Empfehlen Als E-Mail verschicken Facebook Twitter XING Drucken
03.02.2012
Ferdinand Fichtner, DIW-Konjunkturchef
Ferdinand Fichtner, DIW-Konjunkturchef
Foto: DIW
Investor-Artikel

DIW-Konjunkturchef Fichtner im Interview

"Die EZB könnte die Krise beenden"

von Heinz Ludwig

Was die Europäische Zentralbank tun könnte, warum Eurobonds sinnvoll sind und weshalb die prognostizierte Rezession in Deutschland eigentlich doch keine ist - für Ferdinand Fichtner alles sonnenklar.

Ferdinand Fichtner arbeitet seit April 2010 beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und leitet dort seit Mai 2011 die Konjunktur­abteilung. Vorher beschäftigte sich der ­promovierte Volkswirt bei der Europäischen Zentralbank (EZB) vor allem mit Konjunkturanalysen für die USA und Japan.

Die Euro-Schuldenkrise köchelt weiter vor sich hin, die Politik bekommt sie nicht in den Griff. Viele Länder müssen sparen und geraten immer tiefer in die Rezession. Kommt da eine Spirale nach unten in Gang?

Das ist eindeutig der Fall. Die Krise kann nicht so weitergehen wie bisher. Was wir seit eineinhalb Jahren erleben, ist ein Durchwursteln. Sehen wir uns den im­mensen Refinanzierungsbedarf, besonders Italiens und Spaniens, in der ersten Jahreshälfte 2012 an, ist nicht vorstellbar, dass diese Länder sieben Prozent Zinsen zahlen werden. Die Rezession erschwert die Sparbemühungen zusätzlich und macht es noch schwerer, die Finanzmärkte zu beruhigen. Das heißt, es muss jemand eingreifen.

Wer wird das sein?

Das kann letzten Endes wohl nur die Europäische Zentralbank (EZB) sein. Wir gehen davon aus, dass die stabilitätsorientierten Regierungen in Europa versuchen, die Krise noch für einen bestimmten Zeitraum zu nutzen, um Reformen durchzusetzen, die ohne die Krise nicht möglich wären. Inzwischen wurde immerhin ein Ausmaß an fiskalischer Koordination vereinbart, das vor zwei Jahren noch undenkbar war. Das sieht meines Erachtens auch die EZB so, die sich unter der neuen Führung weniger gegen Interventionen sperren dürfte.

Sie meinen, die EZB ist unter ihrem neuen Chef Mario Draghi bereit, in großem Stil Anleihen der notleidenden Staaten zu kaufen?

Natürlich ist auch unter Draghi in der EZB weiter das Bewusstsein vorhanden, dass das Brechen von Tabus die Unsicherheit an den Märkten noch mal verstärken könnte. Vor diesem Hintergrund müssen die Notenbanker abwägen, ob sie die Krise beenden. Aber ich gehe davon aus, dass die EZB sie beenden könnte, wenn sie ankündigen würde, dass ihre Interventionsmasse quasi unbegrenzt ist. Dann würden die Marktteil­neh­mer erkennen, dass es sich nicht mehr lohnt, gegen die EZB zu zocken.

Wie sollte die EZB konkret vorgehen?

Wenn sie interveniert - ich glaube, das wird sie im ersten Halbjahr tun -, wäre es am saubersten, wenn sie dem existierenden Rettungsschirm EFSF beziehungsweise dem künftigen Rettungsschirm ESM die Refinanzierung erleichterte. Das könnte über die Vergabe einer Banklizenz erfolgen oder indem sie auf dem Sekundärmarkt für EFSF/ESM-Anleihen interveniert und dort versucht, den Zins zu manipulieren.

Wären Eurobonds, also gemeinsame Anleihen der Euro-Staaten, nicht der bessere Weg?

Auf lange Sicht kann ich mir Eurobonds durchaus vorstellen. Für ein Europa, das sich geldpolitisch so stark zusammen­gerauft hat, müsste es ein Ziel sein, auch finanzpolitisch eng zusammenzuarbeiten. Voraussetzung wäre aber, dass nicht jedes Land auf Kosten der anderen machen kann, was es will. Wir brauchen also eine wirkungsvolle finanzpolitische Koordination und gegenseitige Kontrolle. Die gab es zwar formal mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt schon, das hat aber nicht funktioniert, weil sie nur auf dem Papier stand. Letztlich brauchen wir ein ganz anderes europäisches Bewusstsein in den Mitgliedsländern. Solange die Völker Europas das Gefühl haben, sie haben Vorgaben aus Brüssel - oder noch schlimmer: aus Berlin - zu befolgen, wird es nie zu einer Akzeptanz europäischer Schulden­regeln kommen.

