April 2011, dann soll es endlich so weit sein. Wenn es beim heutigen Fahrplan bleibt, wird die EU-Kommission in acht Monaten die endgültige Fassung der neuen Eigenkapitalregeln Solvency II für die Versicherungsbranche festlegen - und damit der Rückversicherung ein gigantisches Geschäftsfeld erschließen.
Das hoffen sie jedenfalls inständig in den Chefetagen von großen Gesellschaften wie
Munich Re,
Swiss Re oder
Hannover Rück. Viele ihrer Kunden sehen das ganz anders: Eine Reihe von Erstversicherern, darunter Europas Branchenprimus
Allianz, fordert, dass die EU das Unterfangen verschiebt.
Rückversicherer Stefan Lippe gibt sich trotzdem optimistisch. "Die Unternehmen warten jetzt ab, wie die letzten Tests für die Eigenkapitalregeln Solvency II verlaufen" , sagt der Chef des Weltmarktzweiten Swiss Re über seine Kunden. "Und dann wird es eine kräftige Nachfrage nach Bilanzhilfen geben", erwartet Lippe.
Solvency II ist ein komplexes Regelwerk, das die Versicherungsbranche transparenter und krisenfester machen soll, das sie aber auch schon vor der Einführung spaltet. Zu kompliziert, zu teuer in der Einführung, monieren Kritiker. Endlich ein System, bei dem die tatsächlichen Risiken und nicht willkürlichen Quoten im Mittelpunkt der Bewertung stehen, halten Befürworter dagegen.
Für die Rückversicherer, die Großhändler des Risikoschutzes, ist vor allem eins wichtig: Solvency II kann zu Eigenkapitalknappheit führen bei vielen Erstversicherern, die mit Endkunden Geschäfte machen. Passenderweise bietet das System die Möglichkeit, fehlende Eigenmittel durch Rückversicherung zu ersetzen.
In dem komplexen Geflecht zwischen Erstversicherern wie Allianz oder
Zurich und Rückversicherern wie Munich Re oder Scor spielt das eine entscheidende Rolle. Es könnte den Rückversicherern endlich wieder Oberwasser geben.
Wenn ein Versicherer ein großes Sturmrisiko oder 100.000 Autos abdeckt, braucht er dafür Eigenkapital. Dasselbe gilt, wenn er Gelder und Schadenreserven, die den Kunden zustehen, in Aktien oder anderen riskanten Papieren anlegt. Je riskanter ein Versicherungsvertrag oder eine Kapitalanlage, desto höher der Kapitalbedarf. Mit diesem Prinzip versuchen die Schöpfer von Solvency II, das Risiko so zu zähmen, dass kein Versicherer entweder an einer zu hohen Schadenbelastung oder an Verlusten aus Kapitalanlagen pleitegeht. Viele Versicherer sind aber knapp an Eigenkapital und können es sich auch nicht einfach an der Börse besorgen. Das gilt schon deshalb, weil viele keine Aktiengesellschaften sind, sondern Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, die ihren Kunden gehören. Gerade für diese Klientel sind Rückversicherer attraktiv - denn mit entsprechenden Vereinbarungen kann ein Versicherer auch mit knappem Eigenkapital kräftig wachsen. Natürlich kostet ihn das einiges. Davon lebt der Rückversicherer.
Der Boom schafft vor allem "einen Markt der großen Rückversicherer", sagt Swiss-Re-Vorsteher Lippe voraus. Schließlich gehe es nicht um kleine Verträge, sondern um Milliardenprogramme. Seine Schlussfolgerung: Es wird eine Konsolidierungswelle unter den Rückversicherern geben.
Das EU-gesponserte Konjunkturprogramm kann die Branche gut gebrauchen. Denn ihre Geschäftsaussichten sind ansonsten mau. Zwar haben die meisten Gesellschaften die Finanzkrise bislang gut überstanden. Sie hatten sich im Aktiencrash 2001 bis 2003 die Finger so verbrannt, dass sie danach vorsichtiger wurden.
Doch das Kerngeschäft läuft trotz überwundener Krise nicht rund. Die Ende 2008 vollmundig angekündigten Preiserhöhungen sind nicht eingetreten. Das gilt wohl auch für die Vertragserneuerung 2011, die in den kommenden Wochen bei den Branchentreffen in Monte Carlo und Baden-Baden ausgehandelt wird. Zwar traf in der ersten Jahreshälfte 2010 eine Reihe schwerer Naturkatastrophen die Versicherer, vor allem das Erdbeben in Chile mit geschätzten 8 Mrd. Dollar Belastung für die Assekuranz. Doch haben diese Ereignisse, die sonst immer gut sind für einen Preisausschlag nach oben, an der negativen Tendenz nichts geändert.






















