind Pflichtlektüre für jeden Weinhändler und Kommissionär.

Erfolg nach Punkten

Wenn Parker nach zwei Wochen wieder aus dem Bordeaux abreist, hat er dort jedes wichtige Weingut besucht und bis zu 90 Kostproben am Tag genommen. Daheim in Maryland bewertet er die edlen Tropfen nach einem selbst entwickelten System auf einer Skala von 50 bis 100 Punkten. Weniger als 70 Punkte sind ein Schlag ins Gesicht des Winzers - ein Wein, der so wenige Punkte bekommt, ist glatt durchgefallen. Mehr als 80 Punkte bekommt ein überdurchschnittlicher Wein, ab 90 Punkten gilt er als hervorragend. Absolute Spitzenweine bekommen 96 bis 100 Punkte.

Das Urteil des Kritikers entscheidet über den Preis der Weine. Vergibt er die Höchstwertung von 100 Punkten, kann sich der Winzer entspannt zurücklehnen: Sobald die Bewertung veröffentlicht ist, werden Nachfrage und Preis rasant steigen. Schon vor der Abfüllung wird der Wein ausverkauft sein. Parkers Einfluss reicht, wie der Weinpapst einmal ganz unbescheiden tönte, "von Stockholm bis Singapur".

Der Amerikaner im französischen Weinberg

Dabei hatte Parkers Karriere recht unspektakulär begonnen, als er neben dem Anwaltsberuf begann, einen regelmäßigen Wein-Newsletter zu schreiben. "Erst 1982 trat der Kritiker ins Licht der Weltöffentlichkeit", sagt Valentin Brodbecker, Anlagespezialist für Wein-Investments. Damals hatte der Anwalt erstmals die Region Bordeaux bereist und den dortigen Wein als Jahrhundertjahrgang gelobt. Die etablierten Kollegen waren empört und rümpften die Nase über den Yankee, der sich ein Urteil über ihre edlen Weine anmaßte.

"Aber die Amerikaner sahen es genauso wie Parker", erklärt Brodbecker. "Denn dieser Wein war besonders üppig und fruchtig, ein ungewöhnlicher Jahrgang. Das traf genau ihren Geschmack." Ein unabhängiger amerikanischer Weinkritiker, der den selben Geschmack hatte wie die an üppige Weine gewöhnten Kalifornier oder Australier, und der gleichzeitig noch ein einfaches Punktesystem statt poetischer Geschmacksbeschreibungen anbot: Das kam gut an. Weil die Amerikaner damals außerdem die wichtigsten Weinimporteure waren und ohnehin weltweit Trends setzten, wurde Parker in den folgenden Jahren immer bekannter. "Heute gibt es keinen Weinkritiker, der international so viel Einfluss hat wie er. Er ist eine Ikone geworden." Mittlerweile betreibt Parker ein Unternehmen mit mehreren Kritikern, die in seinem Auftrag Weine verkosten. Selbst im Discounter finden sich heute Weine mit Parker-Kennzeichnung. Parker-Punkte sind für viele Händler ein unverzichtbares Marketingwerkzeug.

Geschmackssache

Laut Wolfgang Heeß, Vorstand im Bund Deutscher Oenologen (BDO) und im internationalen Oenologenverband, spielt Parker allerdings für deutsche Weine kaum eine Rolle. "Parker bewertet sehr einseitig: Weine von der Côtes du Rhône, aus dem Bordeaux oder aus Australien schneiden bei ihm regelmäßig sehr gut ab." Diese Weine seien regelrechte "Fruchtbomben", die dem Geschmack des Kritikers entsprächen. "Er ist absolut eingeschränkt auf seinen Typ von Wein. Elegantere Weine mit Ecken und Kanten werden bei ihm nie 100 Punkte bekommen", sagt Heeß. In Deutschland schaffen es allenfalls süße Eisweine wie die des Weingutes Dönnhoff auf 100 Punkte, auch süße und edelsüße Moselweine schneiden gut ab. Ein trockener Riesling hat bei dem amerikanischen Anwalt oder seinem deutschen Vertreter David Schildknecht hingegen kaum eine Chance.

Was vom Parker übrigbleibt

Das 100-Punkte-System ist international durch Parker etabliert worden. Aber sein Urteil zählt außerhalb bestimmter Regionen längst nicht mehr viel. 100 Punkte der Kritiker von Gault Millau oder anderer etablierter Weinjournalisten seien ihm und vielen Kennern mehr wert als 100 Punkte von Parker, sagt Heeß. "Wenn Parker dieses Jahr zurücktritt und einem Nachfolger das Feld überlässt, wird der Einfluss der Parkerpunkte schwinden. Was bleibt, ist nur das 100-Punkte-System."

Dafür sorgen auch andere Verschiebungen auf dem Weinmarkt: Längst haben China und Russland den Amerikanern den Rang als größte Weinimporteure abgelaufen. Auch einen chinesischen Robert Parker will mancher Beobachter schon entdeckt haben: Ch'nong Poh Tiong ist ebenfalls Rechtsanwalt und gibt in Shanghai das Magazin "The Wine Review" heraus, einen Bordeaux-Einkaufsführer und -Newsletter in chinesischer Sprache. So wie mit dem Jahrgang 1982 die Amerikaner die Bordeaux-Weine entdeckt haben, sind nun auch die Chinesen auf französischen Wein aufmerksam geworden.


© 2011 ftd.de

Schreiben Sie den ersten Kommentar zu diesem Artikel


Ihre Meinung

Ihr Name
Ihre Email-Adresse (wird nicht veröffentl.)
Betreff
Ihr Kommentar



 
Capital - Suche
 
Wohn- und Ferienimmobilien-Kompass
Aktualisierte Fassung 2012
PartnerangebotImmobilien suchen in ...
Marktinformationen
DAX Tops Diff %
Commerzban
Metro
Merck
Flops
Henkel Vz
RWE
E.ON N
DAX 6.331,04 +0,95%
TecDAX 751,40 +1,20%
EUR/US 1,2795 -0,10%
GOLD 1.590,10 -0,16%
Quelle: Smarthouse Media, SIX Telekurs