Eine Folge der Krise ist, dass Euroland in die Rezession geraten ist. Dabei steht Deutschland noch relativ gut da. Können wir uns dem Abwärtsstrudel ent­ziehen?

Die Konjunktur ist in Deutschland defini-tiv weniger schwach als im Rest des Euro-Raums, weil die Binnennachfrage vergleichsweise solide ist, was für hiesige Verhältnisse fast schon ungewöhnlich ist. Das dürfte dazu führen, dass die Schwächephase, die auch die deutsche Wirtschaft durchschreitet, weil die Auslandsnachfrage gedämpft wird, nicht so ausgeprägt sein wird wie in anderen Ländern.

Kommt die deutsche Wirtschaft also um eine Rezession herum?

Wir prognostizieren zwar für Deutschland das, was man eine technische Rezession nennt, also zwei aufeinanderfolgende Quartale mit negativen Wachstumsraten. Das vierte Quartal 2011 und das erste Vierteljahr 2012 werden voraussichtlich leicht negativ sein. In einem breiteren Sinn würde ich dennoch nicht von Rezession sprechen. Denn wir haben nicht, was man gemeinhin in einer Rezession hat, nämlich einen Einbruch des Arbeitsmarkts oder die Gefahr, dass die Wirtschaft in eine Negativspirale reinläuft. Dabei unterstellen wir, dass die Euro-Schuldenkrise rasch beruhigt wird.

Warum sollte das reichen, dass es mit der Konjunktur wieder aufwärtsgeht?

An der strukturell guten Stellung der deutschen Wirtschaft hat sich ja nichts geändert. Kann man den temporär wirkenden Faktor Schuldenkrise glaubhaft beiseiteräumen, spricht nichts dagegen, dass wir wieder an das kräftige Wachstum der Jahre 2010 und 2011 anknüpfen können. Wir haben in Deutschland eine gute Arbeitsmarktlage, eine hohe Wettbewerbsfähigkeit und eine starke Position auf den Weltmärkten.

Glauben Sie, dass es die Euro-Zone in ihrer heutigen Form in fünf Jahren noch gibt?

Die europäischen Regierungen und Institutionen werden alles tun, um die Krise zu beenden und ein Auseinanderbrechen der Währungsunion zu verhindern. Ich glaube nicht, dass Länder freiwillig aus der Euro-Zone austreten. Die Folgen wären so negativ, dass kein Politiker eines Krisenlandes das empfehlen könnte.


© 2012 boerseonline

Was die Leser sagen

Freddy
06.02.2012 | 10:54
Nein, Herr Fichter

Zitat aus dem Kommentar "Nein Herr Fichtler": "Die Geldverteilungsmaschine hat noch nie funtioniert. Bremen und Berlin sind nach Jahrzehnten im Länderfinanzausgleich immer noch abhängig von Bayern. das sollte uns eine Lehre sein."....
Folgt man der Logik dieses Kommentars, müsste sich Deutschland also wieder in sein Bundesländer auflösen?! ... Die Antwort ist sicherlich nein, da wir ja alle Deutsche sind.

ghein
04.02.2012 | 18:36
Interview mit Herrn Fichter

Stimme Ron777 voll und ganz zu !
Die einzige Lösung diese Katastrophe noch rechtzeitig zu beenden, ist die Rückkehr zu nationalen Währungen, einige Zeit vielleicht noch mit dem Euro als Parallelwährung. Denn den letzten , wenn alle pleite gegangen sind , beissen die Hunde und das ist dann Deutschland. Der Versuch einer Gleichmacherei aller europäischen Staaten war von Anfang an zum Scheitern verurteilt und wird auch in der Zukunft nicht klappen. Und die Abschaffung des Euro wird zwar hart werden, aber nicht die Apokalypse bedeuten, wie sie gerne an die Wand gemalt wird, um die Politiker und das Volk unter Druck zu setzen.

Rudolf Thomas
04.02.2012 | 13:00
Eurokriese

Herr Fichtner hat nicht zu Ende gedacht. Die doppelte Buchführung ist schuldig. Ohne ihr könnte die EZB Gelder überweisen, ohne daß die Mittel jeweils als Forderungen/Guthaben ausgewiesen werden. Das ist die richtige Lösung.

wacht
03.02.2012 | 16:21
Keine andere Möglichkeit

Die EZB wird mit dem Segen der Regierungen gerade eben dieses Geld drucken damit das Schuldenproblem über die Inflation entschärft wird. Gelackmeiert sind alle Sparer, also nur wer Schulden hat kann sich freuen.
Stimmt nicht? Na wir sprechen uns in 5 Jahren wieder!

