Es war „die beste Lese“, seit Daniel Wagner das rheinhessische Familienweingut Wagner-Stempel in Siefersheim leitet. „Goldgelbe Trauben, durch und durch reif, aber nur gesundes Rebgut“, erinnert sich der 35-jährige Winzer. Und er hat das Beste daraus gemacht: Seinen „Siefersheimer Höllberg“ wählte eine Capital-Jury aus Sommeliers, Weinjournalisten und -händlern auf Platz eins unter den 2005er Großen Gewächsen der Rebsorte Riesling.
Die Konkurrenz war groß. Rund 170 Rieslingweine des Jahrgangs 2005 stellte der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) auf seiner alljährlichen Präsentation im Wiesbadener Kurhaus vor: alle Großes Gewächs, Erstes Gewächs (Rheingau) oder Erste Lage (Mosel). Geprägt vom Terroir, also dem Boden, auf dem sie wachsen und handwerklich ohne neue technische Methoden der Weinbereitung gefertigt, spiegeln diese Charakterdarsteller die stilistische Vielfalt deutscher Weine wider.
In einer Blindverkostung schmeckte die Capital-Jury darunter zunächst die 40 Besten heraus, um aus diesen eine Rangliste der besten zehn zu erstellen. Hinter dem „Siefersheimer Höllberg“ folgt auf Platz zwei der „Oppenheimer Sackträger“ vom Weingut Kühling-Gillot – ebenfalls Rheinhessen – und auf Platz drei der „Bacharacher Hahn“ von Toni Jost vom Mittelrhein.
„Ein eindrucksvolles und nachhaltiges Zusammenwirken aus Frucht, Säure und Mineralik“, urteilt Zoraida Dreesbach, Sommelière im Kölner Restaurant Graugans, über den Siegerwein von Wagner. Man schmeckt, dass dieser Ausnahmewein dem jungen Winzer „einen riesigen Spaß gemacht hat“. Wagners stolzes Resümee: „Damit können wir uns voll identifizieren. Er ist unser Aushängeschild.“
Solch einen Terroir-Wein wie den Höllberg zu machen, das ist die Fähigkeit, Jahr für Jahr die Heimat der Trauben in Wein zu übersetzen. Auch wenn das Klima mal Kapriolen schlägt – wie beispielsweise 2003. Das heiße Jahr brachte zwar mächtige Rieslinge hervor. Ihnen fehlte es aber an Säure und Struktur. Oder der kühlere Jahrgang 2004: Er sorgte für zurückhaltende und uneinheitliche Qualitäten. Der Jahrgang 2005 präsentiert sich qualitativ gleichmäßiger als seine Vorgänger und ist insgesamt ein gelungener Mittelweg zwischen 2003 und 2004.
Wohl auch, weil die 200 Prädikatsweingüter zuvor noch auf der Suche nach der richtigen Interpretation waren. Erst vor fünf Jahren hat der VDP unter der Präsidentschaft von Michael Prinz zu Salm-Salm seine neue Klassifi zierung eingeführt: an der Basis die Guts- und Ortsweine, darüber die klassifizierten Lagen und an der Spitze das Große Gewächs (oder auch Erstes Gewächs und Erste Lage) in Anlehnung an die burgundische Bezeichnung „Grand Cru“.
„Große Gewächse“, sagt Carolin Spanier-Gillot, „sind das Kompromissloseste, was es unter den deutschen Weinen gibt.“ Ihr zweitplatzierter „Oppenheimer Sackträger“ deutet seine Vergärung mit natürlichen Hefen durch eine leicht vegetabile Note in der Nase an – und bringt im Geschmack dann „eine großartige Fülle mit: fruchtig, fast cremig von der Textur, voller Körper, beeindruckende Länge“, befindet Michael Noack, der Maître des Düsseldorfer Restaurants Victorian.
Etwas südlich von Nierstein ist der Sackträger zu Hause, „in einem Kessel, geschützt vor den kühlen Nordwinden“, erklärt die Winzerin. Die Früchte der Rieslingreben selektiert sie dort gnadenlos, „wir wollen das Maximum an Qualität rausholen“. Im Keller bleibt ihr dann nur „die Beobachtung“, wie der Wein von Ende Oktober bis Ende März langsam vor sich hingärt. Die natürlichen Hefen, sagt Spanier-Gillot, reagieren empfindlicher als Reinzuchthefen auf Temperaturschwankungen. Und wenn es draußen so richtig kalt wird, „dann kann die Gärung schnell zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit werden.“ Im vergangenen Winter hat sie im Keller noch rasch Heizstrahler aufgestellt und zusammen mit ihrem Mann Oliver Spanier Styroporplatten zur Isolation angebracht. Und noch mehr: „Wir haben unsere ganze Energie in den Wein gesteckt.“
Für ein Großes Gewächs wie den Oppenheimer Sackträger reichen die deutschen Weingesetze nicht aus, die sich nur am Zuckergehalt der Trauben orientieren, nicht aber an der physiologischen Reife der Frucht. Dennoch ist es auch bei den Prädikatsweingütern mit Terroir und Statuten allein nicht getan. Die Großen Gewächse, sagt Prinz Salm, „sind geprägt durch 200 Individualisten, die jeweils die Persönlichkeit ihrer Weine beeinflussen.“ Die Besten darunter waren auch dieses Jahr wieder deutlich auszumachen. Die Pfalz stellte beim Verkostungsergebnis der Capital-Jury mit elf Finalisten die stärkste Fraktion, gefolgt vom Rheingau mit neun, Rheinhessen mit acht und der Nahe mit sechs Großen Gewächsen. Von Mittelrhein und Franken konnten sich je zwei Vertreter platzieren, Württemberg und Mosel waren mit je einem Wein dabei.
