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Foto: Photocase.com

Heiko Thieme

Der Schaumschläger

Heiko Thieme ist bei deutschen Medien als Experte gefragt und vielen Anlegern als Börsenguru bekannt. Der Wahl-New-Yorker ist ein großartiger Redner - aber ein umstrittener Portfoliomanager. Jetzt soll in Deutschland ein neuer Aktienfonds von ihm aufgelegt werden. Muss das sein?

Verzweifelt sieht Heiko Thieme auf sein Handy, drückt eine Taste nach der anderen. Während der Chauffeur ihn von seinem Haus in Stanford zum Büro in New York schaukelt, telefoniert der Fondsmanager gewöhnlich. Nur jetzt findet er den Knopf nicht, um den Lautsprecher abzustellen. Schließlich fingert er seine Brille aus der Jacke, um die Hinweise auf dem Display lesen zu können. „Stimmaktivierung, das wäre die Lösung“, plappert er. Und: „Wenn sie auf den Markt kommt, bin ich ein Visionär.“



Willkommen in der Welt von Heiko Thieme. Stets versucht der 63-Jährige trickreich und schlagfertig, missliche Lagen zu seinem Vorteil zu wenden. Unbeirrbar glaubt er an sich: „Pessimismus ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst.“ In Deutschland ist er eine Börsenberühmtheit. Regelmäßig wird er zu Vorträgen eingeladen und hoch bezahlt.

Der tadellose Ruf erstaunt. Denn der von ihm gemanagte American Heritage Fund verlor seit 1996 im Schnitt 18,1 Prozent jährlich. „Das ist einer der schlechtesten Fonds in der Finanzgeschichte“, so Russel Kinnel, Chef der Fondsanalyse beim US-Finanzdienstleister Morningstar. Dem zum Trotz: In wenigen Wochen will Thieme in Deutschland einen neuen Fonds für US-Aktien auf den Markt bringen.

Besuchstermin bei Thieme in der feinen Adresse 3rd Avenue, Ecke 51. Straße. Im Magazinständer seines Konferenzzimmers steckt zerknittert eine uralte Ausgabe von Thiemes eigenem Newsletter „Der Standpunkt/The Viewpoint“. Die meisten Räume seines Bürotrakts stehen leer. In seinem Arbeitszimmer fallen ein Foto von Ronald Reagan – handsigniert: „To Heiko Thieme“– und zwei Pokale der Fachzeitung „Mutual Funds“ ins Auge: Für die Wertung als schlechtester Fondsmanager 1995 und als bester 1997. „Ich schäme mich nicht für meine Vergangenheit“, sagt er.

1943 wurde er in Leipzig geboren. Kurze Zeit später flüchtete seine Familie vor dem Bombenhagel ins Ferienhaus im Harz. Nach dem Krieg bauten seine Eltern eine Arztpraxis in Goslar auf. Bei Tisch habe er zu denken und zu argumentieren gelernt, erzählt Thieme. Er wirft gern Sätze ein, wie „mein Großvater war Generalbevollmächtigter eines Stahlkonzerns“ oder „mein Ur-Ur-Großvater Hoffmann war Oberhofprediger beim Kaiser“. Überhaupt seien die Ahnen seiner Mutter als Prediger in Jerusalem oder Pommern unterwegs gewesen. „Daher habe ich meine Redebegabung“, sagt der Fondsmanager.

Als einziger von drei Geschwistern wandte sich Thieme von der Medizin ab und studierte Jura in Hamburg. Obwohl er sein Referendarexamen nur mit „ausreichend“ bestand, durfte er beim Max-Planck-Institut den Doktor machen. Eigentlich brauchte man dazu bessere Noten, aber er beeindruckte seinen Professor in der mündlichen Prüfung derart, dass dieser eine Ausnahme machte. Das sollte der aufstrebende Jurist noch oft erleben: Mit sicherem Auftreten und geschliffener Rhetorik ist manche Hürde zu nehmen.

Mit seiner Marketingbegabung fiel Thieme schnell auf und machte Karriere bei englischen Brokerhäusern. 1979 bot ihm die Deutsche Bank an, das Handelsgeschäft in den USA aufzubauen. Unter US-Chef Barthold von Ribbentrop arbeitete er an der Wall Street, stellte Analysten ein, baute das Brokergeschäft auf.

Als Banker genoss er aber offenbar nicht den besten Ruf. Als es in New York Mitte der 80er-Jahre hieß, Thieme suche einen neuen Job, schalteten beispielsweise die Mitarbeiter der Commerzbank sofort auf Abwehr. „Dort hätten bei seiner Einstellung massenhaft Leute gekündigt“, sagt Michael Keppler, damals US-Anlagestratege der Bank.

