Capital: Mr. Grantham, die US-Börsen starteten 2005 schwach. Was wird der Rest des Jahres den Anlegern bescheren?
Grantham: Wall Street ist so überbewertet, wie ich es in meiner 36-jährigen Berufskarriere noch nie erlebt habe. Ob Aktien, Anleihen oder andere Anlagen: In den nächsten Jahren wird es in den USA keine positiven Erträge geben. Dabei berücksichtige ich nicht einmal Risiken wie neue Terroranschläge, Russlands Rückkehr zur Planwirtschaft oder den Absturz des Dollar. Ich prognostiziere, dass der S&P 500 in den nächsten Jahren von derzeit knapp 1170 auf 725 Punkte fällt – ein massiver Absturz, der auch die Börsen in Deutschland, Frankreich, den Emerging Markets oder die Anleihenmärkte mit sich reißt. Angesichts dessen habe ich nur eine Empfehlung: Anleger sollten schleunigst in Panik geraten und ihre Depots umschichten.
Capital: Wie kommen Sie auf die Marke von 725 Punkten?
Grantham: Wir haben in die Geschichtsbücher geschaut und die Marktdaten bis zu den Preußischen Roggenpreisen von 1618 analysiert. Insgesamt fanden wir 27 Spekulationsblasen. Ob der Schwarze Freitag von 1929 oder der Japan-Crash 1989: Nach dem Platzen jeder Blase stürzte der Markt mindestens auf das Niveau von vor dem Anstieg ab. Nach dem Ende der Internetblase im März 2000 hätte der S&P 500 auf 725 Punkte fallen müssen. Das hat er aber nicht getan.
Capital: Immerhin fiel der Index im Oktober 2002 auf 775 Punkte. Ist das nicht Erbsenzählerei?
Grantham: Tatsächlich sah es damals nach einer Kapitulation der Anleger aus. Dann stieg der Markt aber bis heute um rund 40 Prozent. Die schlechten Gewohnheiten kehrten zurück und spekulative Wachstums- und Internetwerte schossen wieder nach oben. Die US-Notenbank und die US-Regierung sorgten mit Zinssenkungen und Steuerkürzungen für die größte Bärenmarktrally aller Zeiten.






