23.07.2010
Der negative Zinseffekt für Zertifikate liegt in der Konstruktion der Papiere.
Der negative Zinseffekt für Zertifikate liegt in der Konstruktion der Papiere.
Foto: FTD/Christina Bretschneider
Investor-Artikel

Kapitalmarktzinsen

Das vergessene Risiko für Zertifikate

von Matthias Schmitt

Die Zinsen am Kapitalmarkt sind so niedrig wie nie. Sollten sie jedoch steigen, hat das negative Auswirkungen auf den Wert von Zertifikaten - auch wenn sich diese auf Aktien beziehen. Wir zeigen, wie sich Anleger vor dem Effekt schützen können.

Die Umlaufrendite, die die durchschnittliche Rendite deutscher Anleihen bester Bonität angibt, hat sich in den vergangenen beiden Jahren auf 2,3 Prozent mehr als halbiert. Zertifikateanleger sollten die Gefahr nicht unterschätzen, dass die Renditen künftig deutlich steigen werden - etwa weil die Anleger mit höheren Inflationsraten rechnen. Denn obwohl viele Zertifikate auf den ersten Blick nichts mit der Entwicklung am Rentenmarkt zu tun haben, sondern sich auf Aktien, Rohstoffe oder Indizes beziehen, spielt die Renditeentwicklung am Kapitalmarkt für den Kurs der Papiere eine wichtige Rolle.

Der Grund liegt in der Konstruktion vieler Zertifikate. Diese lassen sich oftmals gedanklich in eine Nullkuponanleihe (Zerobond) und eine oder mehrere vom eigentlichen Basiswert abhängige Komponenten (Optionen) zerlegen. Ein Zerobond zahlt keinen Kupon aus, dafür legt sein Kurs mit der Laufzeit zu. Bei Garantiezertifikaten sorgt der Zerobond zum Beispiel dafür, dass der Anleger am Laufzeitende des Papiers zumindest seinen Einsatz zurückbekommt. Die Optionskomponente ist dafür verantwortlich, dass die Zertifikateinhaber an steigenden Kursen etwa am Aktien- oder Rohstoffmarkt teilhaben.

Ändert sich die Kapitalmarktrendite, hat das große Auswirkungen auf den Zerobond: Steigt die Rendite am Kapitalmarkt, sinkt der Kurs des Zinspapiers. Besonders stark sind die Kursschwankungen bei langen Restlaufzeiten. Ein Renditeanstieg von drei auf vier Prozent lässt den Kurs eines sechsjährigen Zerobonds beispielsweise von 83,75 auf 79,03 Prozent fallen. Das entspricht einem Minus von 5,6 Prozent.

Ein stärkerer Renditeanstieg erfolgt meist jedoch nicht plötzlich, sondern vollzieht sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Die abnehmende Restlaufzeit des Bonds wirkt in diesem Fall zugunsten des Anlegers. Klettern die Renditen beispielsweise innerhalb eines Jahres von drei auf vier Prozent, so reduziert sich der Wert des Zerobonds mit ursprünglich sechsjähriger Restlaufzeit nur von 83,75 auf 82,19 Prozent. Das Zertifikat, das diesen Zerobond als Baustein enthält, wird - bei sonst unveränderten Kursen des Basiswerts - trotzdem stärker als der Zerobond allein fallen. Denn die abnehmende Restlaufzeit reduziert in der Regel bei sonst gleichen Rahmenbedingungen den Wert der zweiten Zertifikatekomponente, der Option.

Von dem Zinseffekt besonders betroffen sind Garantiezertifikate mit langen Restlaufzeiten. Negativ wirken sich steigende Renditen am Kapitalmarkt aber auch auf Papiere mit Gewinnobergrenze, einem sogenannten Cap, aus. Dazu gehören Discountzertifikate, Aktienanleihen oder Cap-Bonuszertifikate. Bei diesen Papieren ist der mögliche Ertrag von vornherein auf einen Maximalwert begrenzt. Steigen nun die Renditen am Kapitalmarkt, werden diese Cap-Produkte im Vergleich zu klassischen Festzinsinvestment weniger attraktiv.

Anders verhält es sich bei Papieren ohne Laufzeitbegrenzung. Das bekannteste Beispiel sind normale Indexzertifikate. Bei diesen Produkten orientiert sich der Kurs in der Regel ausschließlich an der Entwicklung des Basiswerts. Steigt der Dax etwa von 6000 auf 6500 Punkte, ist es unerheblich, wie sich die Renditen am Kapitalmarkt entwickelt haben. Ein Dax-Zertifikat, das ein Hundertstel des Index abbildet, wird von 60 auf 65 Euro steigen.

Den Einfluss der Zinsen müssen nur Investoren berücksichtigen, die gegebenenfalls während der Laufzeit aussteigen wollen. Für Anleger, die ihre Zertifikate bis zur Fälligkeit halten möchten, spielen Veränderungen des Zinsniveaus keine Rolle - es sei denn, der Basiswert wird von Zinsänderungen beeinflusst.

Wer für die kommenden Jahre mit steigenden Zinsen rechnet, sollte derzeit lang laufende Zertifikate mit Garantie oder Cap meiden. Per saldo dürfte es sich für diese Anleger auszahlen, zunächst Zertifikate mit kürzerer Restlaufzeit zu erwerben und später in neue Produkte mit dann besseren Performanceaussichten zu investieren - auch wenn die Renditechancen kurz laufender Papiere derzeit meistens recht gering sind.


Quelle: ftd
© 2010 capital.de

Schreiben Sie den ersten Kommentar zu diesem Artikel


Ihre Meinung

Ihr Name
Ihre Email-Adresse (wird nicht veröffentl.)
Betreff
Ihr Kommentar



 
Capital - Suche
 
Alle Zinsen auf einen Blick
Wo Sie günstig finanzieren können und welche Anbieter Sparern die höchsten Renditen bieten.
ProduktMittel-
wert
Spanne
Baugeld (10 Jahre fest)3,02%2,68-4,90%
Tagesgeld (5.000 Euro)1,72%0,23-3,00%
Festgeld (12 Monate)1,81%0,75-3,16%
Sparbriefe (4 Jahre)1,89%0,60-3,50%
Girokonto (Dispo)11,24%5,50-14,50%
Ratenkredite (36 Monate)6,96%4,70-11,61%
Quelle: FMH-Finanzberatung