Ron777
03.02.2012 | 14:18
Nein, Herr Fichter

Herr Fichtner kommt mir vor wie der Rösler des DIW. Ein bemühter junger Herr ohne viel Erfahrung - aber dafür mit Sendungsbewusstsein. Dass sowas bisweilen bei 2 Prozent Volkszustimmung endet - ein anderes Thema.
Nun aber zur Sache: Der von Fichtner geforderte Eingriff der EZB ist zunächst mal schlicht illegal und widerspricht den Gesetzen der EU und der Euro-Gesetzgebung. Wenn die EZB Anleihen in gigantischen Ausmaß aufkauft und damit indirekt die Staatshaushalte der kriselnden Südländer des Währungsverbundes stützt, tut sie das mit Geld, welches sie selbst erschafft. Bildlich gesprochen bedrucken wir viele neue Papierschnipsel mit schönen Euromotiven. Da diesem Geld keinerlei Gegenwert gegenübersteht, ist dies eine Art Kapitalerhöhung des Euros und verwässert damit zuungunsten der alten Geldhalter den Wert unserer Gemeinschaftswährung. Ein Skandal, dass dieses Geld zudem nicht allen Anteilseignern des Euros zugute kommt, sondern nur den Krisenländern. Auch Deutschland leidet unter starken Staatsschulden. Doch kein Euro fließt in unsere Staatsschatullen - geschweige denn in die Protemoneis der Privatbürger, die durch diese Geldausweitungsmaßnahem schlicht teilenteignet werden. Stattdessen alimentieren wir weiter die Misswirtschaft des Südens in der Hoffnung, dass hier Reformen eingeleitet werden, die zu neuem Wachstum führen. Das ist abenteuerlich! Die derzeitigen Krisenländer haben in aller Regel kein Schuldenproblem, sondern ein Strukturproblem: sie sind nicht wettbewerbsfähig. Warum? Weil ihre durchschnittliche Produktivität im Vergelcih zu den Löhnen zu niedrig ist, weil Bildungsdefizite und Deindustrialisierungstendenzen ein Wirtschaftswachstum auf industrieller Basis unmöglich machen. Zu hoffen, die Verhältnisse könnten wir in den nächsten 5 Jahren zum Besseren wenden, ist illusorisch. Nein, wir werden auch in einem Jahrzehnt noch diese Probleme haben - eventuell in eskalierter Form. Dann haben wir verbrannte Erde und ganz Südeuropa auf Entwicklungslandniveau - finanziell abhängig vom unter Transferleistungen ächzenden Norden. Das kann nicht unser Ziel sein. Die Geldverteilungsmaschine hat noch nie funktioniert. Bremen und Berlin sind nach Jahrzehnten im Länderfinanzausgleich immer noch abhängig von Bayern. das sollte uns eine Lehre sein. Die Politik der EU ist menschenverachtend, kontraproduktiv und endet im globalisierten Markt in einer Katastrophe. Wir brauchen endlich wieder nationale Währungen. Ohne den Euro hätten wir die Probleme, die uns jetzt existenziell beschäftigen, gar nicht.

(Kommentare 1-5 von 5)

Ihre Meinung

Ihr Name
Ihre Email-Adresse (wird nicht veröffentl.)
Betreff
Ihr Kommentar



 
Capital - Suche
 
Marktinformationen
DAX Tops Diff %
Metro
E.ON N
Allianz N
Flops
Infineon T
MAN
SAP
DAX 6.271,22 -0,60%
TecDAX 742,49 -1,63%
EUR/US 1,2786 +0,06%
GOLD 1.597,13 +0,31%
Quelle: Smarthouse Media, SIX Telekurs
Alle Zinsen auf einen Blick
Wo Sie günstig finanzieren können und welche Anbieter Sparern die höchsten Renditen bieten.
ProduktMittel-
wert
Spanne
Baugeld (10 Jahre fest)2,80%2,53-4,90%
Tagesgeld (5.000 Euro)1,44%0,17-3,00%
Festgeld (12 Monate)1,51%0,50-3,00%
Sparbriefe (4 Jahre)1,66%0,45-3,25%
Girokonto (Dispo)11,03%5,50-13,81%
Ratenkredite (36 Monate)6,82%4,33-11,99%
Quelle: FMH-Finanzberatung
Wohn- und Ferienimmobilien-Kompass
Aktualisierte Fassung 2012
PartnerangebotImmobilien suchen in ...
Wohnquartier Report
Suche

Professionelle Bewertung der Wohnumgebung von Immobilien.

PLZ
Ort
Straße, Nr.