15.01.2010
 CAPITAL-SERIE Interview der Woche

Die Macher der Finanzszene stellen sich den Fragen der capital.de-Redaktion


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Versucht Risiken zu beherrschen: Stefan Glowacz.
Versucht Risiken zu beherrschen: Stefan Glowacz.
Foto: Börse Online/Quirin Leppert
Investor-Artikel

Interview

"Aus dem Scheitern kann man lernen"

Der Weltklassekletterer, Abenteurer und Unternehmer Stefan Glowacz verrät, was Geldanleger von Bergsteigern lernen können und was für ihn wahrer Reichtum ist.

Herr Glowacz, Sie sind in den Alpen die schwierigsten Routen geklettert, haben Expeditionen etwa nach Grönland, in die Antarktis und nach Brasilien unternommen. Was macht für Sie ein echtes Abenteuer aus?

Abenteuer ist für mich der Aufbruch zu etwas Unbekanntem, zu dem es bisher kaum Erfahrungswerte gibt. Meine Herausforderung liegt darin, dass man ausgehend vom letzten Punkt der Zivilisation aus eigener körperlicher Kraft Ziele wie eine Erstbegehung erreicht. Dann aber auch wieder ganz aus eigener Kraft in die Zivilisation zurückkehrt. Ich suche die Eins-zu-eins-Auseinandersetzung mit der Natur. Der Ausgang ist letzten Endes ungewiss, so wie es das auch bei früheren Abenteurern wie etwa den Antarktis­forschern Robert Falcon Scott oder Roald Amundsen war. Allerdings ist unser ­Risiko heute doch viel geringer.

Klar, heute gibt es für den schlimmsten Fall Satellitentelefone. Trotzdem: Aus Sicht eines Normalmenschen ist Ihr Leben enorm riskant. Was bedeutet für Sie Risiko, und wie gehen Sie damit um?

Stefan Glowacz

zählt seit fast 25 Jahren zu den weltbesten Kletterern und hat seine ganz speziellen Erfahrungen mit der Beherrschung von Risiken gemacht. 1987 gewann er erstmals das renommierte Rock Masters im Kletterdorado Arco am Gardasee. 1992 siegte er beim inoffiziellen Schauwettkampf bei Olympia in Albertville. Seitdem hat der mittlerweile 44-jährige Unternehmer in den entlegensten Winkeln der Erde bei Expeditionen schwierige Erstbegehungen absolviert. Seine Firma Red Chili stellt Kletterschuhe her. Glowacz ist verheiratet, Vater von Drillingen und lebt in Garmisch.

Risiko bedeutet für mich, dass trotz bester professioneller Vorbereitung eine Expe­dition immer noch scheitern kann. Entscheidend ist aber, dass ich mich so gut wie irgend möglich auf alle denkbaren Eventualitäten vorbereite. Nur so kann ich in einer Position des Agierens bleiben und die Gefahr minimieren, zum Spielball der Naturgewalten zu werden und dann eine Fehlentscheidung zu treffen. Wenn wir auf Expedition gehen, planen wir das Ganze wie ein kleines eigenstän­diges Unternehmen - Abschnitt für Abschnitt. Ich stelle mir alle erdenklichen Situationen und möglichen Lösungen vor meinem geistigen Auge vor. Auf diese Weise kann ich mein Risiko stark verringern. Aber der Ausgang bleibt offen.

Viele Beobachter gehen davon aus, dass die Finanzkrise Folge einer gigantischen kollektiven Fehleinschätzung von Risiken war. Wie sehen Sie das als Risikoexperte?

Ich glaube nicht, dass es eine allgemeine Falscheinschätzung der Risiken gab, aber wichtige Details wurden ausgeblendet. Viele wussten sehr gut, dass am US-Immobilienmarkt eine riesige Blase aufgepumpt wurde. Nur haben die meisten geglaubt, dass es sie nicht trifft, wenn die Blase platzt. Sie haben die Rückwirkungen auf ihr eigenes Geschäft nicht sehen wollen. Dieses Risiko wurde ausgeblendet. Wenn ich mit einer solchen Einstellung Bergsteigen ginge, wäre ich längst tot.

Warum haben viele Finanzmarktakteure so extrem fahrlässig gehandelt, ohne an die Folgen zu denken?

Ich habe in keinster Weise Respekt vor Menschen, die hochspekulativ mit dem Geld fremder Leute umgehen. Wären das Unternehmer, die für ihre Tätigkeit ihr ­eigenes Geld und ihren Namen einsetzen müssten, wäre es nie so weit gekommen.

Wie ließe sich die Lage ändern?

Das Problem ist: Wenn diese Finanzjongleure etwas in den Sand setzen, was passiert ihnen schon? Die ganz Schlauen gehen noch mit einer dicken Abfindung nach Hause und empfinden dabei nicht einmal Skrupel. Ihnen ist jegliche Demut vor dem Risiko verloren gegangen. Das Wertebild, das diese Leute vermitteln, die eh schon alles haben und immer noch gieriger sind, ist doch katastrophal. Der Gesetzgeber müsste hier viel härter durchgreifen, aber danach sieht es nicht aus. Wirklich belangt werden die wenigsten.

Zu wenig Demut - haben Sie das an sich selbst auch schon erlebt?

Natürlich! Das extreme Klettern betreibe ich nun seit mehr als 30 Jahren, da bleibt es nicht aus, dass man in blöde Situa­tionen gerät. Es gibt Fehleinschätzungen, die man bei besserer Vorbereitung hätte vermeiden können. Und es gibt diese Routinefehler, wenn man etwas schon zum hunderttausendsten Mal gemacht hat. Manche Topbergsteiger sind verunglückt, weil sie vergessen haben, so etwas Simples wie ihren Anseilknoten fertig zu knüpfen. Darum muss ich in jedem Augenblick hochkonzentriert sein und diese Demut haben zu erkennen, dass ich mich eigentlich in einer menschenfeindlichen Region aufhalte, in der mir die Natur erlaubt, Gast auf Zeit zu sein.


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