Überraschend stark präsentierte sich der Mittelrhein mit Toni Jost auf dem dritten Platz. Sein Bacharacher Hahn trat elegant auf, mit feiner Frucht, ausgeprägter Säure und spürbarer Mineralik. Diese stammt von dem Devonschiefer des sehr steilen Hangs. Die extreme Lage im engen Teil des Rheintals profitiert zudem von der Nähe zum Fluss: Wie ein Spiegel reflektiert dieser die Sonne und strahlt auch nachts noch Wärme ab.
Garanten für Qualität waren erneut die vertrauten Namen. Diel und Dönnhoff repräsentierten wie stets die Region Nahe in Bestform: beide Weine sehr mineralisch, mit viel Tiefgang, Dönnhoffs „Niederhäuser Hermannshöhle“ druckvoll, Diels „Dorsheimer Burgberg“ elegant. Überraschend ausdrucksstark und mit schöner klarer Frucht zeigte sich neben den beiden der „Niederhäuser Hermannsberg“ der Domäne Niederhausen-Schlossböckelheim.
Zuverlässig punktete auch das Weingut Weil aus dem Rheingau mit seinem „Kiedrich Gräfenberg“. Noch etwas verhalten deutet sich die große Finesse an. Diese bringt die steile Südwest-Höhenlage durch ihre lange Reifezeit.
Die Pfälzer Winzer scheinen die regionalen Schlechtwetterphasen des vergangenen Jahres gut bewältigt zu haben. Das Weingut Dr. Wehrmann setzte sich zu Mosbachers „Ungeheuer“ und Bassermann-Jordans „Kirchenstück“ in die Spitzengruppe. Sein „Birkweiler Kastanienbusch“, eine der bekanntesten Einzellagen an der südlichen Weinstraße, überzeugte mit einer erfrischenden Fruchtigkeit, Komplexität, feiner Struktur und einer beeindruckenden Länge. Auch der „Ungsteiner Weilberg“ von Pfeffingen-Fuhrmann-Eymael gab eine bemerkenswerte Geschmacksvorstellung.
Selbst wenn Franken in der Statistik zweimal unter den besten 40 Rieslingen auftaucht, ist es doch nur ein Weingut, das sich gleich mit zwei Weinen durchsetzen konnte: Hans Wirsching aus Iphofen. Er produzierte vor allem mit dem „Julius Echter Berg“ wieder ein Prachtstück: schöne Zitrus- und Grapefruitaromen, sehr konzentriert, sehr kräftig, aber unaufdringlich. Für Württemberg, berühmter für Rotwein als für Riesling, konnte immerhin Gerhard Aldingers „Fellbacher Lämmler“ glänzen, dem etwas mehr Reife sicherlich noch stärkere Ausdruckskraft verleiht.
Die Mosel hat ohnehin eine Ausnahmeposition inne, die sich im Namen „Erste Lage“ auch manifestiert: Die Moselwinzer machen Wein, der die Typizität der Region in den Vordergrund stellt und weniger die Idee des Großen Gewächses: leichtere, fruchtigere Typen also, die bisweilen nur Kabinettsstärke haben und damit hinter den wuchtigen Großen Gewächsen anstehen. Nur S. A. Prüm konnte mit dem „Graacher Domprobst“ bei den besten 40 mithalten, wobei der Wein neben seiner vollen Frucht auch eine zarte Süße mitbrachte, begleitet von einer auffallend sanften Säure.
Beim Jahrgang 2006 sollen diese geschmacklichen Differenzen schon auf dem Etikett sichtbar gemacht werden: Ganz oben steht dann – soweit der Gesetzgeber mitspielt – einheitlich in allen Weinregionen die „Erste Lage“. Diesem Begriff ordnen sich die verschiedenen herkömmlichen Geschmacksprofile unter. Also ist auf der einen Seite das Große Gewächs als bester trockener Wein oder sogar auch Sekt, auf der anderen Seite die fruchtsüßen Prädikate im traditionellen Sinn: Spätlese, Auslese oder Trockenbeerenauslese. Ausnahme: Bei der Mosel darfs immer noch ein Kabinett sein. Na dann: Zum Wohl.
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