Die Herabstufung der US-Bonität durch die Ratingagentur Standard & Poor’s hätten die europäischen Bankaktien vermutlich noch wegstecken können. Die sich seit Wochen zuspitzende Debatte über die Zukunft der Euro-Zone ist hingegen eine echte Belastung für die Titel, und angereichert um die auch von offiziellen Stellen gestreuten Gerüchte über die mögliche Unterkapitalisierung und drohende Refinanzierungsengpässe, ergibt sich ein klares Bild: Wir stecken in der größten Krise europäischer Banken seit den Wirren der Lehman-Pleite im Herbst 2008.
Seit Ende Juli und somit binnen nur gut sechs Wochen verloren europäische Bankaktien gemessen am Auswahlindex Stoxx 600 Banks ein Viertel an Wert, knapp 200 Mrd. Euro Börsenwert lösten sich in Luft auf. Noch deutlicher fallen die Abschläge bei den Banken der Euro-Zone aus: Sie büßten seit Beginn der jüngsten Turbulenzen Ende Juli zeitweise 45 Prozent an Wert ein, die Aktienkurse großer Institute wie Deutsche Bank, Commerzbank, BNP Paribas oder Société Générale haben sich seit dem Frühjahr in etwa halbiert. Auch die Fondsmanager weltweit sind laut der monatlichen Befragung der Bank of America/Merrill Lynch, des größten Vermögensverwalters der Welt, so pessimistisch wie nie zuvor gegenüber Bankaktien; nie war die Untergewichtung von Banktiteln gegenüber anderen Sektoren höher als derzeit.
Hohe Buchwertabschläge
Die dramatischen Kursverluste sind mehr als nur kurzfristige Panikreaktionen. Die drastisch geschrumpften Bewertungen illustrieren fundamentale Zweifel am künftigen Geschäftsmodell der Banken. So werden derzeit 18 der 20 größten europäischen Banken unterhalb ihres Buchwerts gehandelt, davon neun mit einem Abschlag von mehr als 50 Prozent. Branchenweit beträgt das Kurs-Buchwert-Verhältnis aller im Großbanken Europas derzeit 0,57. Das heißt plastisch: Würde man die Banken sofort schließen, ihre Vermögenswerte verkaufen und an Aktionäre auszahlen, käme für diese – theoretisch – ein Gewinn in Höhe des Abschlags von 43 Prozentpunkte heraus.
Eine der Hauptursachen der Unterbewertung auf dem Paper ist allerdings, dass viele Analysten erstens Zweifel an der Werthaltigkeit der Vermögenswerte hegen, zweitens unentdeckte Risiken in den Bilanzen vermuten und die Banken drittens aufgrund möglicher Verluste durch die Euro-Krise – etwa, wenn gehaltene Staatsanleihen nicht wie erwartet bedient werden – frisches Kapital aufnehmen müssen. Die Analysten von Goldman Sachs etwa rechnen vor, dass im Szenario eines „Schuldenschocks“ mit einem Teilausfall der Anleihen Griechenlands (um 60 Prozent) und Portugals und Irlands (um je 40 Prozent) die europäischen Banken zwischen 30 und 90 Mrd. Euro frisches Kapital aufnehmen müssten – Geld, das angesichts der stark gefallenen Aktienkurse und der trüben Stimmung im Krisenfall kaum über den Kapitalmarkt aufzubringen wäre. Im Zweifel müsste erneut der Staat einspringen – oder aber der Rettungsfonds EFSF, der nach dem Willen vieler Aufseher und Politiker künftig auch direkt Banken helfen soll. Deren Aktionären droht dann aber – wie schon 2008/09 – neben den bereits erlittenen Kursverlusten zusätzlich eine Verwässerung ihres Anteilsbesitzes.
Quelle: Capital
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