24.01.2007
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Foto: Photocase.com

Lebensversicherung

Ohne Sexappeal

Das Jahr 2007 startet mau. Millionen Versicherte müssen sich weiter mit niedrigen Zinsgutschriften begnügen. Für Neukunden sinken auch noch die Garantien.

Die Seelenlage seiner Kundschaft hat Jörg Westphal schon aus dienstlichen Gründen im Blick. Die ehemaligen Versicherten der in Schiefl age geratenen Mannheimer Leben haben einiges mitgemacht. Jahrelang erhielten sie keine Überschüsse. Nun genehmigte Westphal, Vorstandschef der Auffanggesellschaft Protektor, erstmals eine kleine Gewinnbeteiligung. Mindestens 3,5 Prozent Zins auf seine Spareinlage bekommen Versicherte jetzt, fast jeder dritte erhielt bisher weniger. Die Gutschrift ist gering, aber das Zeichen klar: Es gibt Hoffnung.

Doch positive Nachrichten sind die Ausnahme. Kaum ein gut positionierter Lebensversicherer rang sich dazu durch, die Gewinnbeteiligung anzuheben. Marktführer Allianz rührte die laufende Gutschrift nicht an, legte aber beim Schlussüberschuss einen Schnaps drauf. Auch R+V und Volkswohl Bund behielten die Hand auf dem Geldbeutel. „Der Markt stagniert auf niedrigem Niveau“, konstatiert Branchenkenner Manfred Poweleit, der die Gewinnbeteiligung von gut 70 Unternehmen untersuchte. „Im Branchenschnitt steigt die laufende Gutschrift für Rentenpolicen marginal von 4,16 auf 4,22 Prozent.“ Bei Kapitallebensversicherungen sieht es mit 4,25 Prozent ähnlich mau aus. Für die meisten der rund 70 Millionen Versicherten bedeutet das: ein weiteres mageres Jahr.

„Psychologisch ist das Signal fatal, weil es Vertrauen kostet“, urteilt Poweleit. Immerhin versprachen die Versicherer eine bessere Gewinnbeteiligung, sobald es am Kapitalmarkt wieder aufwärts geht. Doch viele Versicherte müssen sich weiter beschei den – und Interessenten bei neuen Policen noch genauer hingucken. Seit Jahresbeginn garantiert die Branche weniger denn je. „Neben der richtigen Vertragsgestaltung kommt es jetzt auf die Wahl eines soliden Versicherers an, der sich für seine Kunden anstrengt“, sagt Poweleit. Dazu zählten etwa Cosmos, Europa und Debeka.

Mitten im tosenden Wettbewerb um die Vorsorgemillionen präsentieren sich die Lebensversicherer schwach. In den beiden selbst erkorenen Disziplinen der Branche (Slogan: „Sicherheit mit Rendite“) sind gute Nachrichten rar. Für neu abgeschlossene Policen garantieren die Gesellschaften ihrer sicherheitsbewussten Klientel im Ergebnis oft nur noch um ein Prozent – je nach Vertrag und Anbie ter auch weniger. Zugleich muten avisierte Renditen um vier Prozent im Umfeld steigender Zinsen und boomender Aktienmärkte nicht gerade reizvoll an.

Viele Versicherte sind enttäuscht. Ihre Zinsgutschriften spiegeln die Besserung am Kapitalmarkt kaum wider. So verdient die reservestarke Allianz im Schnitt sechs Prozent pro Jahr, schreibt ihren Kunden laufend aber nur 4,5 Prozent gut. Wäre da nicht mehr drin gewesen? „Theoretisch ja“, sagt Sprecher Eckhard Marten, „aber wir legen Wert auf konstante Gutschriften und glauben nicht, dass wir in den nächsten zwei bis drei Jahren mit Festverzinslichen dafür genug verdienen können.“ Da Lebensversicherer die Garantien sicher erwirtschaften müssen, legen alle den Löwenanteil der Kundengelder festverzinslich an.

Wie unmittelbar die Gutschriften auf Wohl und Wehe der Versicherten wirken, zeigen vereinzelte Absenkungen wie bei der Asstel. Auch sie argumentiert mit dem Kapitalmarkt – und reduzierte die Sätze für Sofortrenten, die zwischen 2000 und 2004 abgeschlossen wurden, von 6,45 auf 4,3 Prozent. Die Rente von Dieter Fuchs fi el von knapp 354 Euro auf 299 Euro. Der Garantieteil blieb konstant, die nicht garantierten Überschüsse sackten um fast 56 Prozent. „Eine derart hohe Kürzung fi nde ich völlig unverständlich“, sagt der Steuerberater aus Bingen. „Für mich ist der Vertrag nur ein Zubrot. Sonst hätte ich jetzt ein Problem.“

Ein Plus für ihre Kunden genehmigten vor allem Gesellschaften, deren Gutschriften auf niedrigem Niveau dümpelten. So hievte beispielweise die Arag die laufende Gutschrift von 3,6 auf vier Prozent. Die Victoria in Düsseldorf legte bei Kapitallebensversicherungen leicht auf 3,6 Prozent zu. Die Inter verharrt hingegen auf niedrigem Niveau.

Die Kraftanstrengung der Kellerkinder hat ihren Grund. Denn die Gutschrift wirkt indirekt auch aufs Neugeschäft: Sie bestimmt maßgeblich die Höhe der Auszahlung, mit denen die Gesellschaften neue Kunden werben. Dabei machen sich kleine Renditeunterschiede in großen Summen bemerkbar: Erreicht ein Versicherer nach 30 Jahren mit je 2400 Euro Jahresbeitrag fünf statt vier Prozent Rendite, erhält der Kunde stattliche 27000 Euro mehr.

