Das Börsendebüt liegt noch nicht lange zurück: Am 1. Dezember 2005 startete der Telefondienstleister Eutex auf dem Parkett. Die Nachfrage ist gut, die Emission 2,5-fach überzeichnet. Doch bereits knapp zehn Monate später hat Eutex mehr als die Hälfte des Grundkapitals verbrannt, eine Kapitalerhöhung floppt. Im Januar 2007 bleibt von dem Unternehmen mit den hochfliegenden Expansionsplänen nur noch ein Häufchen Asche übrig: „Trotz erfolgreicher Umsetzung des Sanierungskonzeptes und eines aussichtsreichen Fusionsprozesses“ könne die laufende Kapitalerhöhung nicht fristgerecht abgeschlossen werden, heißt es auf der Firmenhomepage. Ein Investor habe „unerwartet abgesagt“.
Eutex ist der erste Pleitefall des Entry Standards und lässt das Börsensegment in zweifelhaftem Licht erscheinen. Denn die Ähnlichkeiten mit dem Neuen Markt, an dem sich viele Anleger die Finger verbrannten, sind enorm: Beide listen junge Wachstumsunternehmen, beide starten hoffnungsvoll, um dann abzu stürzen, und in beiden Fällen meldet als erstes ein Telekomunternehmen Insolvenz an. „Doch so augenfällig die Parallelen auf den ersten Blick auch sein mögen, die Segmente sind grundverschieden“, sagt Peter Conzatti, Fondsmanager bei Lupus Alpha. Wichtigster Unterschied: Anders als der Neue Markt richtet sich der Entry Standard ausdrücklich an professionelle Investoren. „Für Kleinanleger ist das Segment nicht geeignet“, betont Rainer Riess, Geschäftsführer der Deutschen Börse. Das ist allerdings bei den wenigsten angekommen – gerade Private zocken mit den Aktien der dort gelisteten 78 Gesellschaften. Befeuert durch reißerische Kaufempfehlungen in Börsenmagazinen setzen sie selbst größere Summen ein.
Dabei schuf die Deutsche Börse den Entry Standard im Oktober 2005 bewusst als wenig reguliertes Segment, das kleineren Unternehmen die Kapitalbeschaffung erleichtern soll. Sie müssen niedrige Anforderungen erfüllen: keine Quartalsberichte, keine Analystenkonferenzen, keine Bilanzierung nach internationalem Standard. Es genügt, Ad-hoc-Meldungen auf der Webseite des Unternehmens zu veröffentlichen – ein Problem für Anleger, die Nachrichten mühsam suchen müssen.
„Wegen der abgespeckten Pflichten sparen die Unternehmen enorme Kosten, oftmals ist daher ein Börsengang überhaupt erst möglich“, sagt Conzatti. „Andererseits dringen wenige Informationen nach draußen.“ Der Entry Standard ist deshalb nur für Informierte geeignet, die Risiken richtig einschätzen – in der Regel professionelle Anleger, die Wagniskapital einsetzen. Die Deutsche Börse tut gut daran, das zu betonen. Denn eine Wiederholung des Neuen-Markt-Debakels kann sie sich nicht leisten. Pleiten und Skandale ruinierten damals das Image des Marktplatzes. Notgedrungen schloss die Deutsche Börse ihn im Dezember 2004.
Doch anders als bei Insolvenzen wie der von Comroad, einem Unternehmen, das mehr als 90 Prozent seiner Umsätze erfunden hatte, sehen Marktteilnehmer jetzt noch keinen Grund zur Besorgnis. „Eutex ist meines Wissens kein Betrugsfall, das Geschäftsmodell hat einfach nicht funktioniert“, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut (DAI). Junge Firmen brauchen die Gelegenheit, ihre Geschäftsideen in die Praxis umzusetzen. Da kann es zu Schwierigkeiten kommen. „Das ist zwar für betroffene Unternehmen dramatisch, aber der Markt muss das wegstecken können“, sagt Christoph Schlienkamp, Nebenwerteanalyst beim Bankhaus Lampe.
Junge Gesellschaften nicht zu finanzieren, ist keine Alternative. Denn unter ihnen finden sich vielleicht die Bluechips von morgen. In Großbritannien hat die Börse das längst erkannt. Der Alternative Investment Market mit vergleichbaren Anforderungen wie das Frankfurter Segment existiert bereits seit 1995. Die britische Regierung fördert sogar Investments mit Steuerprivilegien. In Deutschland müssen sich Unternehmen dagegen meist an Banken wenden. Und die Institute zeigen sich bei der Kreditvergabe an junge Betriebe eher zurückhaltend. Selbst etablierten Mittelständlern bieten sie oft nur projektbezogene Kredite. „Das reicht jedoch nicht aus, wenn eine Firma schnell wachsen will“, sagt Design-Bau-Vorstand Felix Krekel.
Neben neuem Kapital bringt der Börsengang in diesem Segment auch Aufmerksamkeit. „Die Presse berichtet öfter über Unternehmen im Entry Standard als über Titel im Freiverkehr oder nicht börsennotierte Firmen“, erklärt Krekel. „Ohne die Wirkung des Listings hätten wir nie den Zuschlag für ein Grundstück in bevorzugter Hamburger Lage erhalten“, ist er sich sicher. Wolfram Lüdeke, Vorstand der Berliner Synchron, einem Spezialisten für Synchronproduktionen, ergänzt: „Der Börsengang erleichtert die Akquisition von Neukunden.“
Trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit ist das tägliche Handelsvolumen bei vielen Aktien sehr gering. „2006 hatten wir ein Handelsvolumen von durchschnittlich 6200 Aktien pro Tag“, sagt Klicktel-Chef Boris Polenske. Die mangelnde Liquidität vieler Titel ist problematisch. „Schon bei kleineren Kaufoder Verkaufsorders schwanken die Kurse stark“, erläutert Analyst Schlien kamp. Die mangelnde Liquidität ist ein Grund, warum viele Unternehmen auf längere Sicht ein Listing im geregelten Markt anpeilen. Hinzu kommt die schlechte Kursentwicklung. „Zufrieden sind wir nicht“, räumen Krekel, Polenske und Lüdeke ein. Der Index zeigt, dass sich die Investoren 2006 den risikoärmeren Daxund M-Dax-Werten zuwandten. „Die Erinnerung an den Neuen Markt sitzt noch tief. Und gebrannte Investoren scheuen das Feuer“, sagt DAI-Experte Leven. Fazit: Wer kein Spielgeld zum Zocken übrig hat, sollte dem Markt besser fernbleiben.
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