Die Schweden haben historisch eine völlig andere Erfahrung gemacht als wir Deutsche. Das Verhältnis zum Staat und seinen Institutionen ist ungebrochen, man kann sogar von einem naiv anmutenden Vertrauen sprechen. Hierzulande hingegen hat man im vergangenen Jahrhundert zwei brutale Diktaturen mitmachen müssen. Wesentliches Instrument der Unterdrückung war die Informationsbeschaffung. Dafür gab es bekanntermaßen sehr mächtige Staatsorganisationen, die ohne Skrupel agierten. Die Abschaffung des Bargelds wäre der Traum der damaligen Machthaber gewesen, ermöglicht sie doch die totale Kontrolle über Bürger. Die Abschaffung des Bargelds wäre daher der Alptraum für jeden Demokraten. Im übrigen: Die heute schon zulässigen Kontrollmitteilungen und Bankabfragen sind es auch. Sie sind nichts anderes als ein Rückschritt in die Diktatur.
Jeder Überfall hilft. Jedenfalls wenn man die Angelegenheit aus der Perspektive von Leif Karlsson betrachtet. Nicht, dass der 63-Jährige Freund und Förderer von Eigentumsdelikten wäre, im Gegenteil. Karlsson ist Sprecher der schwedischen Bankgewerkschaft Finansförbundet und nimmt als solcher bei Fragen unfreiwilliger Umverteilung schon von Berufs wegen eine eher konservative Haltung ein. Aber jeder Überfall, jeder Bankraub zeigt nun einmal, wie unsicher diese Sache mit dem Bargeld ist. Das will Karlsson nämlich abschaffen. "Kein Bargeld, kein Grund für Raubüberfälle", so lautet seine Argumentation.
Seit zwei Jahren arbeitet Karlsson an der Verwirklichung seiner Vision: 2008 gründete er die Initiative Kontantfritt Nu mit, schwedisch für "bargeldfrei jetzt", in der sich die Münzgegner Schwedens zusammengeschlossen haben, überwiegend Banken- und Einzelhandelsverbände.
Ihr Ziel mag abwegig klingen, aber schon jetzt gehören die Schweden zu den weltweit eifrigsten Kartenzahlern. Im vergangenen Jahr zahlte jeder von ihnen im Schnitt 301-mal ohne Bargeld, die eher kartenfaulen Deutschen lediglich 204-mal. Diesen Herbst nun sind die Mitglieder von Kontantfritt Nu ihrem Ziel einen Schritt näher gekommen - der Staat hat sich ihrer Sache angenommen.
Das Amt für Arbeitsschutz untersuchte die Sicherheitsvorkehrungen von 3000 Geschäften im ganzen Land, in denen es überdurchschnittlich viele Überfälle gab. Die Behörde kann die Geschäfte zu rein bargeldlosem Zahlungsverkehr verpflichten - für viele dürfte das das Aus bedeuten. "Trotzdem können und sollten wir nicht ausschließen, einzelnen Geschäften ein Bargeldverbot zu verordnen", sagt Mikael Sjöberg, Direktor des Arbeitsschutzamtes. Für Karlsson wäre es ein Schritt in die richtige Richtung. "Immer mehr Angestellte sahen sich in der Vergangenheit Raubüberfällen ausgesetzt. Das wollen wir ändern", sagt er. Das Ergebnis der Untersuchung soll Ende der Woche veröffentlicht werden.
Regelmäßig malt Finansförbundet im sogenannten Raubbarometer den Schweden das Schreckensszenario einer dank Bargeld völlig verrohten und durch und durch kriminalisierten Gesellschaft. So seien etwa 75 Prozent der im jüngsten Barometer befragten Bankangestellten schon einmal Opfer eines Überfalls geworden oder hätten einen Kollegen, dem solche Unbill widerfahren sei. Gleichzeitig meinten aber 90 Prozent, ihr Arbeitgeber tue genug für den Schutz seiner Angestellten. "Das Problem ist also nicht mangelnde Sicherheit", schlussfolgert Karlsson, "sondern die Anwesenheit von Bargeld an sich."
Breite Unterstützung bekommt Kontantfritt Nu auch von der Polizei: Bargeld ist eben flüchtig, und elektronische Geldströme lassen sich so sehr viel leichter überwachen. Zwei von drei schwedischen Münzkronen seien schwarz, sagt Carin Götblad, Polizeichefin von Stockholm. Für sie ist Bargeld nichts anderes als "Schmiermittel, das die organisierte Kriminalität am Laufen hält". Sie selbst bezahle daher eigentlich nur noch mit Karte.
Die Politiker bewegen sich, die Polizei ist dafür, muss also nur noch einer richtig überzeugt werden: der Konsument. Und da wird es schwierig für die Bargeld-Abolitionisten. "Vor allem bei den jüngeren Leuten ist die Skepsis gegenüber uns und unserem Wunsch nach einer Gesellschaft ohne Bargeld immer noch groß", sagt Karlsson. "Auf uns wartet noch viel Überzeugungsarbeit." Vielleicht haben ja die Räuber ein Einsehen.
Quelle: ftd
© 2010 capital.de
Was die Leser sagen
- (Kommentare 1-1 von 1)





