In ihren Hochrechnungen schreibt die Assekuranz die heutige Gutschrift einfach fort, teils 30 Jahre lang. Über die spätere Auszahlung sagt das wenig. Denn die Gutschriften werden jährlich neu justiert. Zudem ändern sich im Laufe der Jahrzehnte auch die Spielregeln des Geschäfts. So verlangen inzwischen die Anteilseigner vieler Versicherer mehr Geld. Nach Beobachtung von Poweleit werden Kunden von Aktiengesellschaften schon heute oft schlechter beteiligt als die von Versicherungsvereinen wie beispielsweise der Debeka oder der Huk-Coburg. Diese Tendenz könnte zunehmen. „Unsere Aktionäre wollen eine ordentliche Verzinsung“, erklärte Kurt Wolfsdorf, Vorstandschef der Hamburg-Mannheimer und Victoria Leben im Dezember. Ihnen wolle man mehr geben, aber natürlich müsse auch die Gewinnbeteiligung wettbewerbsfähig bleiben. Kunden prüfen heute laut Wolfsdorf aber nicht nur die Rendite, sondern vor allem Verlässlichkeit.

Selbst wenn das stimmen sollte, stehen Policen derzeit schlecht da. Der verlässliche Teil der Auszahlung liegt niedrig wie nie zuvor. Zwar bestehen höhere Garantien bereits laufender Verträge fort. Doch Neukunden erhalten bei Kapitalpolicen über 30 Jahre für 1200 Euro Jahresbeitrag im Branchenschnitt nur 41690 Euro garantiert, rund 3050 Euro weniger als zuvor. Selbst der eingezahlte Beitrag ist nicht mehr automatisch zum Auszahlungstermin gesichert. „Kunden prüfen vor Vertragsabschluss, ob die angebotene garantierte Auszahlung noch der Summe der Beiträge entspricht“, rät Rüdiger Falken, gerichtlich zugelassener Versicherungsberater aus Hamburg.

Ohnehin ist die Garantie auf den Beitrag branchenweit gering. „Je nach Vertragskonstellation und Versicherer liegt sie für Kunden ab 45 Jahren klar unter einem Prozent – allen voran bei Kapitallebenspolicen, kurzen Vertragslaufzeiten von zwölf Jahren und Verträgen, die mit einer Beitragsdynamik ausgestattet sind“, analysiert Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein. Nur bei Riesterverträgen ist der Beitragserhalt gesetzlich vorgeschrieben.

Was die garantierte Kapitalzahlung angeht, stehen private Renten etwas besser da als Kapitalverträge. Ohnehin sind Rentenpolicen im Verkauf derzeit das Flaggschiff der Branche. „Viele Leute schließen ab, weil sie glauben, eine private Rente sei automatisch rentabel“, sagt Falken. „Kaum ein Interessent hat aber im Blick, wie alt er werden muss, damit sich der Vertrag für ihn rechnet.“

Auf den Ertrag hat das erheblichen Einfl uss. Die Versicherer kalkulieren die Lebens erwartung ihrer Kunden – und rechnen seit 2005 noch vorsichtiger. Zwar können Versicherte zum Beginn des Ruhe stands in der Regel zwischen Kapitalzahlung oder lebenslanger Rente wählen. Die avisierte Rendite der Auszahlung liegt bei leistungsstarken Gesellschaften derzeit oft um 4,5 Prozent. Wer sich vor dem Ruhestand hingegen für eine Rente entscheidet, muss alt werden, um gut zu verdienen. Dies zeigen Musterbeispiele von Mathematiker Kleinlein für Männer und Frauen, die mit 35 Jahren eine private Renten abschließen und mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen.

Um ihr eingezahltes Geld herauszubekommen, müssen die Versicherten danach rund 75 Jahre alt werden. Eine Rendite von zwei Prozent, die einem Infl ationsausgleich entspräche, erreichen sie ungefähr ab dem Alter 80. Vier Prozent Ertrag schaffen sie frühestens mit knapp 90 Jahren, bei Unternehmen mit hohen Kosten teils erst ab 95 Jahren. Das zeigt: Die Rente bietet zwar die Sicherheit lebenslanger Zahlungen, rentabel wird sie aber erst für hochbetagte Versicherte. Bescheidene Renditen und geringe Garantien versuchen die Versicherer durch flexiblere Tarife wettzumachen. Bei vielen Gesellschaften sind jetzt während der Vertragslaufzeit zusätzliche Einmalbeiträge möglich. Die Alte Leipziger offeriert Rententarife, bei denen Frauen zum Ruhestand mit 65 Jahren vereinbaren können, dass ihre Rente – auch nach dem Tod – mindestens 27 Jahre lang fl ießt. Das freut die Erben, kostet allerdings auch Ertrag. Die Gothaer bietet nun eine klassische Rente, bei der Kunden vor Rentenbeginn auch einen Teil des angesparten Kapitals bar und den anderen als Rente verlangen können.

Ob ein Plus an Flexibilität der Kundschaft, die auch von Banken und Fondsgesellschaften umworben wird, reicht, ist ungewiss. „Eigene Impulse für eine bessere Beteiligung und Betreuung ihrer Kunden haben die Versicherer nicht gesetzt“, urteilt Marktbeobachter Poweleit. „Die Anreize für das Versicherungsgeschäft kommen in den letzten Jahren ausschließlich aus der Politik.“

Dabei könnte es bleiben. Schon 2009 liefert Berlin wohl neue Unterstützung für die Branche: Dann sollen Zinserträge und Aktienfonds mit 25 Prozent besteuert werden – und Policen holen ohne eigenes Zutun im Nach-Steuer-Vergleich mit der Konkurrenz wieder auf.


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Quelle: FMH-Finanzberatung