Zehn Jahre lang sah Thieme die großen Börsengewinne an sich vorbeiziehen. 1990 schließlich kaufte er die Fondsgesellschaft American Heritage Funds. Die ersten drei Jahre verliefen mit einem Gewinnzuwachs von 230 Prozent fantastisch. In der Spitze verwaltete der Newcomer rund 150 Millionen Dollar – bis die ersten Zweifel an seinem Können aufkamen. Rund 15 Prozent des Depots waren Privatplatzierungen: Für einen Kursabschlag von bis zu 30 Prozent kaufte er von kleinen Gesellschaften große Aktienpakete, die für eine bestimmte Zeit unverkäuflich waren. Der angenehme Effekt: Die Aktien wurden zum höheren, aktuell an der Börse bezahlten Kurs eingebucht und so wies der Fonds sofort ein entsprechendes Plus auf.

 
Ob Börsenboom oder Rezession: Heiko Thiemes Fonds „The American Heritage“ schneidet schlechter ab als der Markt.

Nach einem kritischen Bericht im „Wall Street Journal“ von 1994 kam es zu Sammelklagen von Anteilseignern. Im Handumdrehen wurden 80 Millionen Dollar abgezogen. Thieme verkaufte daraufhin vor allem liquide Titel wie IBM. So schnellte der Anteil von Privatplatzierungen am Gesamtportfolio seines Fonds weiter nach oben. Tatsächlich sind solche Panikattacken ein großes Problem für alle kleinen Fonds. Doch der wagemutige Deutsche tappte damals wohl in eine Falle, die er sich selbst gestellt hatte: Um spektakuläre Kursgewinne zu erzielen, ging er zu viele Risiken ein.

Zudem fehlte ihm oft das Gespür für die richtigen Aktien. Zum völligen Missgriff geriet sein Investment bei Spectrum Information Technologies. Das Unternehmen wollte mit neuartigen Technologien zur Datenübertragung Gewinne machen. Als 1994 der Vorstandschef zurücktrat und die Firma ihre Bilanzzahlen zurückziehen musste, ignorierte Thieme die Warnhinweise und kaufte unerschütterlich hinzu, obwohl die Papiere bereits sechs Prozent des Gesamtportfolios ausmachten. Ein Jahr später meldete Spectrum Konkurs an.

Beispiele für ähnliche Fehlinvestments in Technologiefirmen sind schnell gefunden. Was allen gemein ist: Obskure Firmen versprachen das Blaue vom Himmel und Thieme stieg ein.

Kein Denken daran, dass er sich heute von hochspekulativen Werten fernhalten würde. Zweimal während des vereinbarten Gesprächs klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung sind Promoter kleiner kanadischer Minengesellschaften. Mit beiden verabredet der Fondsmanager sich prompt.

Thieme scheut kein Risiko. Im Geschäftsjahr 2005/2006 weist der American Heritage eine Umschlagsrate seiner Wertpapiere von 843 Prozent auf, im Jahr zuvor von 967 Prozent. Bei anderen Aktienfonds zieht man schon bei zweistelligen Raten die Augenbrauen hoch. Doch der Wahl-New-Yorker hat das regelmäßig so gemacht.

Dass bei einem derartigen Hin und Her Handelsgebühren anfallen, die schließlich die Rendite fressen, fürchtet er nicht. Seine Argumente sind verblüffend: Das könne nicht passieren, weil die Verkäufe ja Gewinne einspielen, wenn die Entscheider richtig liegen: „Davon muss man bei einem Fondsmanager ausgehen“, proklamiert der Sachse. Damit auch ja keine Zweifel aufkommen, schiebt er gleich noch hinterher: „Ich verlange von Fondsmanagern, dass sie kurzfristigste Kursschwankungen nutzen, die sollen jede Minute arbeiten.“

So ist das mit Heiko Thieme. Die Frage, ob er sich angesichts eines vernichteten Fondskapitals von etwa 80 Millionen Dollar nicht schäme, findet er offenbar abwegig: „Auf keinen Fall“, sagt er. Sein Fonds sei doch als risikoreich ausgewiesen worden. Niemand habe mehr als fünf Prozent seines Vermögens hineingesteckt. Investiert hätten zudem nur wirklich reiche oder institutionelle Anleger. „Einmal wollte eine alte Dame mir ihr ganzes Geld geben, das habe ich abgelehnt“, sagt er.


von Thomas Jahn



 
 
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Quelle: FMH-Finanzberatung
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